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NWZonline.de Nachrichten Panorama Blaulicht

Kann so ein zweiter Fall „Niels H.“ verhindert werden?

05.07.2017

Delmenhorst Um die Sicherheit für Patienten zu verbessern, führt das Krankenhaus in Delmenhorst seit dem 1. März dieses Jahres eine qualifizierte Leichenschau durch. Externe Mediziner der Bremer Gerichtsmedizin nehmen dabei eine zweite Begutachtung der Toten vor. Wissenschaftlich wird das Projekt von der Medizinischen Hochschule Hannover begleitet.

Neues Bestattungsgesetz

Das neue Bestattungsgesetz soll die Aufklärung von Todesursachen erleichtern. Die rot-grüne Landesregierung beschloss dazu am Dienstag, eine Novelle des Bestattungsgesetzes in den Landtag einzubringen. Mit der Novelle reagierte das Kabinett auf die Mordserie des Krankenpflegers Niels Högel in Oldenburg und Delmenhorst.

Der Pfleger hatte zahlreichen Patienten lebensgefährliche Medikamente gespritzt, um sich anschließend als Reanimateur beweisen zu können.

Der Entwurf des Gesetzes verschärft unter anderem die Bestimmungen für die Leichenschau, um Todesursachen genauer erkennen zu können. Für die äußere Leichenschau sollen ärztliche Meldepflichten eingeführt werden. Zudem soll künftig eine erweiterte innere Leichenschau erlaubt sein, mit der auch Substanzen festgestellt werden können, die einer verstorbenen Person verabreicht wurden. Auch die Todesursache von Kindern sollen künftig besser aufgeklärt werden können.

Grund für die neuen Vorschriften ist die Mordserie des Krankenpflegers Niels Högel, der an den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst Patienten mit gefährlichen Medikamenten ins Lebensgefahr gebracht hatte, um sie reanimieren zu können. Viele Patienten überlebten dies nicht. Högel hatte vor Gericht 2015 bis zu 90 Taten gestanden. Ermittler prüfen immer noch weitere Verdachtsfälle.

Wie sieht die bisherige Regelung aus?
Bei Menschen, die im Krankenhaus sterben, muss ein Arzt den Tod feststellen. Wenn der Patient nach Meinung des Arztes eines natürlichen Todes gestorben ist, stellt er anschließend einen Totenschein aus. Danach wird die Leiche von einem Bestattungsinstitut abgeholt.

Wie funktioniert die qualifizierte Leichenschau?
Wie auch an anderen Krankenhäusern in Niedersachsen stellt ein Arzt den Tod fest und füllt einen Totenschein aus. Zusätzlich muss ein Arzt in Delmenhorst aber auch einen Dokumentationsbogen ausfüllen. In diesem müssen Informationen zum Verlauf der Krankheit und zur Todesursache vermerkt werden – zum Beispiel, ob es untypische Komplikationen im Krankheitsverlauf gab.

Anschließend wird der Tote in die Leichenhalle gebracht. Ein externer Mediziner vom Ärztlichen Beweissicherungsdienst muss die Leiche dann noch einmal begutachten. Er prüft die Angaben des ersten Arztes und stellt eine zweite Bestätigung aus, die in die Patientenakte eingeht.

Erst danach wird die Leiche vom Bestatter abgeholt.

„Die Verfahrensanweisung vom Tod bis zum Abtransport wurde mit allen Akteuren erstellt und auch mit dem Gesundheitsministerium abgestimmt“, erklärt Heike Büssing, Klinische Direktorin am Josef-Hospital Delmenhorst.

Lesen Sie hier: Warum stoppte niemand den Klinikmörder Niels H.?

Welche Erfahrung hat die Klinik gemacht?
„Es ist ein Sicherheitsfaktor, auch für die Ärzte“, sagt Frank Starp, ärztlicher Direktor im Josef-Hospital. Unsicherheiten bei der Leichenschau würden durch eine unabhängige Zweitmeinung ausgeräumt. Es habe auch schon Rückfragen von externen Medizinern gegeben, die in Gesprächen geklärt werden konnten. „Das Ganze wird ernst genommen“, sagt Starp. Positive Erfahrungen hat auch Michael Birkholz, Geschäftsführer des Ärztlichen Beweissicherungsdienstes (ÄBD) in Bremen, gemacht: „Wir werden nicht als Störenfriede oder Besserwisser gesehen, sondern ins Team aufgenommen“. Der Umgang mit der Leichenschau sei bewusster geworden, sagt Klinikchef Thomas Breidenbach.

Die Überprüfung durch die externen Mediziner werde nicht als Vorverurteilung, sondern als Qualitätsbestätigung gesehen.

Hat sich die Sicherheit für die Patienten verbessert?
„Die Patientensicherheit hat sich auf alle Fälle erhöht“, sagt Breidenbach. Die qualifizierte Leichenschau sei aber nur eine von vielen Maßnahmen, die nach der Mordserie von Niels Högel in den vergangenen zwei Jahren eingeführt wurden.

Daneben besprechen die Ärzte etwa bei einer Mortalitätskonferenz wöchentlich die Todesfälle. Es wurde auch eine anonyme Stelle eingerichtet, an die sich Mitarbeiter bei einem Verdacht von Unregelmäßigkeiten wenden können.

Hätte eine Mordserie verhindert werden können?
„Es wird nicht möglich sein, eine Straftat zu verhindern“, sagt Mediziner Frank Starp. Die qualifizierte Leichenschau ist keine Obduktion oder Untersuchung auf bestimmte Medikamente. Laut Klinikchef Thomas Breidenbach wäre ein Test auf Medikamente ohne konkreten Verdacht praktisch nicht möglich und zu aufwendig. Das Maßnahmenpaket sei aber eine Abschreckung für mögliche Täter.

Ist das Modell auch für andere Kliniken denkbar?
Klinikchef Thomas Breidenbach hält die Einführung dieses Modells auch bei anderen Krankenhäusern für möglich. Er habe auch schon einige Anfragen erhalten. Viele Kliniken schrecken jedoch vor den Kosten zurück.

Denn: Das Delmenhorster Josef-Hospital zahlt pro Patient rund 125 Euro für die Extra-Leichenschau – und zwar aus eigenen Mitteln. Nach Angaben des Niedersächsischen Sozialministeriums ließe sich das System aber auch in anderen Krankenhäusern einführen.

Das Niedersächsische Bestattungsgesetz wird derzeit überarbeitet (siehe Infokasten). „Dass man es in einem Flächenland nicht sofort einführen kann, sollte nicht dazu führen, dass man es gar nicht einführt“, betont Michael Birkholz.

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