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Europa Wenn aus Fremden Freunde werden

Wildeshausen/Bialystok - Die Nachricht ging durchs Radio. Die Verantwortlichen erhielten Informationen per Telegramm. Das Begrüßungskomitee wurde immer nervöser. Und selbst der Bahnhofsvorsteher konnte das Eintreffen des Zuges kaum erwarten: 75 polnische Kinder und ihre fünf Betreuern trafen vor genau 30 Jahren mit der Bahn in Wildeshausen ein, um drei Wochen in Gastfamilien zu verbringen. Fast eine Sensation zu jener Zeit. Der Eiserne Vorhang war noch nicht gefallen. Städtepartnerschaften eher die Ausnahme.

Melanie Mudder, die damals noch Ramke hieß, kann sich genau erinnern: „Die Kinder waren müde von der 48-stündigen Bahnfahrt, aber auch sehr aufgeregt.“ Das größte Problem: die Sprachbarriere. „Die Kinder sprachen nur Polnisch. In der Schule war Russisch die einzige Fremdsprache.“ Zudem hatten sie alle Heimweh.

Hinweis in der NWZ

Die Aktion „Patenschaft e.V. Karlsruhe“ mit Rechtsanwalt Rolf Dieter Ruppert an der Spitze hatte in Zusammenarbeit mit dem Landkreis Oldenburg den Austausch angeschoben. „Wir haben aus der NWZ erfahren, dass Gasteltern gesucht werden“, berichtet Melanies Vater Wolfgang Ramke (65). Die Familie sagte zu. „Wir wollten etwas Gutes tun; die Kinder kamen aus sehr armen Familien.“

Die damals 13-jährige Marzanna Niewinska zog bei der Familie Ramke an der Schulstraße in Wildeshausen ein. „Sie hatte ein eigenes Zimmer. So etwas kannte sie von daheim nicht“, erzählt Melanie Mudder. Die ersten drei Tage in der Kreisstadt waren für Marzanna schwer. Sie konnte sich kaum verständigen und hatte großes Heimweh. Erst als Melanie mit ins Zimmer einzog, taute die junge Polin auf. Auch angesichts zahlreicher Aktivitäten: Es gab ein Treffen in der Jugendherberge Hude, ein Spielfest auf dem Jugendzeltplatz Harpstedt und einen ökumenischen Gottesdienst. Doch zumeist spielten die Mädchen zusammen in Wildeshausen. Am Ende des dreiwöchigen Ferienaufenthalts waren aus Fremden Freunde geworden.

Die Familie Ramke schickte Pakete mit Bekleidung und Hilfsmitteln an die Familie Niewinska, die in einem kleinen Ort in der Nähe von Bialystok lebt. Ein Jahr später stand ein Gegenbesuch in Masuren auf dem Programm. Über Briefe, die eine Dame in der Wildeshauser Nachbarschaft übersetzte, wurde der Kontakt gepflegt. „Und dann kam plötzlich die Einladung zur Hochzeit von Marzanna“, erinnert sich Melanie Mudder noch immer ganz gerührt. Da bei ihr aber gerade Prüfungen anstanden, konnte sie nicht zur Feier anreisen. Doch ein halbes Jahr später war die Wildeshauserin, die heute in Ostfriesland lebt, bei der Hochzeit von Marzannas Bruder Marek dabei.

Viele Besuche

Die Freundschaft wird intensiv gepflegt. Die polnische Familie kam zu Gegenbesuchen. Melanie Mudder wurde Patin von Marzannas Sohn Michal, der heute 15 Jahre alt ist. Und Marzanna ist die Patentante von Mudders Sohn Jan-Mathis (7). Zuletzt war die Familie im Juni in Masuren – zur Hochzeit von Marzannas Tochter Patrycja (22).

Schon vor einiger Zeit bedankte sich Melanie Mudder bei der Aktion „Patenschaft e.V. Karlsruhe“, die seinerzeit die Initiative zu dem Austausch ergriffen hatte. Auch ohne die Unterstützung des Landkreises Oldenburg, insbesondere durch Ex-Kreisjugendpfleger Heinz-Joachim Lange, hätte der Austausch nicht stattgefunden. Mudder wäre heute nicht Patentante eines polnischen Jungen. Sie bedauert, dass seinerzeit das Programm nicht fortgeführt wurde. Inzwischen pflegt der Landkreis Oldenburg partnerschaftliche Kontakte mit dem polnischen Kreis Nowe Miasto Lubawskie (Neumark).

Stefan Idel
Stefan Idel Landespolitischer Korrespondent
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