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Westersteder Interviewen Zeitzeugin Von einer Frau, die nicht aufgibt

Imke Harms

Westerstede/Hamburg - In der schuleigenen Bibliothek sitzen fünf Schüler. Andächtig, ruhig, ernsthaft, reflektiert und auch ein wenig kleinlaut sprechen sie über ihren Interview-Termin mit Esther Bejerano, der 94-jährigen Auschwitz-Überlebenden. Desinteressierte Jugend? Schüler, denen alles egal ist? Fehlanzeige.

Bejerano hatte die Schüler des Westersteder Gymnasiums zu sich nach Hause nach Hamburg eingeladen. „Wir hätten zwei komplette Kurse hinschicken können“, ist Oberstufen- und Europaschulkoordinator Michael Timpe stolz auf seine Schützlinge, die im Rahmen des Wissenschaftsforums verschiedene Module belegen und sich sehr engagieren. Eines dieser Module heißt „Interview mit Personen der Zeitgeschichte“.

Geschichte konkreter erfahren

Nach Wahlen kristallisierten sich dann insgesamt acht Schüler für das Interview mit Esther Bejerano heraus, drei aus der elften Klasse (Jan Jerzy Stiene, Leona Gebhardt, Jule Möllmann) und fünf aus der zehnten Klasse (Rieke Wiemkers, Franziska Reichel, Janus Röpken, Jan Krüger, Linus Gauler). Die Elftklässler sind derzeit im Praktikum. Die 15- und 16-Jährigen haben sich in verschiedenen Fächern bereits mit dem Zweiten Weltkrieg und seinen Folgen beschäftigt. Durch das Zeitzeugen-Interview sollte alles konkreter werden.

„Wir haben uns andere Interviews mit Esther Bejerano angesehen und uns über ihre Lebensgeschichte informiert“, berichtet Janus Röpken. Es sei schwierig gewesen, die richtigen Fragen zu formulieren, ergänzt Franziska Reichel. „Wir wollten auch nicht in Themen bohren, die sie zu sehr treffen oder verletzen könnten“, offenbart die Schülerin einen Zwiespalt in den Vorbereitungen.

Aufwändige Vorbereitungen

„Wir sind wahrscheinlich die letzte Generation, die die Möglichkeit hat, mit Zeitzeugen zu sprechen. Das sollten wir nutzen“, bringt es Jan Krüger aus dem Interview-Team auf den Punkt. Er gibt zu: „Ich habe mir im Vorhinein schon Gedanken gemacht, wie sie auf uns reagiert, wie das Gespräch wohl wird.“ Diese Sorgen seien aber unnötig gewesen, bestätigen auch seine Mitschüler. „Sie war einfach nur offen, warm und herzlich und hat sehr viel erzählt“, ergänzt Jan Krüger.

„Geschockt“, „beeindruckt“, „berührt“ – das sind drei der Worte, die die Schüler in ihren Erzählungen immer wieder verwenden. Esther Bejerano vertraut den Schülern viele Details an: Sie erzählt, wie sie hat Steine schleppen müssen im Lager, wie sie für das Mädchenorchester vorgeschlagen wurde und Akkordeon spielen sollte – immer dann, wenn neue Deportierte in Auschwitz ankamen, denen fast mit Sicherheit der Tod bevorstand. Esther Bejerano macht auch heute noch Musik – gemeinsam mit der Rap-Band Microphone Mafia. Durch die Musik könne sie ihre Geschichte gut rüberbringen, ist ihre Begründung.

Lebenslauf von Esther Bejerano

Die heute 94-Jährige Esther Bejerano wurde 1924 noch mit den Nachnamen Loewy in Saarlouis im Saarland in eine deutsch-jüdische Familie geboren.

Bereits als Kind entdeckte sie ihr Interesse für Musik und lernte Klavierspielen.

Im April 1943 wurde sie ins Konzentrationslager Auschwitz gebracht. Zu dem Zeitpunkt waren ihre Eltern und ihre Geschwister bereits ermordet worden. Das erfuhr sie aber erst später.

Sie wurde zum Steine schleppen verpflichtet, doch man bemerkte ihre Musikalität. Die Blockältesten schlugen sie für das Mädchenorchester vor, darin sollte sie Akkordeon spielen.

Kurz vor der Befreiung im Jahr 1945 konnte sie mit Freundinnen fliehen.

Noch bis heute liebt Esther Bejerano die Musik. Seit 2009 tritt sie mit der Rap-Band Microphone Mafia auf und setzt sich gegen das Vergessen des NS-Regimes ein. 2013 erschien ihre Biografie „Erinnerungen. Vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Rap-Band gegen rechts“.

Berührende Wirkung

„Diese geschichtlichen Dinge kann einem niemals jemand auf die Art und Weise vermitteln, wie eine Person, die wirklich dabei war“, findet Linus Gauler. „Auf mich hat das Treffen einen großen Effekt gehabt. Ich denke jetzt über einige Sachen noch mal ganz anders nach“, beschreibt auch Jan Krüger.

Beeindruckt habe die Schüler im Nachhinein vor allem, dass Esther Bejerano trotz – oder gerade wegen ihrer Erlebnisse – an der Demokratie festhält. „Sie hat immer wieder gesagt: ,Feuer kann man nicht mit Feuer bekämpfen.’“, so Jan Krüger. Und Bejerano habe irgendwann gemerkt, dass es wichtig ist, über alles zu reden, fügt Rieke Wiemkers hinzu. „Darüber zu berichten, ist für sie glaube ich wie eine Rache an den Nationalsozialisten.“ Esther Bejerano hat niemals aufgegeben, hatte einen absoluten Lebenswillen. Während die Schüler davon erzählen, wirken sie demütig.

Das Versprechen der Schüler

Der Abschiedssatz von Esther Bejerano ist ihnen sonders in Erinnerung geblieben. Immer wieder müsse er an ihn denken, sagt Linus Gauler nachdenklich: „Sie hat uns gebeten, dass wir mithelfen, dass Geschehenes nicht vergessen wird. Wir haben ihr versprochen, dass wir nicht schweigen werden und dafür sorgen, dass die Vergangenheit lebendig bleibt.“

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