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NWZonline.de Nachrichten Panorama Blaulicht

Fall des Klinikmörders bekommt neue Dimension

23.06.2016

Oldenburg /Delmenhorst Eigentlich sollte diese Pressekonferenz ganz anders verlaufen. Im Juni, so hatte es die Polizei immer geplant, sollte der Fall Niels Högel hier im Alten Landtag in Oldenburg zu einem vorläufigen Ende kommen: Die Sonderkommission „Kardio“ würde ihre abschließenden Ermittlungsergebnisse vorstellen, und vielleicht würde ein Vertreter der Justiz schon einen Ausblick wagen, wann es zum neuen Prozess gegen den Ex-Pfleger kommen könnte – noch in diesem Jahr oder doch erst 2017.

Jetzt sitzt da oben auf dem Podium der Polizeipräsident und sagt: „Das Grauen hört nicht auf.“

Nach 18 Monaten Ermittlungsarbeit ist der Polizei klar: sie wird weiterermitteln müssen, noch monatelang.

Was wissen die Ermittler im Fall Högel – und was wissen sie noch nicht? Hier sind die drängendsten Fragen und Antworten.

Mordete Niels Högel auch in Oldenburg?

Niels Högel hatte im jüngsten Prozess vor dem Landgericht Oldenburg zwar eingeräumt, Patienten in Delmenhorst getötet zu haben – er bestritt aber immer, auch im Klinikum Oldenburg gemordet zu haben. Inzwischen weiß die Polizei: Er hat gelogen.

„Wir haben nie geglaubt, dass Niels H. dort keinen Menschen getötet hat“, sagt Arne Schmidt, Leiter der Soko „Kardio“. Aktuell bestehe dringender Tatverdacht in sechs Fällen. In zwei Fällen sollen die Patienten mit dem Wirkstoff Ajmalin vergiftet worden sein (wie auch die Patienten in Delmenhorst), in vier Fällen mit Kalium. Möglicherweise seien auch noch andere Medikamente eingesetzt worden. Zurzeit weite die Soko die Ermittlungen erheblich aus, so Schmidt: Die Polizei prüft mehrere hundert Krankenakten. Um wie viele Fälle es insgesamt in Oldenburg gehen könnte, will Schmidt noch nicht sagen.

Im Klinikum Oldenburg geht man davon aus, dass es nicht um Dimensionen gehen wird wie in Delmenhorst, wo die Soko seit 18 Monaten Akten prüft. „Es gibt einen großen Unterschied“, sagt Klinikum-Geschäftsführer Dirk Tenzer: „Bei uns hat sich nicht die Sterberate signifikant verändert, wir können nicht von einer Verdopplung der Todesfälle in Oldenburg reden.“ Tenzer betont aber: „Das soll aber nicht heißen, dass hier nichts passiert ist – hier ist etwas passiert.“

Wie ist der Ermittlungsstand in Delmenhorst?

Im Klinikum Delmenhorst starben 417 Patienten, während Niels Högel dort angestellt war, also in den Jahren 2003 bis 2005. Im Vergleich zu den Jahren davor hatte sich die Zahl damit annähernd verdoppelt. 285 dieser Patienten starben in einer Högel-Schicht. 101 Tote wurden anschließend feuerbestattet, 184 erdbestattet. 99 der begrabenen Leichen sind von der Soko „Kardio“ exhumiert worden. Bei 27 Verstorbenen konnte der Wirkstoff Ajmalin nachgewiesen werden. Weil Högel bereits in den vorhergehenden Prozessen für sechs Taten verurteilt worden ist, geht die Polizei davon aus, dass er für mindestens 33 Todesfälle in Delmenhorst verantwortlich ist.

Schmidt spricht von einem „außerordentlich hohen Dunkelfeld“, die tatsächliche Zahl der Högel-Opfer sei viel höher. Denn: Ein Großteil der Morde wird sich nicht mehr nachweisen lassen – weil die Opfer feuerbestattet wurden, weil das Ajmalin vom Körper vor dem Tod abgebaut werden konnte, weil der Wirkstoff medizinisch verordnet worden war, weil andere Medikamente zum Töten genutzt wurden.

Frappierend ist auch, was die Polizei über die sogenannten 50 Zweifach- und neun Dreifach-Sterbefälle herausfand. Gemeint sind damit zwei oder drei Todesfälle während einer Schicht im Klinikum. Bei 92 Prozent der Zweifach-Sterbefälle hatte Niels Högel Dienst, bei den Dreifach-Sterbefällen sogar zu 100 Prozent. Aber nur in sechs dieser Fälle konnte Ajmalin gefunden werden. Die Polizei sieht darin ein Indiz, dass Högel wesentlich mehr Taten begangen hat, als nachgewiesen werden können – und dass er auch andere Medikamente zum Töten verwendete.

Ermittlungen sind teuer

Der Aufwand bei den Ermittlungen ist hoch, die Kosten ebenfalls. Laut Staatsanwaltschaft wurden bisher 108 Exhumierungen beantragt. In Polen und der Türkei sollen noch Leichen ausgegraben werden.

