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NWZonline.de Region

Umweltminister vermutet menschliches Versagen

30.10.2017

Cuxhaven /Langeoog Nach dem Auflaufen eines Frachters vor der Nordseeinsel Langeoog hat Umweltminister Stefan Wenzel gefordert, dass Schiffsbesatzungen weltweit künftig besser ausgebildet und Schiffe sicherer gebaut werden sollten. Diese Forderung müsste das Bundesverkehrsministerium bei der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation einbringen, sagte der Grünen-Politiker am Mittwoch in Hannover.

Wenzel geht davon aus, dass die Frachterbesatzung der „Glory Amsterdam“ zu schlecht ausgebildet war, um zu verhindern, dass ihr Schiff im Orkansturm auf Sand aufläuft. „Ich vermute, dass es hier auf jeden Fall menschliches Versagen gab, sonst hätte man ja auch nicht Experten übersetzen müssen“, sagte der Minister. In den vergangenen Tagen setzten Havarie- und Bergungskommandoexperten aufs Schiff über, um die 22 Besatzungsmitglieder zu unterstützen.

Bergung wird vorbereitet

Die Bergung des auf eine Sandbank gelaufenen Frachters „Glory Amsterdam“ vor der Nordseeinsel Langeoog kommt derweil mit kleinen Schritten voran. Am Mittwoch soll nach Angaben des Havariekommandos eine Leinenverbindung zwischen dem Frachter und einem Schlepper hergestellt werden. „Wenn diese Leinenverbindung steht, kann mit dem Abpumpen des Ballastwassers begonnen werden“, sagte Simone Starke von der Pressestelle des Havariekommandos.

Voraussetzung dafür sei, dass das auf Grund gelaufene Schiff mit Leinen gesichert sei. Sonst könnte der Frachter durch den Wind noch weiter ins Flachwasser gedrückt werden, wenn er leichter wird. Die „Glory Amsterdam“ hat rund 20.000 Tonnen Ballastwasser an Bord, ein Großteil soll abgepumpt werden. Um das havarierte Schiff wegschleppen zu können, muss aber auch der Wasserstand passen.

„Wir hoffen, dass wir es vor dem Wochenende erledigt haben,“ sagte der Leiter des Havariekommandos, Hans-Werner Monsees.

Schweröl bleibt an Bord

Die „Glory Amsterdam“ hat 1800 Tonnen Schweröl und 140 Tonnen Marinediesel an Bord. Umweltminister Wenzel sagte, dass heutzutage viele Schiffe solche Antriebsstoffe noch nicht wirklich sicher lagern könnten. Daher hofft er, dass die Bergungsarbeiten vor Langeoog bald beginnen können, um zu verhindern, dass das Öl ins Meer austritt: „Grundsätzlich gilt Sicherheit vor Schnelligkeit, aber gleichzeitig muss man natürlich zügig handeln, weil mit jeder Ebbe und jeder Flut auch das Schiff tiefer eingespült wird.“

Das Havariekommando Cuxhaven teilt mit, dass die Schadstoffe nicht abgepumpt werden sollen. Das sei das Ergebnis einer Risikoanalyse, die im Einvernehmen mit dem Bergungsunternehmen und den Fachberatern durchgeführt worden sei. „Demnach stellt das Leichtern des Schweröls und des Marinediesels eine höhere Gefahr dar, als der Verbleib an Bord“, erklärt ein Sprecher.

„Glory Amsterdam“ sitzt auf Sandbank fest

Ursprünglich sollten Schlepper den 225 Meter langen Schüttgutfrachter „Glory Amsterdam“ schon am Montagabend von der Sandbank ziehen. Doch das Havariekommando musste seine Pläne ändern, weil die Wassertiefe selbst bei Hochwasser dafür nicht ausreichte. Die Experten suchten am Dienstag deshalb nach einer Alternative.

Nun wollen sie die 22 000 Tonnen Ballastwasser abpumpen, die das unbeladene Schiff stabil auf See halten sollten. Gleichzeitig sollen zwei Hochseeschlepper es mit rund 1000 Meter langen Schleppleinen sichern. Der Wind könnte den leichter werdenden Frachter sonst noch weiter aufs Land treiben, erläuterte der Sprecher des Havariekommandos, Michael Friedrich.

Freischleppversuche wetterbedingt gescheitert

Alle bisherigen Versuche, den manövrierunfähigen Frachter ins Fahrwasser zu schleppen, seien aufgrund der vor Ort noch immer sehr widrigen Wetterbedingungen fehlgeschlagen, sagte Michael Friedrich. So sei auch ein Freischleppversuch am Montagmorgen gescheitert.

