• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Nachrichten Panorama Blaulicht

Mario Dieringer pflanzt Bäume gegen die Trauer

10.09.2016

Wehnen /Offenbach Manchmal ist es nur ein Wort, zum Beispiel: Rosine.

Er starrt auf den Fernseher, es läuft ein Werbespot, jemand sagt: „Rosine“, und alles ist wieder da. Der Schmerz. Die Trauer. Jürgen.

Jürgen und er in der Bäckerei, ein Apfelkuchen, Jürgen kreischt: „Igitt, da sind ja Rosinen drin!“, und der ganze Laden biegt sich vor Lachen. Jetzt, allein vor dem Fernseher, weint Mario Dieringer, stundenlang.

Gibt es etwas Schlimmeres, als einen geliebten Menschen zu verlieren? Ja, sagt Mario Dieringer, 49 Jahre alt, das gibt es: einen geliebten Menschen durch Suizid zu verlieren. Dann bohrt nicht nur der Verlustschmerz in den Eingeweiden, dann sind da auch noch diese anderen bösen Gefühle.

1. Vorwürfe: Ich habe es nicht verhindert! Ich war nicht da!

2. Selbstzweifel: Ich war nicht gut genug! Ich war es nicht wert, dass er bleibt!

3. Fragen: Was wäre, wenn ich nicht weggefahren wäre? Wenn ich den Medikamentenschrank ausgeräumt hätte?

Jürgen, 48 Jahre alt, litt seit Langem an Depressionen. Am 27. März 2016, Ostersonntag, brachte er sich um. Mario, sein Freund und Partner, war übers Osterwochenende nach Berlin gefahren.

Ostern, noch so ein Wort. Wieder bricht es aus Mario Dieringer heraus: „Bis ans Ende meiner Tage werde ich das mit mir herumschleppen!“

Hauptgrund: Depression

1 000 0000, eine Million. So viele Menschen töten sich nach Berechnungen der Weltgesundheitsorganisation WHO weltweit jährlich selbst. Fast alle 30 Sekunden stirbt ein Mensch durch eigene Hand. Suizid ist die zehnthäufigste Todesursache, in der Altersgruppe der 15- bis 29-Jährigen sogar die zweithäufigste.

Weltsuizidpräventionstag Am Sonnabend

An die Suizid-Toten und ihre Angehörigen erinnert an diesem Sonnabend der Weltsuizidpräventionstag, veranstaltet u.a. von der Weltgesundheitsorganisation WHO. Aktionen sind in verschiedenen Großstädten geplant, zum Beispiel in Hamburg und Hannover.

Zum Projekt „Footpath of Life“ gibt es Informationen in bislang sechs Sprachen im Internet:

www.footpath-of-life.com

Die meisten Menschen bringen sich prozentual in Litauen um, gefolgt von Südkorea, Sri Lanka, Russland. Tendenziell töten sich mehr Menschen in ärmeren Ländern als in wohlhabenden und mehr ältere als jüngere.

In Deutschland begehen jährlich fast 10 000 Menschen Suizid, im Osten häufiger als im Westen. Die Zahl der Suizide ist in den vergangenen Jahrzehnten gesunken, „aber es sind natürlich immer noch viel zu viele“, sagt Prof. Dr. Alexandra Philipsen, 46 Jahre alt, Direktorin der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in der Karl-Jaspers-Klinik in Wehnen (Landkreis Ammerland). Zum Vergleich: 2015 gab es rund 3500 Verkehrstote.

Philipsens Notfalltelefon klingelt, „Entschuldigung, da muss ich rangehen“. Ein neuer Patient: junger Mann, 18 Jahre alt, Suizidversuch; seine Freundin hat ihn verlassen. In Deutschland gibt es 100 000 Suizidversuche pro Jahr.

Die häufigsten Suizidgründe laut Professor Philipsen:

1. Depressionen.

2. Andere psychische Erkrankungen wie Borderline.

3. Verlust, Verletzung, Kränkung.

4. Sucht.

5. Schwere körperliche Beeinträchtigungen.

Männer, sagt Philipsen, töten sich brutaler als Frauen, häufig zum Beispiel durch Erhängen. Frauen greifen zumeist zu Medikamenten.

Noch eine Zahl: Von jedem Suizid sind laut WHO 6 bis 23 Menschen im Umfeld des Toten betroffen.

Mario Dieringer sitzt in seiner Wohnung in Offenbach am Main, 4. Stock, defekter Fahrstuhl, selbstgebaute Möbel: der Küchentresen, die Anrichte, der Esstisch. Im Aquarium schwimmen Malawifische, an der Wand kleben Reiseandenken und Worte: lieben, leben, lachen. „Dieses Rundum-Schweigen ist am schlimmsten“, sagt Dieringer.

Wenn jemand stirbt, fehlen den Menschen die Worte. Wenn jemand durch Suizid stirbt, fehlen sie erst recht. Dieringer wirft niemandem vor, dass er nicht weiß, was er sagen soll. Aber er soll wenigstens anrufen und sagen: Ich weiß nicht, was ich sagen soll. „Diese fehlende Geste wirkt auf mich wie der ausgestreckte Zeigefinger: Der ist schuld!“, sagt Dieringer.

