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NWZonline.de Ratgeber Beruf & Bildung

Zeichnen, schlagen, fühlen: Wie werde ich Steinmetz/in?

15.10.2020

Dorsten/Gelsenkirchen (dpa/tmn) - Strg+Z: Einen Rückgängig-Befehl wie beim Computer gibt es für Lena Tilsner nicht. Die 21-Jährige steht am Anfang ihrer Ausbildung in der Steinbildhauerwerkstatt von Rainer Kühn in Dorsten.

Sie hat die Ausbildung gewählt, weil sie etwa Neues ausprobieren und neue Erfahrungen machen wollte. Nach ihrer Ausbildung zur Bauzeichnerin wusste sie, dass sie nicht den ganzen Tag im Büro sitzen wollte, um nur ein kleines Teilstück eines großen Ganzen zu erzeugen.

Steinmetze sind die Experten, wenn es um die Bearbeitung von Stein geht. Sie arbeiten auf Friedhöfen, auf dem Bau, an Kirchen als Restauratoren, im Innenausbau für Eisdielen, Küchenstudios und Mischbetrieben. Sie erhalten außerdem wertvolle Kulturdenkmäler, wie zum Beispiel Statuen, Brunnen und Fassaden.

Eine gute Vorstellungskraft ist Voraussetzung

In der Werkstatt ihres Ausbildungsbetriebs bearbeitet Tilsner mit Knüpfel und Schlageisen einen großen Kalkstein. Es ist eine "freie Form" und soll ein Anker werden, sagt sie. Kreative Ideen, ein Sinn für Schönes sowie eine gute Vorstellungskraft sind Voraussetzung, wenn es um den Steinmetzberuf geht. Schließlich brauchen die Azubis ein Gefühl dafür, welcher Stein sich für ein Projekt eignet und welches Relief, welche Schriften und Ornamente gut zueinander und zum jeweiligen Auftrag passen.

Im Arbeitsalltag des Steinmetzes entstehen alltäglich neue Dinge und Formen. "In unserem Bereich der Grabmalgestaltung bedienen wir Kunden, denen der Sinn und nicht die Zweckmäßigkeit im Vordergrund steht", sagt Rainer Kühn, Chef der Steinbildhauerwerkstatt.

"Fangt an zu lauschen, lauscht euren Gedanken, euren Gefühlen, dem Leben", so klingt das, wenn der Steinmetz seinen Auszubildenden Anweisungen gibt. Warum wird aus der frei gewählten Form des Kalksteins ein Anker? Was hat das zu bedeuten? Wofür steht der Anker? Was möchte man zum Ausdruck bringen? Diese und noch mehr Fragen stellt er. Bei Rainer Kühn lernt man mehr als die reinen technischen Fingerfertigkeiten, aus einem Stein eine Skulptur oder einen Grabstein herzustellen.

Mit Empathie und Einfühlungsvermögen

Der Steinmetz ist einer der ältesten Berufe. Schon die Pyramiden und Gräber der Pharaonen wurden von Steinmetzen gemacht. Der Tod ist in dem Beruf präsent. Oft hat man es mit trauernden und verletzten Menschen zu tun, denen man mit viel Empathie und Einfühlungsvermögen begegnen sollte. Gefühle jeglicher Art zuzulassen, ihnen zuhören, mache im Endeffekt reifer und weiser, so die Meinung von Rainer Kühn.

Die Ausbildung wird in zwei Fachrichtungen angeboten: Steinmetzarbeiten und Steinbildhauerarbeiten. Die Spezialisierung erfolgt ab dem dritten Ausbildungsjahr. Steinbildhauer stellen plastische Natursteinarbeiten her. Im Gegensatz zum Steinmetz sind ihre Arbeiten eher gestalterisch und weniger geometrisch.

Die Ausbildungsvergütung kann sich je nach Betrieb unterscheiden. In tarifgebundenen Betrieben erhalten Auszubildende laut Angaben der Bundesagentur für Arbeit im ersten Lehrjahr 530 Euro brutto pro Monat. Die Vergütung erhöht sich im zweiten Jahr auf 620 Euro und im dritten Lehrjahr auf 720 Euro brutto monatlich.

Kreative Köpfe werden gesucht

Auch wenn für die Ausbildung keine bestimmte Schulbildung vorgeschrieben ist, stellen Betriebe überwiegend Auszubildende mit mittlerem Bildungsabschluss ein. In der Berufsschule stehen unter anderem Fächer wie Kunst und Werken oder technisches Zeichnen sowie Freihandzeichnen auf dem Stundenplan.

Pro Jahr beginnen rund 300 bis 350 junge Menschen bundesweit eine Ausbildung zum Steinmetz, so Jürgen Brückmann, Ausbildungsberater von der Handwerkskammer in Münster (HWK). "Gut ausgebildete Steinmetze, die flexibel, ausdauernd und auch kreativ sind, werden immer gesucht", meint Brückmann.

Vom Azubi zum Bachelor in Bildhauerei

Nach bestandener Gesellenprüfung kann die Karriere weitergehen:  Steinmetze können etwa die Meisterprüfung machen, Restaurator im Handwerk werden oder eine Betriebsleitertätigkeit in Sachen Kalkulation, Baustellenmanagement ausüben. "Die Zukunftsaussichten sind meiner Meinung nach sehr gut, weil auch das Thema Bauen im Bestand - also Restauration, beziehungsweise Verschönerungen und gestalterische Elemente auch viele private Bauherren umtreibt", erzählt Brückmann.

Mit Fachhochschulreife, Abitur oder dem Meisterbrief besteht die Möglichkeit nach einem Studium an der Hochschule einen Bachelor in den Fachrichtungen Architektur, Plastik/Bildhauerei oder Design anzuschließen.

© dpa-infocom, dpa:201002-99-802156/5

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