Das Schiff hatte am Sonntag den Hamburger Hafen verlassen und war in der Nähe von Helgoland auf Reede gegangen. Auf diese Weise könnten die Schiffe Hafengebühren sparen, sagte der Sprecher des Havariekommandos, Michael Friedrich. Bei starkem Seegang durch Sturm „Herwart“ hatte sich die „Glory Amsterdam“, die unter Panama-Flagge fährt, dann aber losgerissen und trieb zunächst manövrierunfähig in der Deutschen Bucht vor Langeoog, bevor der Frachter gegen 18.45 Uhr auf Grund lief.

Hochseeschlepper konnte „Glory Amsterdam“ nicht helfen

Offenbar spielte sich am Sonntagnachmittag auf der Nordsee ein Drama ab: Ein Hochseeschlepper sollte das havarierte Schiff sichern und ein Auflaufen verhindern, doch Leinenverbindungen brachen. Zudem konnten die Anker nicht gehievt werden. Auch Spezialisten, die sich per Hubschrauber bei Windstärke 8 bis 9 und Wellen mit Höhen von bis zu sieben Metern auf das Schiff abgeseilt hatten, konnten wenig ausrichten.

Später lief die „Glory Amsterdam“ rund zwei Kilometer vor Langeoog auf Grund auf.

1800 Tonnen Schweröl auf dem Frachter „Glory Amsterdam“

Die 22 Menschen an Bord sind unverletzt, heißt es, werden derzeit aber wegen Seekrankheit behandelt. Der Schüttgutfrachter ist zwar nicht beladen, hat aber gut 1800 Tonnen (entspricht ungefähr 2.000.000 Liter) Schweröl und rund 140 Tonnen Marinediesel als Betriebsstoffe an Bord.

Der Hochseeschlepper „Nordic“ sowie das Mehrzweckschiff „Mellum“ sind vor Ort. Mit einem Flugzeug vom Typ Dornier Do 228 wird der Havarist regelmäßig überflogen. So sollen Lecks, durch die Schadstoffe austreten könnten, möglichst schnell entdeckt werden. Bislang sei dies aber nicht der Fall, sagte eine Sprecherin des Lagezentrums. Die Situation werde als „prinzipiell stabil“ eingeschätzt.

An Bord der „Glory Amsterdam“ sind weiterhin vier Experten, die sich bereits am Sonntag von einem Hubschrauber aus auf den Frachter abgeseilt hatten. „Sie sind spezialisiert für den Einsatz auf manövrierunfähigen Schiffen“, sagte Friedrich. „Sie schauen sich unter anderem den Wasserstand und den Tiefgang des Schiffes an.“

Diese Daten sind wichtig für das Bergungsteam im Lagezentrum in Cuxhaven. Dort planen Schiffsbauingenieure und Nautiker die Bergung.

Screenshot der Seite „Marinetraffic.com“ vom Sonntagabend. Der rote Pfeil zeigt die Lage des havarierten Frachters. (CJA)


Frachter „Glory Amsterdam“ könnte zerbrechen

Gegenüber dem „Ankerherz-Verlag“ erklärte Kapitän Stefan Schmidt am Sonntagabend, der Seeschlag sollte dem Frachter kaum Schwierigkeiten bereiten. Problematisch könnte allerdings der Untergrund werden. „Ist der Untergrund eben, sollte es kein Problem geben, denn das Seegebiet ist für schlammigen und sandigen Boden bekannt. Es gibt keine größeren Felsen. Schwierig ist es, wenn der mittlere Teil des Schiffes erhöht liegt; durch das Spiel der Wellen und der Masse könnte es dann zu Problemen kommen, wenn der Frachter wegen des Spiels der Kräfte durchbricht“, schätzt der renommierter Experte für Schiffsicherheit.

Umweltschützer besorgt

Diese Sorgen teilen Umweltschützer und Küstenfischer: Mit den insgesamt rund 2000 Tonnen Betriebsstoffen an Bord sei der Unglücksfrachter eine erhebliche Gefahr für den Nationalpark Wattenmeer, in dem zurzeit zahlreiche Watvögel, Enten und Gänse rasteten, teilte die Umweltschutzorganisation WWF mit. Die deutschen Kutter- und Küstenfischer befürchten, dass Öl die Fanggebiete über Monate verschmutzen könnte.

Dennoch haben sich die Bergungsspezialisten dagegen entschieden, die Treibstoffe vorsorglich abzupumpen. „Das Schiff ist sicher und weist keine Risse auf“, sagte Friedrich. Beim Abpumpen bestehe erst recht die Gefahr, dass Öl ins Wasser gelange.

Christian Ahlers
Redakteur
Online-Redaktion
Tel:
0441 9988 2159

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