WILDESHAUSEN - An die vermeintlich hoffnungslosen Fälle, die Jugendlichen, die „keinen Bock“ auf Schule haben und sich allem verweigern, richtet sich seit einigen Jahren das aus EU-Mitteln finanzierte Projekt „Die 2. Chance“. „Wir versuchen, diese Jugendlichen wieder zu integrieren, und setzen dabei besonders gerne auf das Bootsbauprojekt der Hunteschule“, berichtet Ursula Biehler von der entsprechenden Koordinierungsstelle für Schulverweigerung.

„Wir wollten seinerzeit eine pädagogische Antwort auf Schulverweigerung finden“, erläutert Thomas Trüper, Leiter der Hunteschule, die Vorgeschichte der Bootswerft, die inzwischen als außerschulischer Lernort in Ahlhorn stationiert ist und von der Viasol gGmbH (Vereinigte Integrationssysteme Oldenburger Land) gefördert wird. Geleitet wird die Werkstatt von Christoph Essing. Parallel zur handwerklichen Arbeit an den dort lagernden Booten findet aber auch „echter Unterricht von echten Lehrern“ statt, wie Biehler betont. Das gewährleisten die beiden Förderschullehrer der Hunteschule, Ingrid Berghaus und Sebastian Fuchs, die jeweils mit fünf Stunden nach Ahlhorn abgeordnet sind. Sechs Plätze umfasst das Bootsbauprojekt, drei Schüler stehen auf der Warteliste, die Zahl der Anfragen ist groß.

„Es gibt keine bessere Möglichkeit für Kinder, die nicht mit der Schule klar kommen, als auf der Bootswerft einen neuen Zugang zum Lernen zu finden“, betont Förderschulkonrektorin Martina Zahl, eindringlich. Das bestätigt Fuchs: „Wenn wir zum Beispiel ausrechnen, welche Bootsflächen wir streichen müssen, verknüpfen wir die handwerkliche Praxis direkt mit der Mathematik.“ Berghaus als Deutschlehrerin legt hingegen Wert darauf, dass ihre Schüler korrekte Vorgangsbeschreibungen zu den Bootsarbeiten schreiben oder anschauliche Berichte über die Segeltörns mit der schuleigenen „Scheerche“ auf dem Zwischenahner Meer. „So lernen die Schüler, ohne dass es auffällt und ohne die klassische Schulsituation“, resümiert Fuchs. In den Genuss des Bootsprojekts können Schüler der Förder-, Haupt-oder Oberschule kommen, die mindestens zwölf Jahre alt sind. In der Regel bleiben sie drei Monate, aber diese Zeit kann auch verlängert werden.

„Die Grundidee ist, dass wir schon bei den ersten Tendenzen eingreifen, die andeuten, dass Schule für den Jugendlichen zum Problem wird, denn dann sind die Erfolgschancen viel größer“, so Fuchs. „Genau hier muss man ansetzen, wenn man die hohe Quote der Schulabbrecher senken will“, meint auch Zahl.

64 Schüler haben das Projekt bislang durchlaufen, die meisten von ihnen erfolgreich. „Die Jugendlichen wollen alle einen Abschluss, aber sie wissen nicht wie“, betont Bieler. Wenn dann trotz Frust und Zukunftsangst „manchmal die Hoffnung erwacht“, sei das sehr berührend.