WIEFELSTEDE - „Ich wurde in Kolumbien auch mit mir selbst konfrontiert“, sagt Mirjam Rasch. Seit einigen Tagen ist sie wieder in Wiefelstede – nach einem Jahr in Medellin, wo sie, wie berichtet, nach dem Abitur in der „Fundacion arka mundial“ mit beeinträchtigten Menschen gearbeitet hat. „Ich musste eben erst lernen, mit den Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen umzugehen, die sehr überraschend, unerwartet reagieren können“, sagt die 20-Jährige: „Letztlich aber ist das Jahr so schnell vergangen. Es war eine irgendwie unwirkliche, aber tolle Zeit.“
Sprache wichtig
Dabei galt es zunächst durchaus, sich einzugewöhnen. Und das – sagt die Wiefelstederin – geht eben in erster Linie über die Sprache. „Wenn man nicht richtig spanisch sprechen kann, dann kann man zunächst lediglich zuhören. Man ist nicht wirklich Teil der Gemeinschaft und erst einmal irgendwie außen vor.“ Regelmäßig berichtete die heute 20-Jährige auch denNWZ
-Lesern in der Rubrik „Post aus Kolumbien“ von ihren Erlebnissen – und brauchte ein gutes halbes Jahr, um sich einzugewöhnen. Heute, sagt sie, spricht sie zwar immer noch kein perfektes Spanisch, sie versteht aber so gut wie alles und kam sprachlich später auch in Kolumbien gut zurecht. Erst dann gewann sie auch Freunde in dem fremden Land.Zum Schluss Urlaub
Die letzten vier Wochen ihres einjährigen Aufenthaltes hatte die Wiefelstederin Zeit, Urlaub zu machen – war an der Karibik- und der Pazifikküste, hat an letzterer kurz vor dem Heimflug auch einen schönen Tag mit den Lehrern der Fundacion verbracht. Und einen kleinen Ort nahe Cordoba besucht, zu dem lediglich ein einzelner Schienenstrang führt, der von Zügen schon lange nicht mehr befahren wird. „Die Bewohner nutzen Motorräder und zusammengezimmerte ,Beiwagen‘ mit entsprechenden Rädern, um alles Nötige über die Schienen heranzutransportieren“, erzählt die Wiefelstederin von ungewöhnlichen Gefährten. Diese werden – kommt eines von vorn – einfach von den Schienen getragen und später wieder draufgesetzt: „Und weiter geht die Fahrt.“ Kolumbien als Reiseland kann sie klar empfehlen: „Ein unglaublich facettenreiches Land.“
Die fehlenden Jahreszeiten haben mit dazu beigetragen, dass die Wiefelstederin den Verlauf des Jahres in Kolumbien gar nicht so richtig gespürt hat – „eine auch für den Körper ungewohnte Situation“, wie sie sagt. Und eben eine unwirkliche.
Einen langen Abschied hatte sie vermeiden wollen, als sich der Tag des Abflugs nach Deutschland näherte. Einen Abschied aber hat sie bekommen – und alle Kinder haben sie da noch einmal gedrückt. Auch ihr Liebling, die 24-jährige Johana Carolina, mit der sie jeden Tag bis zum Mittag gearbeitet hatte. Man hatte ihnen allen gesagt, dass die Wiefelstederin wiederkommen werde.
Andere Maßstäbe
Eine der schönsten Erfahrungen, die die heute 20-Jährige in Kolumbien gemacht hat, war zu sehen, mit wie viel Spaß und Enthusiasmus die Lehrer der Einrichtung mit den Kindern arbeiteten. „Die Ergebnisse waren nicht groß, aber sie waren da“, macht die Wiefelstederin deutlich, dass bei der Arbeit mit beeinträchtigten Menschen, die meist von anderen Einrichtungen abgewiesen worden waren, andere Maßstäbe des Erfolgs angesetzt werden müssen.
Die Erfahrungen, die die Wiefelstederin selbst im Umgang mit den behinderten Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen gesammelt hat, werden ihr in der Ausbildung zur Ergotherapeutin nützlich sein: Sie beginnt in der kommenden Woche in Oldenburg. Und Mirjam Rasch kann sich vorstellen, nach der Ausbildung noch einmal nach Kolumbien zurückzukehren – für ein weiteres Jahr. „Aber nicht für immer, denn meine Familie und meine Freunde sind hier.“
Keine Entfremdung
Die Freunde waren es auch, die die Wiefelstederin bei ihrer Heimkehr mit einem Plakat begrüßt hatten – mit der Aufschrift „Endlich bist Du wieder da“. „Ich hatte befürchtet, dass beim Wiedersehen eine Entfremdung hätte spürbar sein können“, sagt die 20-Jährige: „Schließlich hatten auch alle Anderen etwas Neues angefangen.“ Aber: „Es war, als wäre ich nur ganz kurz weg gewesen.“
