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NWZonline.de Nachrichten Panorama Blaulicht

„Ein Psychopath, kein Pädophiler“

10.04.2018

Cloppenburg /Oldenburg Das hatte die Welt noch nicht gesehen: Als die Mordkommission Nelly am 9. April 1998 18 000 junge Männer im Alter von 18 bis 30 Jahren in der Region Saterland/Cloppenburg zu einem Speicheltest aufrief, um vielleicht so den grausamen Kindesmord an der elfjährigen Christina „Nelly“ Nytsch aufklären zu können, war damit der weltweit größte Massengentest angelaufen. 80 Prozent aller aufgerufen Männer meldeten sich bereits am ersten Tag an den zahlreichen Sammelstellen, unter ihnen auch der Mörder des Kindes, Ronny Rieken.

Geburtstagstreffer

Rieken war von seinem Schwager zur Teilnahme am Speicheltest gedrängt worden, ihm war keine Ausrede eingefallen. Die Labors der Landeskriminalämter werteten die Proben sechs Tage die Woche aus – ein beispielloser Marathon. In Berlin erzielte eine LKA-Angestellte am 29. Mai 1998 bei der Probe mit der Nummer 3889 einen Treffer – an ihrem Geburtstag. Einen Tag später wurde Ronny Rieken im Garten seines Hauses widerstandslos festgenommen. Die folgenden Vernehmungen waren für die Polizeispezialisten eine Gratwanderung: Die Staatsanwaltschaft hatte ihnen untersagt, den Beschuldigten mit dem Ergebnis der DNA-Analyse zu konfrontieren, weil der Massentest im Strafrecht noch nicht verankert war.

Lesen Sie auch: Welche Lehren Ermittler aus dem Fall Rieken gezogen haben

Wohl kein anderer Ermittler ist dem Mörder Ronny Rieken näher gekommen als Kriminalhauptkommissar a. D. Meinhold Hildebrandt. Er war damals Leiter des Vernehmungsteams. Ronny Riekens Schweigen zu knacken, sei keine einfache Sache gewesen, erinnert sich Hildebrandt. Man habe sich gleich zu Anfang entschieden, Rieken nicht von einem Spezialkommando festnehmen zu lassen, sondern ihn „einfach abzuholen“. Auch dieses Vorgehen habe sich letztlich ausgezahlt.

Rieken leugnet

Vor dem Haftrichter räumt Rieken nur das ein, was ihm ohnehin zweifelsfrei nachgewiesen werden konnte. „Und die große Frage war ja, ob er für weitere Verbrechen als Täter in Frage kommt, und wenn ja, für welche.“ Der Haftrichter habe Rieken konkret gefragt, ob er auch für das Verschwinden der elfjährigen Ulrike Everts verantwortlich sei. Dies habe er rigoros verneint, so Hildebrandt.

Ungefähr 150 Stunden verbringt Hildebrandt, mal allein, mal zusammen mit anderen Vernehmungsbeamten mit dem Kindsmörder. Mit ganz neuen Vernehmungstechniken aus den USA erarbeiten die Ermittler ein Persönlichkeitsprofil Riekens, dass ihnen erlaubt, schnell zu erkennen, wann Rieken lügt.

Und die Ermittler erkennen schnell, wen sie vor sich haben. „Ronny Rieken war kein Pädophiler, sondern ein Psychopath, der sich Opfer suchte, um über sie Macht auszuüben“, erläutert Hildebrandt seinen Eindruck von dem Mann, der jahrelang völlig unauffällig in seiner saterländischen Heimat als Familienvater lebte. Dann kommt der Tag, als die Schwester von Ronny Rieken Hildebrandt fast beiläufig erzählt, sie sei mit ihrem Bruder gelegentlich am Dortmunder Moorweg im Landkreis Oldenburg gewesen – da, wo die 13-jährige Ulrike Everts von einer Pferdekutsche gerissen und spurlos verschwunden war.

Weg präpariert

An einem Sommermorgen in aller Frühe holen Hildebrandt und seine Kollegen noch in der Dunkelheit Ronny Rieken aus dem Hochsicherheitstrakt des Celler Gefängnisses und fahren mit ihm an den Dortmunder Moorweg. Tags zuvor haben sie den Weg mit frischen Pferdespuren präpariert. Alles ist fast wie damals 1996, als Ulrike Everts mit ihrer Ponykutsche in den Dortmunder Moorweg biegt.

Ronny Rieken bittet um eine Zigarettenpause. Hildebrandt klickt die Handfessel mit dem Häftling an einen Weidezaun. Rieken dreht sich zwei Zigaretten, steckt sie beide an und reicht eine dem Ermittler, einem überzeugten Nichtraucher. Hildebrandt spürt die Bedeutung des Momentes und zieht erwartungsvoll an der Zigarette. Rieken schaut den Kriminalbeamten an und sagt ruhig: „Okay, du hast gewonnen. Ich sag dir, wo Ulrike ist“. Vorher wolle er aber noch mit seinem Anwalt und seiner Frau sprechen, „danach können wir reden.“ Hildebrandt lässt den Anwalt und die Ehefrau Riekens zur Polizeidienststelle nach Cloppenburg bringen. Dort gesteht Rieken den Mord an Ulrike Everts und, dass er sie im Ipweger Moor verscharrt hat.

Mit großem Aufgebot machen sich die Ermittler mit Rieken zum vermeintlichen Ablageort der Leiche auf. Doch das Opfer wird nicht gefunden, Rieken kann sich an die Örtlichkeit nicht mehr genau erinnern. Man muss ein zweites Mal dort suchen. Da will Rieken nicht mehr dabei sein. „Der hatte panische Furcht vor der Auffindesituation“, erinnert sich Hildebrandt. Schließlich werden die sterblichen Überreste des getöteten Mädchen gefunden. Damit ist einer der spektakulärsten Kriminalfälle der Nachkriegszeit in der Region endgültig aufgeklärt.

Meinhold Hildebrandt ist mittlerweile in den Ruhestand getreten. Zwar ist es ihm in der Vergangenheit stets gelungen, all die schrecklichen Einzelheiten von Verbrechen, die er als Vernehmungsspezialist in Erfahrung brachte und gerichtsfest machte, aus seinem Privatleben herauszuhalten. „Ich konnte den Schalter umlegen, wenn ich das Polizeigebäude verließ“, sagt er. Anders könnte man das auch nicht aushalten. Und doch ist es so, dass er auch heute noch jedes kleinste Detail dieses furchtbaren Verbrechens erinnert, jede Regung des Doppelmörders Ronny Rieken, die er prüfen musste, ob sie Lüge oder Wahrheit war.

Schon deshalb kommt der Einschätzung des ehemaligen Kriminalhauptkommissars über das künftige Schicksal Ronny Riekens eine besondere Bedeutung zu. „Ronny Rieken wird niemals mehr in Freiheit kommen“, prophezeit er, auch wenn die Taten schon 20 Jahre oder mehr zurückliegen. Kein Gutachter könne das Risiko eingehen, dass ein Gewalttäter wie Rieken, der Morde aus Gier nach Macht und zuletzt auch aus reiner Mordlust begangen habe, nicht doch wieder rückfällig wird.

Thomas Haselier

Archiv
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