Lastrup - Am Tag danach turnt der kleine Markus wieder fröhlich über das Sofa in der Diele. Draußen vor dem Bauernhaus im Lastruper Ortsteil Kneheim lacht die Sonne vom blauen Märzhimmel. Nichts deutet auf die dramatische Nacht am Strohhauk hin. Allenfalls die angekokelten Matratzen und das Bettgestell, die hinter dem Haus liegen, sind Anzeichen für das, was sich nach Mitternacht im Haus der Familie Ottenweß abgespielt hat.
Im Schlafzimmer der Eltern war ein Feuer ausgebrochen. In dem Raum schlief zu diesem Zeitpunkt nur der dreijährige Markus. Der Knirps wachte zum Glück auf, bemerkte Qualm und alarmierte den Vater, der im Erdgeschoss saß. „Markus war unser Retter“, sagt Anton Ottenweß. „Er ist ein kleiner Held.“ Stolz blickt der 53-jährige Landwirt auf seinen blonden Sohn. „Ich bin ein großer Junge“, quiekt der kleine Markus fröhlich dazwischen.
„Wenn der Kleine das nicht gemacht hätte, hätten wir sechs Tote gehabt“, macht der Lastruper Gemeindebrandmeister Walter Schumacher (53) die ganze Dimension des Beinahe-Dramas deutlich.
Dank Markus heißt es im Polizeibericht am nächsten Tag nur lapidar: „Das Gebäude wurde durch den Brand nicht betroffen. Insgesamt entstand nur geringer Sachschaden.“
Doch der Reihe nach.
Es ist 0.26 Uhr Donnerstagnacht, als die Alarmmeldung der Großleitstelle Oldenburg in Lastrup eintrifft. Gemeindebrandmeister Schumacher weiß sofort, was die Stunde geschlagen hat. „B4Y“ lautet der Einsatzcode: „großer Gebäudebrand, Menschenleben in Gefahr“. Nur acht Minuten später erreicht Schumacher den einsamen Bauernhof am Strohhauk. Sechs Feuerwehrfahrzeuge aus Lastrup rasen heran, ein Drehleiterwagen kommt aus Cloppenburg, ein Tanklöschfahrzeug aus Molbergen. Drei Krankenwagen fahren vor, die Polizei ist da. Sirenengeheul durchschneidet die stille und klare Nacht in der ländlichen Gegend.
Schwarze Wände
Die Familie Ottenweß hat sich unten in der Diele versammelt, als die Rettungskräfte eintreffen. Während die Feuerwehr mit vier Atemschutztrupps die Treppe hinauf stürmt, um den Brand zu löschen, werden Anton Ottenweß, seine Frau Dorothee (37) und die Kinder Markus, Franka (7), Niklas (8) und Rosa (12) vorsorglich ins Krankenhaus von Vechta gebracht. Alle haben Qualm eingeatmet. Der Verdacht auf Rauchgasvergiftung bestätigt sich jedoch nicht.
Am Tag danach betrachtet Anton Ottenweß zusammen mit einem Versicherungsvertreter den Schaden. Das Schlafzimmer ist völlig durchgerußt, schwarze Wände überall. Immer wieder wird der Landwirt nach den Ereignissen der Nacht gefragt. „Ich war am Fernseher“, sagt Ottenweß. Plötzlich habe Markus auf der Treppe gestanden. „Papa, bei mir brennt es.“ Als er die Tür zum Schlafzimmer geöffnet habe, sei ihm eine Stichflamme entgegen geschlagen. Die anderen Kinder hätten im Zimmer nebenan geschlafen.
Defekter Stecker
„Ich hab nicht geschlafen“, mault Niklas, der vielleicht nicht den ganzen Ruhm seinem kleinen Bruder überlassen will. „Ich hab es gerochen.“ Markus und Schwester Franka präsentieren derweil stolz ihre Trost-Teddys, die sie im Krankenhaus bekommen haben.
Für die Polizei ist die Brandursache schnell klar. Ein stromführender Stecker sei unter dem Kinderbett in Brand geraten, teilt die Polizeiinspektion Cloppenburg mit. Davon geht auch die Feuerwehr aus. Anton Ottenweß vermutete eher, dass eine heruntergefallene Lampe den Brand ausgelöst hat. Der kleine Markus kann das nicht aufklären. „Bei mir im Bett war so ein großes Feuer“, berichtet er mit großen Kinderaugen. Doch Markus gerät offensichtlich nicht in Panik, macht sogar instinktiv die Zimmertür hinter sich zu, bevor er den Vater alarmiert, und schneidet so dem Feuer die Sauerstoffzufuhr ab. „Dann wäre der Teufel los gewesen, wenn der Kleine nicht gekommen wäre“, betont Vater Anton an dieser Stelle noch einmal.
Bevor es ans Aufräumen geht, muss noch ein Sachverständiger den Schaden begutachten. Anton Ottenweß sieht dem gelassen entgegen. Erfahrung mit Brandunglücken hat der Landwirt ja – leider. Ottenweß kramt einen Zeitungsartikel aus dem Jahr 1998 hervor. Damals waren durch ein defektes Kühlaggregat sämtliche Ställe abgebrannt. Auch am Wohnhaus hatten die Flammen geleckt, die schwarzen Stellen im Eingangsbereich sind noch immer sichtbar. Der Schaden belief sich seinerzeit auf 1,8 Millionen Euro. Verletzt wurde niemand. Seine Familie habe wohl zweimal einen Schutzengel gehabt, seufzt Ottenweß. Diesmal hat der Schutzengel sogar einen Namen: Markus.
