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Aktualisiert vor 7 Minuten.

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Die Nacht des Grauens

09.04.2019

Aurich Wenn Christoph Rickels lacht, hat er nicht zwangsläufig gute Laune. Er kann auch tieftraurig oder wütend sein. Das ungewollte Lachen ist die Folge einer verhängnisvollen Nacht, die das Leben des 32-Jährigen 2007 veränderte. Vor einer Disco in Aurich wurde der aus Ostfriesland stammende junge Mann damals niedergeschlagen - vom eifersüchtigen Freund eines Mädchens, dem Rickels ein Getränk spendiert hatte. Er knallte mit dem Kopf auf den Asphalt - und fiel ins Koma.

Der Täter bekam eine Bewährungsstrafe, Rickels leidet lebenslang. Er ist halbseitig spastisch gelähmt. Seine Muskeln hat er nur teilweise unter Kontrolle. Die Tat hat sein Leben nicht nur verändert, sie bestimmt es bis heute. Rickels kämpft seit Jahren mit den juristischen, finanziellen, sozialen und gesundheitlichen Folgen. Aber sein Schicksal hat ihm auch eine Mission gegeben.

Projekt 40:40

„Das einzige, was das Leben lebenswert macht, ist First Togetherness“, sagt der 32-Jährige. Das ist seine gemeinnützige Initiative, mit der er Menschen von psychischer und physischer Gewalt abhalten will. Für sein neues Projekt „40:40“ ist er von Friedeburg im Kreis Wittmund ins nordhessische Kassel gezogen. Hier will er in einem Jahr alle 40 Schulen im Landkreis besuchen und von seinem Schicksal berichten. „Es geht darum, in der Mitte Deutschlands einen Stein ins Wasser zu werfen“, sagt er. Gleichzeitig ist er aber auch bundesweit unterwegs, um seine Geschichte zu erzählen.

Zentral ist für ihn der Begriff „cool“. Denn „cool“ seien für Jugendliche oft die falschen Vorbilder: gemeine, abweisende oder einfach körperlich starke Menschen. „Cool“ könne aber auch ein gutes Miteinander sein. Es gehe darum, die Definition von „Coolness“ zu verändern.

Wenn Rickels im Rampenlicht steht, hat er viele Unterstützer: Politiker haben sein Engagement gewürdigt, Prominente unterstützen ihn, er hat Urkunden und Preise bekommen. Abseits des Trubels ist der 32-Jährige allein: Es gebe nur einen Menschen, den er als Freund bezeichne, sagt Rickels. „Nach dem Koma waren alle im Krankenhaus und haben mir beim Schlafen zugesehen“, erklärt er: Als er danach Freunde brauchte, seien sie weg gewesen. Auch eine Beziehung sei schwierig: „Ich bin aus Angst, etwas falsch zu machen, übervorsichtig.“

Dass das Leben von Gewaltopfern Jahre später durch die Tat bestimmt wird, ist laut der Hilfsorganisation Weißer Ring nicht ungewöhnlich: „In einem solchen Fall ist ohne weiteres nachvollziehbar, dass sich das Leben fortan nahezu ausschließlich um die Straftat und deren Folgewirkungen dreht“, sagt der hessische Landesvorsitzende Patrick Liesching. Bei schweren Gewaltstraftaten erlebe man sehr häufig, dass es auch zu gravierenden psychischen Beeinträchtigungen komme.

„Körperliche wie auch psychische Belastungen durch eine Straftat können dazu führen, dass der betroffene Mensch komplett aus der Bahn geworfen wird und nicht mehr in der Lage ist, seinen Lebensunterhalt aus eigener Kraft zu bestreiten, auch einfache Alltagsaufgaben zu bewältigen oder sich unbefangen und frei in Gesellschaft anderer zu bewegen“, erklärt Liesching.

Finanzielle Probleme

Auch finanziell können Gewaltopfer in Not geraten. „Was die Hilfe bei finanziellen Notlagen angeht, kommt es darauf an, in welchem Zusammenhang Kosten und finanzielle Schäden entstanden sind.“ Behandlungs- und Therapiekosten übernehmen regelmäßig die Krankenkasse, gegebenenfalls auch die gesetzliche Unfallversicherung oder Berufsgenossenschaften. Darüber hinaus können Kriminalitätsopfer einen Antrag nach dem Opferentschädigungsgesetz stellen.

Für Rickels waren die finanziellen Folgen erheblich: Der Täter ist insolvent, seine Versicherung weigert sich trotz Verurteilung zu zahlen - erst wegen „vorsätzlicher Tatbegehung“, dann wegen Verjährung. Bis heute hat der 32-Jährige keinen Euro von der Versicherung bekommen, stattdessen reiht sich ein Prozess an den nächsten. Weil Rickels nicht arbeiten kann, lebt er vom Berufsschadensausgleich. Das ist eine Sozialleistung, die hauptsächlich Kriegsversehrte und Gewaltopfer bekommen.

Der 32-Jährige will weiter kämpfen, sowohl vor Gericht als auch für sein Anliegen. Sein Traum ist, nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland Gewaltprävention zu machen. Als nächstes geht es in die Schweiz und nach Luxemburg. Alleine will er sein Anliegen nicht in die Welt tragen: „Ich will Opfer motivieren, dass sie anderen helfen - und damit sich selbst auch.“

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