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NWZonline.de Nachrichten Panorama Blaulicht

Das lange Warten auf Gewissheit

14.04.2016

Oldenburg /Delmenhorst Was sagt man Menschen, die in den vergangenen eineinhalb Jahren 84 Leichen ausgraben mussten? Die jeden Tag mit trauernden Angehörigen zu tun haben? Die Hunderte von Mordakten auf dem Tisch haben und trotzdem wissen: Wir werden nie alles erfahren, was genau geschah?

Stephan Weil sagte das hier zu den 13 Beamten der Sonderkommission „Kardio“: „Passen Sie auf sich auf!“

Länger als eine Stunde hatte der Niedersächsische Ministerpräsident als oberster Dienstherr mit den Polizisten in den Soko-Räumen bei der Oldenburger Bereitschaftspolizei gesprochen. Schwer beeindruckt trat Weil anschließend vor die Presse und rang nach passenden Worten. „Extrem schwierig“ sei die Arbeit der Kollegen, sagte er, „ungeheuer belastend“ – und vor allem: „sehr wichtig“.

„Ein Angsthase“

Niels Högel, 39 Jahre alt, sitzt im Oldenburger Gefängnis: Im Februar 2015 hat ihn das Landgericht Oldenburg zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Aber beendet ist der Fall Högel noch lange nicht: noch immer überprüft die Soko „Kardio“ Sterbefälle von Patienten des ehemaligen Krankenpflegers im Klinikum Delmenhorst, im Klinikum Oldenburg und im Rettungsdienst im Landkreis Oldenburg. Noch immer graben die Polizisten auf Friedhöfen in der Region Leichen aus. In Ganderkesee, Delmenhorst, Stuhr, Bookholzberg. Die aktuellen Zahlen: Von den 174 erdbestatteten Patienten sind 77 exhumiert worden. Der todbringende Wirkstoff Ajmalin wurde in 24 Fällen nachgewiesen. Sieben Untersuchungen von Gewebeproben stehen noch aus.

Der nächste Prozess kommt sicher. Vielleicht sogar noch in diesem Jahr. Am Strafmaß wird sich nichts ändern: In Deutschland gibt es nur einmal lebenslang.

Am 26. Februar 2015 wird Niels Högel wegen zweifachen Mordes, zweifachen Mordversuchs und gefährlicher Körperverletzung an Patienten des Klinikums Delmenhorst verurteilt. Nach einem halben Jahr Prozess.

Richter Sebastian Bührmann betont in seiner Urteilsbegründung, Högel habe vorsätzlich und heimtückisch gehandelt. „Sie haben mit dem Leben anderer Menschen gespielt!“ Bührmann entschuldigt sich bei den Angehörigen für die lange Ermittlungsdauer und die Fehler der Justiz.

Als Krankenpfleger und Rettungssanitäter soll Högel eigentlich Leben retten. Stattdessen spritzt er heimlich Patienten der Intensivstation in Delmenhorst eine Überdosis des Herzmedikaments Gilurytmal. Bringt diese in Lebensgefahr, um sie dann wiederbeleben zu können. Weil er den Kick im Klinik-Alltag braucht. Weil er sich als Retter aufspielen will, als Held. Högel sei eine gespaltene Persönlichkeit, bescheinigt ein Gutachter. Überfordert von Beruf und Familie. „Ein Angsthase, ein unsicherer Mensch“, sagt der Gutachter. Der aus Angst vor dem Tod getötet hat.

Es sei wie eine Art Sucht gewesen, erklärt Högel selbst. „Das Ausmaß meiner Straftaten habe ich damals gar nicht realisiert.“

Viele Patienten überleben das tödliche Spiel nicht. Wie die Mutter von Kathrin Lohmann, der es eigentlich schon besser ging, die bald wieder nach Hause zu ihrer Tochter nach Berne wollte. Zwölf Jahre hat Lohmann nach dem Tod ihrer Mutter 2003 auf Antworten gewartet. Sie hat den Prozess gegen Högel angeschoben, trotz aller Widerstände. Trotz einer zögerlichen Staatsanwaltschaft. Trotz eigener Krankheit. Ohne Lohmann wäre die vielleicht größte Mordserie in deutschen Krankenhäusern nie ans Tageslicht gekommen.