Die medizinische Begutachtung der Patientenakten hat bisher 150 000 Euro gekostet, Obduktion und toxikologische Untersuchungen 350 000 Euro.

Die Polizei hat allein auf den Friedhöfen über 8000 Einsatzstunden zusammengebracht.

Soko-Chef Schmidt sagt mit Blick auf die insgesamt mehr als 200 Verdachtsfälle: „Wir haben keinerlei Hinweis darauf gefunden, dass es irgendeinen anderen Grund außer die manipulative Handlung von Niels H. an Patienten dafür geben könnte.“

Gibt es weitere Orte, an denen Högel tötete?

Die Soko hat auch mögliche Taten von Högel im Rettungsdienst in den Jahren 1999 bis 2008 im Landkreis Oldenburg und in Wilhelmshaven untersucht. Die Polizei hat nach Angaben von Schmidt rund 800 Einsatzprotokolle ausgewertet. In zwölf Fällen seien Ermittlungsverfahren eingeleitet und wieder eingestellt worden, weil ein gerichtsfester Tatnachweis nicht möglich gewesen sei, so Schmidt. „Die Patienten haben zum Glück alle überlebt.“ In allen zwölf Fällen war Högel als Rettungssanitäter am Einsatz beteiligt. In allen zwölf Fällen hatten die Patienten Krisen, die nicht zu erwarten waren. Eine mögliche Tat von Högel im Jahr 2008 wäre für die Justizbehörden heikel, weil er damals bereits wegen Mordversuchs im Klinikum Delmenhorst verurteilt, aber noch auf freiem Fuß war.

Im Jahre 2008 war Högel teilweise in einem Altenheim in Wilhelmshaven tätig. Dort hat die Soko laut Schmidt keine Anhaltspunkte für Taten gefunden.

Was sagt Niels Högel selbst zu den Vorwürfen?

Die Staatsanwaltschaft hat Niels Högel „rechtliches Gehör“ eingeräumt, wie es im Justizdeutsch heißt. Die Vernehmung dauerte zwei Tage, berichtet Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann. Högel verbüßt eine lebenslange Haftstrafe im Oldenburger Gefängnis.

Högel habe die nachgewiesenen Taten in Delmenhorst vollständig eingeräumt, so Schiereck-Bohlmann. Detaillierte Erinnerungen habe er aber angeblich nicht mehr.

Als ihn die Ermittler mit den Ergebnissen aus Oldenburg konfrontierten, gab Högel auch diese Taten zu. Er bestritt aber, andere Mittel als Kalium eingesetzt zu haben.

Die polizeilichen Ermittlungen haben Högel eindeutig als Lügner entlarvt. Nicht nur seine Aussage, er habe sich in Oldenburg nichts zu Schulden kommen lassen, erwies sich als falsch. Ebenso falsch ist seine Behauptung, in Delmenhorst im März 2003 erstmals mit Ajmalin gemordet zu haben. Die Ermittler fanden heraus, dass Högel das erste Mal im Dezember 2002 tötete – nach einer Woche im Job, in seiner siebten Schicht. Und Ajmalin kannte er ja offenbar bereits aus Oldenburg.

Der stellvertretende Leiter der Staatsanwaltschaft, Thomas Sander, sagt deshalb: „Man darf ihm keinen Glauben schenken – soweit man überhaupt etwas auf das Wort eines Massenmörders geben kann.“

Hätten die Morde verhindert werden können?

Polizeichef Johann Kühme hat keinen Zweifel: „Die Morde in Delmenhorst hätten verhindert werden können!“ Es gibt Unterlagen, die belegen, dass im Klinikum Oldenburg bereits 2001 auffällige Zusammenhänge zwischen Reanimationen, Sterbefällen und der Dienstzeit von Högel intern untersucht wurden. Die Behörden wurden aber nicht informiert; stattdessen trennte sich das Klinikum bekanntlich von Högel, der dann in Delmenhorst anheuerte.

Auch in Delmenhorst gab es laut Schmidt bereits Mitte 2003 Hinweise „auf nicht fachgerechtes Verhalten“ Högels, die sich „spätestens“ im Mai 2005 verdichtet hätten. Erst Ende Juni 2005 wurde er dann auf frischer Tat ertappt.

Gegen drei Verantwortliche am Klinikum Oldenburg und gegen fünf in Delmenhorst wird deshalb wegen des Verdachts des Totschlags durch Unterlassen ermittelt. Die Ermittlungen dauern an.

Wie geht es jetzt weiter?

Staatsanwalt Sander sagt: „Die Ermittlungen werden so lange andauern, bis wir das unsägliche Wirken von Niels H. aufgeklärt haben. Das schulden wir den Angehörigen. Wir müssen wissen, was da los war. Das mag so lange dauern, wie es will – das wird aufgeklärt werden!“

Kommentar zur Pressekonferenz von NWZ-Reporter Marco Seng

Kommentierter Liveticker zur Pressekonferenz im Alten Landtag

Alles zum Fall Niels Högel lesen Sie in unserem Spezial

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020
Marco Seng
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2008

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