Neuenburg - „Als ich 1978 hier angefangen habe, mussten wir jeden Tag Milch holen“, erzählt Anke Lammers. Sie ist die Leiterin des Kindergartens im Neuenburger Schloss. „Mit einer großen Milchkanne sind wir damals zusammen mit den Kindern losgezogen. Im Milchgeschäft wurde die Milch dann abgefüllt.“
Erschreckendes Getöse
Das Milchgeschäft – das war neben dem Sattler, dem Fischgeschäft und mehreren Bäckereien eines der vielen Geschäfte in Neuenburg vor 40 Jahren.
„Die Kinder waren alle praktisch gekleidet, sie hatten wetterfeste Schuhe, die Mädchen und Jungen haben viel draußen gespielt“, erinnert sich Anke Lammers an ihre Anfangszeit im Kindergarten im Schloss. Die Geschlechterrollen waren – zehn Jahre nach dem revolutionären Jahr 1968, aufgebrochen. Heute dagegen seien Mädchen häufig wieder sehr mädchenhaft, mit rosa Kleidchen und blonden Löckchen.
Die Kinder seien auch eingeschränkter als noch vor dreißig Jahren – zunehmender Verkehr, kleinere Grundstücke, weniger Landwirtschaft, höhere Ansprüche – das alles hat die Kindheit verändert.
Und es hat sich noch mehr getan: Selten gab es vor Jahrzehnten wirklich ausgefallene Namen. Heute dagegen tragen viele Kinder auffällige Namen aus dem englisch- oder französischsprachigen Raum, nicht selten bekannt aus Filmen. „Viele Namen erzählen etwas über die Sehnsüchte und Träume der Eltern“, sagt Anke Lammers. Aber es gebe auch die Gegenfraktion: Eltern, die ihren Kindern Namen geben, die vor Jahrzehnten populär waren und an früher erinnern.
„Es war alles ein Stück gelassener damals“, sagt Anke Lammers. Heute stünden manche Eltern sehr im Spannungsfeld von Beruf, Familie und dem eigenen Anspruch an sich selbst.
Aber vieles hat sich auch eindeutig zum Guten verändert. „Als ich anfing, gab es im rechten Schlossflügel einen kleinen Turnraum und einen Gruppenraum. In diesem Flügel gingen die Kinder im Heizungsraum zur Toilette. Die Heizungsanlage war durch ein Gitter abgetrennt und fuhr mit riesigem Getöse hoch. Kinder, die dann auf der Toilette waren, liefen oft schreiend davon. Unglaublich, oder?“, erzählt Anke Lammers.
Ein bisschen gruselig kann es auch heute noch werden. Hugo das Schlossgespenst geistert durch die Geheimgänge, bei Übernachtungen werden Spukgeschichten erzählt, und wenn der Chor in den Fluren singt, hallen die Stimmen durch das ganze Schloss.
„Wir haben hier so viele Möglichkeiten, das ist großartig. Ich glaube, so ein großes historisches Gebäude macht auch etwas mit dem Geist“, sagt die Kindergartenleiterin.
Der Nachwuchs hat auch viel Bewegung: Die Kleinen müssen die schweren Schloss-Türen auf- und zumachen, sie müssen den Schlosshof überqueren und auch im Garten gibt es viel zu tun. „Das Schloss bietet einen Fundus an Möglichkeiten für die pädagogische Arbeit“, schwärmt Anke Lammers.
Bildung und Betreuung
Diese pädagogische Arbeit hat sich sehr verändert. In den Anfängen wurde im Kindergarten vor allem betreut. Die Kinder bekommen dagegen heute viel Sozialkompetenz mit, und ihre Fähigkeiten werden früh gefördert. Aus Betreuung ist Bildung geworden.
Waren früher noch Kinderpflegerinnen für die Schützlinge zuständig, heißt die Berufsbezeichnung seit 1967 „Staatlich anerkannter Erzieher“. „Ich würde mir aber wünschen, dass wir Elementarpädagogen heißen. Das wäre für uns die richtige Bezeichnung“, sagt Lammers.
