Oldenburg - Zwei weiße Pflaster am linken Unterarm schützen die Bisswunden, die der zweijährige Yasin während der Pitbull-Attacke in Oldenburg erlitten hat. Die Spuren des Angriffs scheinen den Jungen aber nicht weiter zu interessieren – er spielt an diesem Morgen viel lieber mit seiner Schwester und knabbert an einem Croissant. Yasin strahlt dabei pausenlos, fast so, als wolle er sagen: „Macht euch keine Sorgen, mir geht es gut!“
So entspannt und lebensfroh wie Yasin sind fünf Tage nach der Attacke aber nicht alle. Seine Mutter Nuha, Tante Tugce und Oma Dilek haben den schlimmen Vorfall ebenfalls miterlebt. Als Dilek im Gespräch mit unserer Redaktion den Angriff noch einmal schildert, kommen ihr die Tränen. „Der Hund war wie im Blutrausch“, erinnert sie sich: „Es hätte viel, viel schlimmer enden können.“
An Dileks Ellbogen kleben ebenfalls zwei Pflaster. Zudem hat der Hund sie noch an der Oberlippe erwischt. Ihre Tochter und Schwiegertochter kamen hingegen mit dem Schrecken davon – der aber immer noch sehr tief sitzt. Und die seelischen Wunden, befürchten die Frauen, werden so schnell auch nicht verheilen. Zu extrem sei die Erfahrung auf einem Parkplatz am Stiller Weg gewesen.
Der Angriff
Schon wenige Augenblicke vor dem eigentlichen Angriff stürmte der Hund an Yasin vorbei. Eine Aufnahme dieser Szene liegt unserer Redaktion vor und beweist, dass von der Halterin in diesem Moment weit und breit nichts zu sehen ist. Kurz danach kehrt der Pitbull zurück, der es offenbar nur auf Yasin abgesehen hat. Das glauben zumindest die Frauen.
Sie erzählen, dass der Hund erst Yasin und dessen Tante angesprungen habe. Als Yasin kurz danach auf dem Arm seiner Oma ist, greift er sie an. Er erwischt Yasin am Arm, Dilek am Ellbogen und im Gesicht. „Davon habe ich gar nichts gemerkt, weil mein Körper voller Adrenalin war“, sagt Dilek.
Wenige Sekunden später taucht auf dem Parkplatz ein Nachbar auf, der vermutlich die Schreie der Familie gehört hat. Er springt auf den Hund und verschafft den Frauen dadurch die nötigen Sekunden, um ins Auto zu flüchten. Sie verschließen die Türen und wissen, dass ihnen der Hund nichts mehr antun kann – auch wenn er noch einmal am Fenster von Yasin hochspringt und seine Lefzen zurückzieht, wie Dilek den Vorfall schildert.
Der Lebensretter
Im Auto alarmieren die Frauen umgehend die Polizei. Ein Beamter tötet den aggressiven Hund mit 14 Schüssen. Zwischen dem ersten Angriff und dem letzten Schuss vergehen nach Einschätzung von Yasins Mutter Nuha vielleicht fünf, maximal zehn Minuten. „Es fühlte sich aber viel länger an“, sagt sie.
Erst im Krankenhaus treffen sie auf den Nachbarn, der sich beherzt auf den Hund gestürzt hatte. „Ohne ihn wäre mein Sohn jetzt wahrscheinlich tot“, glaubt Nuha. Den Mann, der Bisswunden an beiden Armen davon getragen haben soll, bezeichnen die Frauen jedenfalls als „unseren Helden“.
Der Fortgang
Ganz anders verhält sich logischerweise das Verhältnis zur Besitzerin des Pitbulls, die laut Dilek schon häufiger einen verwirrten Eindruck hinterlassen haben soll. Die Halterin habe sich bislang auch noch nicht bei ihnen gemeldet oder gar entschuldigt. Für eine telefonische Anfrage war die Halterin am Montag nicht zu erreichen.
Zwar ermittelt die Polizei wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung gegen die Halterin. Die Opfer ziehen eigenen Angaben zufolge aber trotzdem juristische Schritte in Erwägung.
