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In Afrika Aufgewachsen Zurück in der Heimat – und trotzdem fremd

Rahel Arnold

Hohenkirchen - Deutschland als ihre Heimat anzunehmen – das hat nie so richtig funktioniert. Irgendwie ist Carla Thiemann Deutsche, irgendwie aber auch nicht. Dass „Deutsche“ in ihrem Pass steht, spielt nur eine formale Rolle. Richtig verstanden hat sie dieses Land mit den vielen Regeln und der enormen Bürokratie nie: „Ich habe mich hier nie zurechtgefunden, aber ich bin trotzdem froh, dass ich wieder hier bin“, sagt sie: „Hier gibt es sehr viele Grundrechte.“

Die 50-Jährige sieht aus dem Fenster im zweiten Stock – vor ihr liegt die Gorch-Fock-Straße in Hohenkirchen. Das Migrantenviertel. Seit gut einem Jahr lebt sie hier mit ihren drei Kindern, floh vor der politisch unsicheren Lage in Ägypten.

Sie hilft jetzt anderen Flüchtlingen beim Einleben, ist für sie da, wenn die Angst vor einer Abschiebung zu groß wird, wenn Tränen fließen, wenn sie im neuen Leben im fremden Land und der fremden Kultur an ihre Grenzen stoßen.

Im Dorfgemeinschaftshaus Hohenkirchen gibt Carla Thiemann Deutschunterricht. Manchmal gibt sie auch in ihrer Wohnung Nachhilfe, der Block mit den arabischen Schriftzeichen und den deutschen Wörtern liegt auf dem Küchentisch.

Gut 25 Flüchtlings-Familien leben derzeit in Hohenkirchen, sie kommen aus Albanien, dem Kosovo, Montenegro, Serbien, Syrien, Iran, Afghanistan, Somalia, dem Nahen Osten. „Diese Menschen wollen sich hier einbringen, auch wenn sie nicht freiwillig hier sind. Sie sind hier, weil sie in ihrem eigenen Land nicht mehr leben können – dort haben sie keine Zukunft“, sagt Carla Thiemann. „Wer eine Duldung bekommt, ist erstmal erleichtert. Für die Verwaltung sind die Menschen oft nur Nummern.“

Weil die Flüchtlinge in Deutschland nicht arbeiten dürfen, aber trotzdem etwas tun wollen und der Gesellschaft etwas zurückgeben möchten, die ihnen Sicherheit und Asyl – zumindest auf Zeit – gewährt, engagieren sich einige ehrenamtlich: Ein iranischer Familienvater hilft als „Mädchen für alles“ im Freibad aus. Im Iran hat er als Chemiker in einer Erdölfirma gearbeitet. Ein Mann aus Somalia ist bei der Freiwilligen Feuerwehr aktiv.

Die Kinder der Flüchtlinge gehen in Hohenkirchen in den Kindergarten und in die Schule, sie lernen die neue Sprache, finden Freunde und helfen so auch ihren Eltern, sich zurechtzufinden. Auch wenn nicht alles gut ist, haben sie jetzt eine Chance auf ein halbwegs normales Leben.

Großes Heimweh

Es gebe zwar auch solche Flüchtlinge, die sich zurückziehen – „aber“, sagt Carla Thiemann: Sie kommen oft aus neuen (Naher Osten, Afrika) oder alten Kriegsgebieten (Jugoslawien), haben Schreckliches erlebt, werden verfolgt oder haben Angehörige verloren.

Um nach Deutschland zu gelangen, haben sie oft große Strapazen auf sich genommen, haben sich in ihrer Not mit Schlepperbanden eingelassen, erzählt Carla Thiemann. „Für diese Menschen ist es eine grausame Vorstellung, wieder in die Hölle zurückzumüssen, aus der sie gekommen sind – einerseits. Denn andererseits plagt sie das Heimweh nach dem eigenen Land, der eigenen Kultur.“

Das Gefühl von Heimatlosigkeit kennt auch Carla Thiemann gut. Sie wurde in Marokko als Tochter deutscher Eltern geboren. „Dort ging ich auf eine französische Schule, machte Abitur“, sagt sie.

„Ich gehörte nicht dazu, denn ich konnte kein Arabisch und die Marokkaner waren skeptisch gegenüber uns Deutschen – auch wegen der Kolonialisierung“, sagt Thiemann. Als kleines Mädchen waren die Unterschiede weniger spürbar, oft hat sie mit den Kindern der marokkanischen Arbeiter gespielt, ist in ihren Häusern ein- und ausgegangen. „Als Heranwachsende war das nicht mehr üblich“, erklärt sie.

Nach dem Abitur hat der Vater sie nach Deutschland geschickt: In Bremen sollte sie die höhere Handelschule besuchen, eine gute Ausbildung bekommen. „Es hat mir dort nicht gefallen“, sagt Thiemann.

Sie zog nach Göttingen, studierte Arabistik und Ethnologie: „Vielleicht weil ich begreifen wollte, warum bis heute in allen Ländern die Kulturen gespalten sind“, sagt sie. „Ich wollte einfach verstehen lernen, unbedingt.“

Aber das, was die Professoren in der Ethnologie lehrten, gefiel Carla Thiemann nicht. „Es war die Art und Weise, wie sie über die Menschen geredet haben“, sagt sie. Auch das Arabischlernen funktionierte an der Universität nicht so, wie sie gehofft hatte: „Es war rein wissenschaftlich und nicht praxisbezogen.“

„Ich beschloss also, für ein Jahr nach Syrien zu gehen. Ich schrieb mich als Studentin an einer Schule ein, die eigentlich für Diplomaten gedacht war“, sagt sie. Und dort lernte die damals 23-Jährige Ende der 1980er Jahre Arabisch.

„Das war ganz toll, danach ging alles viel einfacher“, erinnert sie sich. Mit 28 Jahren beendete sie erfolgreich ihr Studium. Und dann war da erstmal nichts mehr: „Wie soll ich in Deutschland Geld verdienen?“, fragte sich Carla Thiemann.

Familie in Ägypten

Sie nahm Kontakt zu einer belgischen Sprachschule auf, dort wollte sie als Arabisch-Lehrerin anfangen. Weil Ägyptisch der am meisten verbreitete Dialekt ist – auch unter Arabischlehrern – entschied sie sich für ein weiteres Jahr im europäischen Ausland: Sie ging nach Ägypten. „Und da habe ich mich verliebt“, sagt sie. In einen Ägypter, der an einer islamischen Universität Deutsch gelernt hatte. „Ich spürte, das wird länger dauern.“

Sie heiratete, lebte mit ihrem Mann in Scharm El-Scheich. Die Ehe war schwierig, 2007 trennte sie sich, zog mit den Kindern nach Kairo. „Da habe ich mich so durchgeschlagen“, sagt sie.

Das ging einige Jahre gut, dann kam der Arabische Frühling und damit der politische Umschwung. „Es wurde immer fanatischer, islamistischer – das gefiel mir nicht.“

Nach 20 Jahren in Ägypten blieb schließlich nur noch die Flucht nach vorn: Zurück nach Deutschland, in das Land, das ihre Kinder nur aus Erzählungen kennen.

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