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NWZonline.de Nachrichten Panorama Blaulicht

Die Rettung kommt durchs Telefon

24.09.2014

Oldenburger Land An Tisch 410 schaltet Mario Backhaus (30) die rote Leuchte an: ein Notruf, Telefon 112.

„Kommen Sie schnell her, hier ist einer umgefallen!“

„Wo sind Sie denn?“

„In Oldenburg! Kommen Sie schnell!“

„In welcher Straße sind Sie?“

„Hauptweg! Hauptweg 12!“

„Wie ist Ihr Name?“

„Ich heiße Martin Heinz, Heinz wie der Ketchup. Kommen Sie jetzt endlich!“

Der Notarzt ist bereits unterwegs. Mario Backhaus, der Leitstellendisponent, hat die Adresse von Martin Heinz gleich in die Rettungsmaske seines Computermonitors eingetippt. Alle 20 Sekunden bekommt der Leitstellencomputer per GPS-Signal die aktuelle Position der Rettungswagen gemeldet, so findet er das nächste freie Fahrzeug. Auf einem zweiten Monitor kann Backhaus nun zuschauen, wie sich der Notarztwagen blinkend dem Einsatzort nähert.

„Was ist genau passiert, Herr Heinz?“

„Hier ist einer vor der Tür einfach umgefallen! Der sagt nichts mehr!“

„Sind Sie bei der Person?“

„Ja.“

„Schauen Sie sich die Person ganz genau an: Bewegt sie sich?“

„Nee, nee. Der ist tot, glaube ich!“

100 Schläge pro Minute

In Niedersachsen soll der Rettungsdienst laut Gesetz innerhalb von 15 Minuten am Einsatzort sein. In der Stadt Oldenburg schaffen es die Retter durchschnittlich in sechs Minuten, auf dem Land brauchen sie zumeist zwei, drei Minuten länger.

„Haben Sie ein schnurloses Telefon, Herr Heinz?“

„Ja.“

„Schalten Sie den Lautsprecher ein und stellen Sie das Telefon auf den Boden.“

„Moment  . . . ja, hallo?“

„Legen Sie die Person auf dem Boden auf den Rücken. Atmet sie noch?“

„Warten Sie  . . . nein, ich glaube nicht. Der wird auch schon ganz blau!“

Wenn ein Mensch einen Herzstillstand erlitten hat, steht auch sein Blut still. Die Zellen bekommen keinen Sauerstoff mehr. Ohne Sauerstoff sterben die Zellen ab, besonders schnell geht das bei den Hirnzellen. Nach drei Minuten sind die ersten tot.

„Herr Heinz, wir machen das jetzt zusammen. Ich lasse Sie nicht allein, ich helfe Ihnen. Trauen Sie sich das zu?“

„Äh, ja, ich glaub’ schon.“

„Knien Sie sich neben die Person, legen Sie beide Hände auf den Brustkorb – und drücken Sie. Zählen Sie mit.“

„1, 2, 3, 4 . . .“

„Ein bisschen schneller.“

Ein dritter Monitor vor Mario Backhaus zeigt eine Zeichnung; sie stellt einen Ersthelfer bei der Herzdruckmassage dar. Die Zeichnung blinkt, sie gibt Mario Backhaus das nötige Tempo vor: 100 Schläge pro Minute.

„1, 2, 3 . . . oh nein, da hat gerade etwas geknackt!“

„Herr Heinz, das Schlimmste, was Sie jetzt machen können, ist einfach aufzuhören. Bitte drücken Sie weiter!

„1, 2, 3, 4 . . .“

Wer kräftig auf den Brustkorb drückt, schiebt das Blut jedes Mal ein Stückchen weiter. Der Restsauerstoff im Blut kann ausreichen, die Zellen am Leben zu erhalten.

Der Leiter des Rettungsdienstes im Landkreis Ammerland, Dr. Andreas Soika (52), vergleicht das mit einer Notstromversorgung: „Das ist der Basisenergiebedarf für den Eigenbetrieb. Es ist nicht genug Energie, dass der Patient davon wach wird – aber es reicht, dass die Zelle überleben kann.“

„Ich hör’ das Martinshorn, ich glaube, die kommen jetzt!“

„Bitte machen Sie weiter, Herr Heinz. Zählen Sie weiter!“

„1, 2, 3, 4 . . .“

Sechs Minuten. Acht Minuten. Zehn Minuten. „Das kann lange werden“, weiß Backhaus, ein ausgebildeter Rettungsassistent, „und anstrengend. Aber es bringt etwas.“

