DöTLINGEN - Nach meinen ersten Erfahrungen beim Pilgern 2008 auf dem Camino Francés war der Entschluss gefasst, auch die Via de la Plata kennenzulernen. Es waren im August und September wenige Pilger unterwegs. Ich habe in vier Wochen gar siebenmal alleine in den Herbergen geschlafen. In vielen waren die friedlichen Kühe oft die einzigen „Ansprechpartner“. Die Herbergen waren aus hygienischer Sicht in katastrophalem Zustand. Ausnahmen waren leider nicht die Regel.
Insgesamt fiel mir das Wandern schwer. Die langen Etappen von 30 Kilometern zwischen einzelnen Herbergen waren auch für mich eine Umstellung. Gewöhnlich liegt mein Tagespensum bei 20 Kilometern. Die Hitze war schwer auszuhalten, die ersten Wochen waren es zwischen 30 und 40 Grad. Ich habe daher täglich drei Liter Wasser mitgetragen. Das hat aber den Rucksack natürlich noch schwerer gemacht.
Ich bin insgesamt 630 Kilometer zu Fuß gelaufen. Zwei Etappen habe ich mit dem Bus übersprungen, und einmal konnte ich wegen eines Waldbrandes meinen Weg nicht fortsetzen. Das geschah in der Region Ourense, die bekannt ist für Waldbrände in den Sommermonaten. Ich musste ein Taxi nehmen, denn ich bin direkt auf ein Feuer zu gelaufen und habe es im ersten Moment nicht gesehen, denn davor war ein dicht bepflanztes Waldstück. Plötzlich stand ich 200 Meter vor dem Feuer und habe den Waldbrand gesehen. Das war ein Moment, in dem ich Respekt vor dem Feuer bekommen habe. Ich bin schnell umgedreht und drei Kilometer zurück gelaufen in das nächste Dorf, in dem die Polizei mir freundlicherweise ein Taxi gerufen hat, das mich bis zur nächsten Herberge fuhr.
Von Landflucht geprägt
Dieser Pilgerweg war nicht ungefährlich. Besonders in der Region Extramadura leben wilde Hunde. Ein Stock war zwar hilfreich. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass Hunde dann eher noch aggressiver werden. Leider sind auf diesem Weg sehr viele Hunde, besonders im Abschnitt von Mérida bis Santiago de Compostela.
Viele Teilstrecken des Weges auf der Straße lassen auch nicht wirklich ein gutes Gefühl aufkommen. Die Sicherheitsbedenken gelten gerade auf einer Straße mit viel Verkehr und ohne einen ausreichenden Seitenstreifen.
Ich habe ein Spanien erlebt, das von Landflucht geprägt ist. Teilweise leben nur noch alte Menschen in den vielen kleinen Dörfern. Die Jugendlichen ziehen oft in die Metropolen. Unterwegs sah ich Menschen, die noch mit Spaten den Boden bearbeiten. Es sind Menschen, die nur von eigenen Erzeugnissen leben wie Früchte vielerlei Art.
In der vierten Woche habe ich Mitpilgerer getroffen, die ich gerne die ganze Reise bei mir gehabt hätte. Vier Spanier (Pepe, Karen, Sebastián und Ignacio) haben mit mir Spanisch gesprochen, und das Gefühl der Einsamkeit der vorherigen drei Wochen war wie ausgelöscht. Menschen um sich zu haben, die in dem gleichen Tempo laufen, ist ein gutes Gefühl.
Kind läuft mit
Sehr beeindruckt war ich von dem achtjährigen Sebastián, der insgesamt eine Strecke von über 330 Kilometern mit seinen beiden Geschwistern zurücklegte. Zunächst war mein Eindruck, dass man es einem Kind nicht antun sollte. Die Meinung habe ich geändert, als ich sah, wie scheinbar einfach ein Achtjähriger ohne Murren 30 Kilometer zurücklegen kann.
Ich rate davon ab, diesen Weg allein zu pilgern. Es gibt zu viele Dinge, die passieren können. Daher sollte man ihn zumindest zu zweit angehen.
