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NWZonline.de Ratgeber Beruf & Bildung

Tippen: Braucht man noch „10 Finger?“

23.05.2020

Zürich /Dortmund Wer das Zehnfingersystem gelernt hat, ist meist mächtig stolz darauf. Und wer beim Tippen eher nach dem Adlersuchsystem verfährt, preist gern die eigene Technik an. Aber ist das eine tatsächlich effektiver als das andere? Und muss man das Zehnfingersystem überhaupt noch lernen?

Die Ursprünge des sogenannten Blind- bzw. Zehnfingerschreibens reichen bis in das 19. Jahrhundert. Erfunden haben soll es der Stenograf Frank Edward McGurrin. Seine Strategie, eine Tastatur zu benutzen, ohne auf die Tasten zu schauen, hat sich über Generationen hinweg durchgesetzt.

Das prinzip

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Das Prinzip des Zehnfingerschreibens ist einfach. Es gibt die sogenannte Grundposition. Die Finger der linken Hand belegen dabei die Tasten A, S, D, F -– angefangen mit dem kleinen Finger auf dem „A“. Die Finger der rechten Hand liegen ab dem Zeigefinger auf J, K, L und Ö. Von dort aus geht es nach unten oder oben zu dem nächstgelegenen Buchstaben. Die Daumen schweben über der Leertaste.

Doch braucht es das System weiterhin? „Wir haben bisher keine bessere Art entwickelt, wie wir jemandem Tippen beibringen können. Somit ist es weiterhin das beste, aber auch das einzige System, auf das wir zurückgreifen können“, fasst Anna Maria Feit zusammen. Sie arbeitet am Lehrstuhl für Informatik an der ETH Zürich und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit dem Themenbereich der Texteingabe. Die Forscherin ist von der Methode zwar „nicht überzeugt“, mangels Alternativen erlaubt sie sich jedoch „keine zu strenge Meinung“.

2016 hat Feit mit anderen Forschern an der Aalto-Universität in Helsinki unterschiedliche Tastschreibstile untersucht und mit dem Zehnfingersystem verglichen. Das Ergebnis: Teilnehmende, die sich eine eigene Technik aneignet hatten, waren zum Teil genauso schnell wie 10-Finger-Tipper. Allerdings zeigte sich in der Studie, dass sie deutlich häufiger auf ihre Finger und die Tastatur schauten.

Finger kennen Wege

Das bestätigt Regina Hofmann vom Deutschen Stenografenbund. Sie kenne niemanden, der mit Eigensystem blind tippt. „Beim Zehnfingersystem hingegen gucken Sie nicht mehr auf die Tastatur. Sie wissen, welche Wege die Finger zu gehen haben“.

Das wiederum kann der Gesundheit entgegenkommen, meint Thomas Brockamp, Präventionsexperte der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU). „Wenn man das Zehnfingersystem beherrscht, hat man eine gut strukturierte Führung der Hand. Denn ähnlich der Haltung eines Klavierspielers, sollte darauf geachtet werden, dass das Handgelenk nicht abknickt“.

Je einfacher einem das Tastschreiben falle, umso mehr könne man sich auf die richtige Haltung der Hand konzentrieren, erläutert der Facharzt. „Anders, als wenn man immer überlegt, wo jetzt der nächste Buchstabe ist“.

Das Zehnfingersystem zu lernen, kann sich also lohnen. Wer will, bringt es sich selbst mit Büchern oder Online-Programmen bei, sogar Filme gibt es.

Seit Langem bieten Volkshochschulen zudem Kurse für Kinder und Jugendliche an. Regina Hofmann sieht darin einen Vorteil: „Je früher man das Zehnfingerschreiben lernt, umso besser kann man es anwenden.“

Selbst Anna Maria Feit hält das ungeachtet ihrer Skepsis für wichtig. „Ich habe schon Jugendliche kennengelernt, die mir gesagt haben, sie besäßen gar keine Tastatur oder schrieben nie darauf. Sie hätten ihr Handy dafür.“ Klar: Die Bedeutung von Sprachassistenten und Transkriptionsprogrammen wächst.

„Ich denke dennoch nicht, dass das Erlernen des Zehnfingersystems dadurch überflüssig wird“, sagt Jan Kluczniok vom Online-Portal „Netzwelt“. Man werde auch künftig eigenständig Korrekturen oder Umstellungen am diktierten Text vornehmen müssen.

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