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Klar und stark statt voll und aggressiv

17.05.2018

Ahlhorn Simon ist 24 und hat reichlich Gewalterfahrungen. „Wenn Du etwas ändern willst, dann wird es höchste Zeit“, denkt er sich. Geboren wurde der junge Mann in Düsseldorf, aufgewachsen ist er in Essen, später wohnte er in Paderborn. Seit sechs Monaten lebt er in der Ahlhorner Dietrich-Bonhoeffer-Klinik, einer Einrichtung der Diakonie im Oldenburger Land für junge Suchtkranke zwischen 14 und 25 Jahren.

Simon sitzt neben Christoph Rohr, bei dem er ein Anti-Gewalt-Training absolviert. „Das läuft so ab wie in einer Selbsthilfegruppe. Wir sprechen viel miteinander und machen gemeinsam auch mal Ausflüge. Einmal sind wir im dicken Schnee auf dem Brocken gewesen, das war krass“, erzählt Simon.

„Krass“ gehe es manchmal auch in der Gruppe zu. Denn Christoph Rohr, seit 32 Jahren in der Bonhoeffer-Klinik tätig, setzt auf die konfrontative Pädagogik, „da überspanne ich den Bogen vielleicht auch mal“, gibt er zu. „Wir machen hier keine Engel. Entscheidend ist, wie wir in der Gruppe mit diesen eskalierenden Momenten umgehen“, betont der erfahrene Anti-Gewalt-Trainer „mit Hafterfahrung“. Als 20-Jähriger saß Rohr für 15 Monate in Haft. Jetzt hilft er jungen Leuten zurück in die Spur, „und es klappt“, betont Simon.

Für Jovan (25) aus Jamaika ist es bereits der zweite Besuch in der Bonhoeffer-Klinik. Auch er nimmt am Anti-Gewalt-Training teil. Jemand aus der Einrichtung habe ihn mehrfach provoziert, „da bin ich irgendwann auf ihn losgegangen. Das war nicht gut“, zeigt Jovan sich einsichtig.

Das Anti-Gewalt-Training ist nur einer von vielen Bausteinen, auf den die Klinik setzt, um ihre 50 Patienten innerhalb von jeweils etwa sechs Monaten so weit aufzubauen, dass sie ein eigenständiges Leben führen können. „Entscheidend für diese jungen Menschen, die oftmals aus völlig zerrütteten Elternhäusern kommen, schon in jungen Jahren schlimme Gewalterfahrungen machen mussten und sich dann in Alkohol oder andere Drogen flüchten, ist, dass sie eine Tagesstruktur bekommen“, sagt Silvia Steinhagen, Assistenz der Einrichtungsleitung.

7 Uhr wecken, 7.45 Uhr Frühstück, vormittags Arbeits- oder Kunsttherapie, 12 Uhr Mittagessen, 13 Uhr ärztliche Sprechstunde, 13.15 Uhr Tabakentwöhnung, 13.45 Gesundheitsinformation Ernährung/Hygiene gefolgt von Haushaltstraining, Sporttherapie, Abendessen, nochmal Sporttherapie, Ohrakupunktur, Männersauna und schließlich Nachtruhe um 23 Uhr.

So in etwa sieht ein typischer Wochenstart in der Bonhoeffer-Klinik aus. Das Konzept geht auf. „Natürlich nicht in allen Fällen, aber häufig gelingt es uns, die jungen Menschen so weit zu stabilisieren, dass sie auf eigenen Beinen stehen können. Häufig sind Anschlussbehandlungen nötig, manchmal sehen wir Patienten hier bei uns wieder“, erläutert Gunter Burgemeister, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie.

Am Mittwoch hat der Chefarzt der Klinik viel Besuch. Was macht junge Abhängigkeitskranke gesund? Eine einfache Frage mit vielen Antworten. Im Rahmen eines Fachtags vermittelt die Klinik mehr als 90 Fachleuten Antworten auf diese Frage.

Eingeladen waren Partner der Suchthilfe, vor- und nachbehandelnden Stellen sowie Mitarbeiter der Jugendhilfe. „Sucht ist eine Krankheit“, erklärt Chefarzt Burgemeister in seinem Vortrag am Vormittag. „Suchtstoffe führen zu Veränderungen im Gehirn und an den Nervenzellen der Patienten. Das Gehirn passt sich auf der zellulären Ebene an die Zufuhr von Alkohol und Drogen an. Das führt zur deutlichen Veränderungen im Denken, Fühlen und Handeln bei den Patienten. Schon nach zweiwöchigem Gebrauch lassen sich die zerstörerischen Auswirkungen von Drogen in Tierversuchen nachweisen“, warnt Burgemeister. Das Netz der Nervenzellen verändere sich so stark, dass es sich selbst nach sieben Jahren Abstinenz nur teilweise regeneriert habe.

Wie lässt sich die psychische Gesundheit für Suchtkranke zurückbringen und welche Aspekte tragen zum körperlichen Wohlbefinden bei, fragt Hauptreferent Prof. Dr. Michael Klein. Seinen Worten zufolge werden Suchterkrankungen ebenso wie andere psychische Erkrankungen häufig in Familien weitergegeben. „Kinder aus solchen Familien haben ein deutlich erhöhtes Gefährdungspotenzial, selbst eine Suchterkrankung zu entwickeln. Nur ein Viertel der Kinder bleibt psychisch gesund, warnt der Psychologe und Psychotherapeut.

Die beiden Patienten Simon und Jovan sind krank geworden und in Ahlhorn gelandet. Aber sie haben den starken Willen, das Haus so stark verlassen zu können, dass sie irgendwann ein eigenständiges Leben führen können. „Es wird ja höchste Zeit“, sagt Simon noch einmal.

„Ich in Bewegung zwischen Licht und Schattenseiten“: Diesen Titel trägt ein jetzt erschienenes Buch verschiedener Autoren, die in der Dietrich-Bonhoeffer-Klinik für junge Suchtkranke in Ahlhorn tätig sind.

Zum Inhalt: Suchtrehabilitation aus der Sicht des Mediziners, der Psychologen und Therapeuten mit der immerwährenden Frage im Hinterkopf „Was macht unsere jugendlichen Süchtigen gesund?“. Eine Reise durch Sucht, Behandlung, Verzweiflung und Hoffnung – für die Jugendlichen ein schwerer und auch schmerzhafter Weg – aber kein einsamer Weg, denn Empathie, Vertrauen und das Gefühl zu bekommen „Ich bin was wert“ sind Fixpunkte, die ein Vorankommen erleichtern. All jene, die das Wagnis eingehen, das Ziel eines suchtfreien Lebens anzusteuern, werden begleitet, betreut, aufgefangen und getröstet. Ob das angestrebte Ziel jemals erreicht wird, steht nicht fest – die Route führt durch unsichere und für viele unbekannte Gewässer – doch wir gehen – manchmal auch mit Pausen.

Das Buchhat 176 Seiten und kostet 18,99 Euro; ISBN: 978-3-7308-1447-5.


     www.dietrich-bonhoeffer-klinik.de 
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