Ein Suizid belastet Angehörige besonders hart, weil er sie erstens völlig unvorbereitet trifft, weil er zweitens eigene Schuldgefühle hervorruft und drittens mit einem Stigma behaftet ist – ebenso wie die psychischen Erkrankungen, die zu geschätzt 90 Prozent einem Suizid vorausgehen. „Viele Betroffene können sich nicht an ihr Umfeld wenden“, sagt Alexandra Philipsen in Wehnen, „das ist ein Riesenproblem. Viele Angehörige sind gefährdet, selber psychische Probleme zu entwickeln – eben weil sie so allein sind.“

Suizide sind ein Tabu. In den meisten Fällen berichten nicht einmal die Medien, aus gutem Grund: Es ist erwiesen, dass Suizid-Schilderungen zu Nachahmungstaten führen können.

Da sitzt man dann also im 4. Stock, im Fernsehen läuft irgendwas mit Rosinen, und niemand ist da. Mario Dieringer sagt, er habe selbst Suizidgedanken entwickelt.

Aber eines Morgens, beim Duschen, ist da ein Gedanke, „raumfüllend“, beschreibt ihn Dieringer. Er stockt kurz, „wie erzähle ich das, ohne dass es esoterisch klingt?“ Dann erzählt er ihn einfach, den Gedanken: „Pflanz’ Bäume!“

Ein zweiter Gedanke: „Du warst es, der immer schon um die Welt laufen wollte.“

Dritter Gedanke: „Let me help you.“ Auf Englisch. Lasst mich euch helfen.

Dieringer ist ein sportlicher Typ, grauer Bart, Tätowierungen, begeisterter Gleitflieger, von Beruf Journalist. Fürs Fernsehen ist er um die Welt gereist, 60, 70 Länder hat er schon besucht, schätzt er. Heute arbeitet er als selbstständiger Journalistenlehrer in Frankfurt, Spezialität: Online-Journalismus. Eines ist er sicherlich nicht: ein Spinner.

Zu Fuß um die Welt

Er weiß plötzlich, was er tun muss. Eine Million weltweit! Wie viele Tote mag es geben, die nach dem Suizid auch noch totgeschwiegen werden? Wie viele Menschen werden es sein, die unter dem Verlust eines Angehörigen leiden? Wie viele Menschen brauchen jemanden, der ihnen beisteht? Er wird um die Welt laufen, fünf Kontinente, er wird sich von trauernden Menschen einladen lassen, er wird mit ihnen gemeinsam einen Baum pflanzen. Bäume sind bunt, sagt Dieringer, sie sind einzigartig, „wie die Menschen, wie die Liebe“. Bäume werden größer, an ihnen können die Erinnerungen wachsen und wuchern. Sein Projekt heißt „Footpath of Life“, Wanderweg des Lebens. Ein paar Einladungen hat er bereits: fünf in Deutschland, zwei in Holland, eine in Belgien, Spanien, USA.

Er schaut sich um in seiner Wohnung. „Ich brauche das alles nicht“, sagt er: Küchentresen, Esstisch, Malawifische. Er wird alles verkaufen, sein ganzes Leben, bis auf einen Schuhkarton: Briefe seines Vaters an seine Mutter, sein Partnerschaftsring, ein paar Andenken an Jürgen.

Dieringer ist den Jakobsweg gewandert, er kennt sich aus: Für 100 Kilometer braucht er drei Tage, 10 bis 15 Jahre wird er unterwegs sein.

Er gibt einen Rentenanspruch auf, er gibt sein Zuhause auf, nur eine Krankenversicherung würde er gern behalten. Mitnehmen wird er: eine lange und eine kurze Hose, sieben T-Shirts, sieben Unterhosen, Zelt, Isomatte.

Ein ganz privater Moment

Schritt für Schritt geht es voran: Er hat eine Homepage eingerichtet, er bedient die Sozialen Netzwerke, er spricht mit Journalisten; das Projekt soll ja bekannt werden. Anfang 2017 will er eine Crowd­funding-Aktion starten, um ein bisschen Geld zu sammeln. Ende 2017 wird er Hab und Gut verkaufen. Am 27. März 2018, an Jürgens zweitem Todestag, wird er loslaufen. Quer durch Deutschland, über den Nordwesten wird er weiter nach Holland gehen.

Er wird auch ein Handy mitnehmen, einen Laptop, eine Kamera. Er will täglich von unterwegs berichten, denn sein Ziel ist kein Ort: Er will es schaffen, den Suizid aus der Tabuzone zu zerren. Er will aufklären über die Toten und ihre Angehörigen.

Es gibt eine Studie, sagt Prof. Philipsen in Wehnen, die nachweist: Allein durch Aufklärung lässt sich die Suizidrate erheblich senken. Aufklärung ist gut, Öffentlichkeit ist gut.

Irgendwann aber wird Mario Dieringer irgendwo anhalten und wissen: Jetzt muss ich allein sein. Keine Kamera wird laufen, kein Computer, und Dieringer wird einen Baum für Jürgen pflanzen.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
Rufen Sie mich an:
0441 9988 2020
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.