Immer mehr Mordakten

Eine Woche vor der Urteilsverkündung bricht Högel sein Schweigen, packt zumindest einen Teil der grausigen Wahrheit aus. Er gesteht rund 90 Tötungsversuche im Klinikum Delmenhorst zwischen 2003 und 2005, mindestens 30 Patienten sollen dabei gestorben sein. „Das sind nur geschätzte Zahlen“, sagt Högel.

Die Ermittler der Soko „Kardio“ zweifeln an den Zahlen. Sie bezweifeln auch, dass Högel nur im Klinikum Delmenhorst getötet hat, wie er selbst behauptet. Die Soko-Kollegen haben immer wieder neue Mordakten angelegt, häufig nach Hinweisen von Angehörigen. Aber viele dieser Fälle werden nie vor Gericht landen.

Zum Beispiel, weil im Körper der Toten kein Gilurytmal-Wirkstoff mehr nachweisbar war (starben die Patienten mehr als 24 Stunden nach der Gilurytmal-Spritze, hatte der Körper den Wirkstoff wieder abgebaut). Weil keine Leiche zum Untersuchen mehr da war (etwa nach einer Feuerbestattung). Weil die Tat mittlerweile verjährt ist (zum Beispiel beim Tatbestand der Körperverletzung).

Aber der Verdacht bleibt.

An seiner vorherigen Arbeitsstelle im Klinikum Oldenburg (2000 bis 2002) entdeckt ein Gutachter anhand von Krankenakten auffällige Todesfälle. Zwölf Patienten könnten mit Kalium getötet worden sein. Auch in Högels Zeit als Rettungssanitäter im Landkreis Oldenburg gibt es Verdachtsfälle. Mehr als 500 Notarzt-Einsatzprotokolle wurden überprüft.

Oldenburgs Polizeipräsident Johann Kühme räumt ein, dass man am Ende nicht alle Fragen beantworten, nicht alle Taten aufklären kann. „Das liegt daran, dass die Tötungsversuche von der Gerichtsmedizin überhaupt nicht festgestellt werden können und dass die Feuerbestatteten auch nicht mehr untersucht werden können“, sagt Kühme. Verbrannt worden sind immerhin 101 ehemalige Högel-Patienten.

Es sei denn, Högel selbst gibt die Antworten. Irgendwann am Ende der Ermittlungen, vielleicht im Sommer, will die Soko mit ihm reden.

Kühme ist davon überzeugt, dass man Niels Högel hätte stoppen können. Denn bereits im Klinikum Oldenburg haben Ärzte ein ungutes Gefühl. Erst wird der Pfleger versetzt, später weggelobt. In Delmenhorst dauert es zweieinhalb Jahre, bis im Sommer 2005 Kollegen Högel auf frischer Tat ertappen.

Im Prozess berichten Zeugen aus dem Klinikum von Warnzeichen: gehäufte Wiederbelebungen während der Schicht von Högel, steigender Verbrauch von Gilurytmal, verdoppelte Todesrate.

Viele Versäumnisse

Gegen acht von Högels früheren Kollegen in Delmenhorst und Oldenburg ermittelt die Staatsanwaltschaft deshalb wegen Totschlags durch Unterlassen. Die Versäumnisse der Staatsanwaltschaft selbst werden möglicherweise nie ganz aufgeklärt. Eine Anklage gegen einen ehemaligen leitenden Staatsanwalt wurde wieder fallengelassen.

Für die Nebenkläger-Anwältin Gaby Lübben ist der Fall längst nicht abgeschlossen. Sie bereitet sich mental auf den nächsten Prozess gegen Högel vor, vertritt inzwischen etwa 40 Angehörige von Opfern, also 40 potenzielle Nebenkläger. Die hoffen, nach Jahren endlich Gewissheit über das Schicksal ihrer Verwandten zu bekommen. „Irgendwie lässt einen das nicht los“, sagt Lübben. „Erst wenn der nächste Prozess abgeschlossen ist, kann ich Abstand bekommen.“

Ministerpräsident Stephan Weil sagte bei seinem Besuch in Oldenburg dann noch etwas zu den Soko-Beamten: „Danke.“


Mehr zu Högel:   www.nwzonline.de/krankenpfleger-prozess 
Marco Seng
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2008
Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020

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