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NWZonline.de Nachrichten Panorama Blaulicht

Der erste Zeuge kommt in Handschellen

09.05.2017

Aurich /Oldenburg Der erste Zeuge kommt in Handschellen. Ein junger Mann, Räuber, Schläger und Drogenhändler. „Er hat sich lustig gemacht über Frau Basse“, erzählt er über den Angeklagten Christian I. In der Justizvollzugsanstalt Oldenburg, wo die beiden Zellennachbarn waren. Christian I. habe die Gitarre genommen und Lieder gesungen über Frau Basse. „Gerda, sie hatte braunes Haar, jetzt ist sie nicht mehr da.“ Oder so ähnlich. Das habe ihn belastet, sagt der 27-Jährige. Jetzt belastet er Christian I.

Der Vorsitzende Richter Daniel Hunsmann ermahnt den jungen Mann, sich konzentriert zu erinnern. „Das ist hier eine ernste Sache“, sagt Hunsmann. Es geht um die Tötung der Leeraner Galeristin Gerda Basse.

Lesen Sie auch: Blutbad mit Messer und Barhocker

Christian I. ist vor dem Landgericht Aurich wegen Totschlag angeklagt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, die Millionärin in der Nacht zum 22. Oktober 2016 nach einem Streit in Basses Galerie-Café in Leer-Bingum brutal getötet zu haben – mit Messer und Barhocker. Die Millionärin verblutete. Der 55-Jährige soll die Leiche anschließend in einem Waldstück in der Gemeinde Seevetal, südlich von Hamburg, versteckt haben – rund 220 Kilometer vom Tatort entfernt. Die 66-Jährige wurde Anfang März von Spaziergängern gefunden. Christian I. bestreitet die Tötung von Basse, räumt aber den Transport der Leiche in Basses Auto ein. Den Jaguar hat er danach ordnungsgemäß in Hamburg-Ottensen geparkt.

Der zweite Prozesstag beginnt etwas chaotisch. Der Wagen mit dem Angeklagten steckt in einem Stau. Auch der neue Pflichtverteidiger von Christian I., Sebastian Wendt (Oldenburg), kommt verspätet. Der andere Anwalt des Angeklagten, Ben Bartholdy (Westerstede), lässt sich vertreten. Der Anwalt der Nebenklage, Alexander Schwenen, teilt mit, dass sich am Morgen ein weiterer Zeuge in seiner Kanzlei gemeldet habe, „der einiges zu sagen hat“. Der Zeuge ist praktischerweise gleich mit ins Gericht gekommen, wird aber an diesem Verhandlungstag nicht mehr gehört.

Richter Hunsmann lässt, anders als zum Prozessauftakt vor einer Woche, diesmal Bilder vom Angeklagten zu. Der versteckt sein Gesicht hinter einem Aktenordner. Die Verteidigung raunzt Fotografen und Kamerateams im Gerichtssaal an, Christian I. auch ja ordentlich zu verpixeln, droht mit Klagen. Mit zweieinhalb Stunden Verspätung beginnt die Zeugenvernehmung.

Die Zuhörer erfahren, dass der Zeuge und Christian I. eineinhalb Monate zusammen im Gefängnis in Oldenburg verbracht und sich häufiger unterhalten haben, über ihre jeweiligen Verfahren, über die gemeinsame Haftzeit. Der Angeklagte habe sich damit gebrüstet, die Leiche so gut versteckt zu haben, dass die Polizei sie nicht finden würde, erzählt der junge Mann. Die Tötung von Gerda Basse habe Christian I. aber nicht gestanden. „Er hat gesagt, dass er es nicht gewesen ist.“ Und auch kein Motiv habe, weil er für einen Hauskauf auf Ibiza 50 000 Euro Provision von Basse bekommen sollte.

Der Angeklagte habe demnach in der fraglichen Nacht eine Menge getrunken, sei besoffen vom Klavierstuhl gefallen und am nächsten Morgen neben der toten Gerda Basse aufgewacht. Habe aus Panik nicht die Polizei gerufen, sondern die Leiche in einen Teppich eingewickelt und in Basses Jaguar verfrachtet. Er habe Christian I. gesagt, dass es ja wohl „totaler Blödsinn“ sei, nicht die Polizei zu rufen, erzählt der junge Mann.

Der Angeklagte wird nervöser, je länger der Zeuge aussagt, redet auf seine Anwälte ein. Die versuchen, ihn zu beruhigen. Man sei ja gleich dran mit fragen, heißt die Geste wohl.

„Als die Leiche gefunden wurde, war I. nicht mehr so überzeugt von sich“, sagt der Zeuge. Bei der Frage nach Gerda Basse sei er sogar sauer geworden. Als Christian I. angeblich in seiner Zelle zu einem Unbekannten sagt, dass er Basse geschubst habe, erzählt der junge Mann alles der Anstaltsleitung. Danach wird er in die Justizvollzugsanstalt Lingen verlegt.

Die Verteidiger von Christian I. versuchen, die Glaubwürdigkeit des Zeugen zu erschüttern, fragen nach Vorstrafen wegen Körperverletzung, nach seinem Kokain-Konsum, nach Straftaten im Gefängnis. Der junge Mann will dazu nicht viel sagen. Die Verteidiger deuten an, dass der Zeuge etwas für seine Aussage gegen Christian I. bekommen haben könnte. Sie fragen sogar, ob der Mann nach Basses Tod 700 Euro im Galerie-Café geklaut habe. Der Zeuge kannte Basse zwar vom Sehen, wohnte auch in Leer. Aber nein, für 700 Euro würde er nicht einbrechen. „Nur für größere Summen.“

Richter Hunsmann würde in der kommenden Woche gerne den vom Gericht bestellten Gutachter Konstantin Karyofilis als Zeugen hören. Karyofilis, Psychiater aus Oldenburg und auch Gutachter im Prozess gegen den Klinikmörder Niels Högel, hat nach eigenen Angaben bereits mehrere Stunden mit Christian I. gesprochen. Er soll jetzt vor Gericht schildern, was ihm der Angeklagte über die Nacht zum 22. Oktober erzählt hat. Verteidiger Sebastian Wendt meldet allerdings Bedenken an, weil er sich erst in die Akten einarbeiten müsse. Dafür reiche eine Woche nicht.

Der Prozess könnte bis Ende November dauern.

Marco Seng
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2008

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