Dr. Jörg Gellern (50) ist der Ärztliche Leiter des Rettungsdienstes in der Stadt Oldenburg. Er sagt, in der Stadt übernimmt der Rettungsdienst etwa 120 Reanimationen, die Erfolgsquote liegt bei 30 Prozent. Wenn ein Ersthelfer vor Ort war und die Herzdruckmassage übernommen hat, liegt die Erfolgsquote bei 50 Prozent. „Aber es geht nicht nur ums Überleben“, sagt Gellern, „sondern auch um Lebensqualität: Wenn da in den ersten Minuten nichts passiert, bleiben Hirnschäden.“ Gellern ist deshalb, genauso wie sein Ammerländer Kollege Soika, ein großer Fan der Telefon-Reanimation. So nennen die Fachleute das, was Mario Backhaus da an Tisch 410 demonstriert.

In einem Nebenraum der Großleitstelle Oldenburger Land sitzt Frank Leenderts (38), der Chef. Er sagt, natürlich gebe es Barrieren für die Telefon-Reanimation. Die Sprache zum Beispiel; manchmal können sich Anrufer und Leitstellendisponent nicht verständigen. Oder das Alter: Da ruft eine Frau an, die ihren leblosen, übergewichtigen Partner nicht aus dem Sessel heben kann. „Da fragt der Disponent dann: Wohnen Sie allein? Gibt es Nachbarn?“

„Toter als tot geht nicht“

Ein anderes Mal weiß eine alte Dame nicht, wie sie die Freisprecheinrichtung ihres Telefons einschalten kann. „Das habe ich noch nie gemacht!“, ruft sie ängstlich.

Mario Backhaus fragt: „Was für ein Telefon haben Sie? Eines von Siemens? Da gibt es einen transparenten Knopf, den drücken Sie jetzt.“

Eine andere Barriere bilden Angst und Ekel. Erste Hilfe – muss ich da Mund-zu-Mund-Beatmung machen? Nein, das muss man nicht als Laie. Entscheidend ist die Herzdruckmassage, sagen die Profis.

Neulich rief ein zwölfjähriger Junge in der Leitstelle an. Sein Vater lag leblos in der Küche. Martin Heinz (38), der in Wirklichkeit kein Anrufer, sondern ebenfalls Leistellendisponent ist, sagte dem Jungen, was er tun soll. „Kinder sind sehr gut zu lenken“, weiß Heinz, „die haben noch volles Vertrauen.“ Der Junge rettete seinem Vater das Leben.

Es gibt aber auch Anrufer, die nicht mitmachen wollen. Dr. Gellern, der Notarzt, kennt Untersuchungen, laut denen gut 80 Prozent der Anrufer die Ansagen befolgen. „Man kann niemanden zwingen. Dabei können die Leute gar nichts falsch machen“, sagt er, „denn toter als tot geht nicht.“

Einfach dranbleiben

Die Telefon-Reanimation ist noch relativ jung. In der Großleitstelle Oldenburger Land gilt dafür inzwischen ein standardisiertes Verfahren, ebenso wie für Brände oder das Bolusgeschehen bei Kindern (verschluckter Fremdkörper). Dass es das nicht schon sehr viel länger gibt, hat einen technischen Grund: Vor der Einrichtung der Großleitstelle für die Landkreise Ammerland, Cloppenburg, Oldenburg, Wesermarsch und die Städte Delmenhorst und Oldenburg im Jahr 2012 gab es viele Ein-Mann-Leitstellen – da konnte der Disponent schlicht und einfach nicht zehn Minuten lang am Telefon bleiben.

In der Leitstelle am Oldenburger Friedhofsweg geht das. Mario Backhaus hat an Tisch 410 die blaue Leuchte hinzugeschaltet; seine Kollegen wissen nun: Backhaus reanimiert. Sie übernehmen alle weiteren Notrufe. Bei Bedarf schaltet sich sogar ein zweiter Leitstellendisponent in den Notfall von Tisch 410 ein: zum Beispiel, wenn der Rettungswagen Unterstützung bei der Anfahrt braucht.

„1, 2, 3, 4  . . . Die sind da, sie steigen jetzt aus.“

„Drücken Sie weiter, Herr Heinz. Bis der Arzt Ihnen sagt, dass Sie aufhören sollen. Ich bleibe so lange dran.“

„Okay, ich soll jetzt aufhören.“

Eine Rückmeldung, wie es dem Patienten später ergangen ist, bekommen die Leitstellendisponent fast nie.

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020

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