ESCHEDE - Um 10.58 Uhr schieben sich Wolken vor die Sonne. Es ist still am Bahndamm von Eschede an diesem 3. Juni. Der Zugverkehr in dem Ort in der Lüneburger Heide ruht für einige Minuten, nur das Zwitschern der Vögel ist zu hören. Ein schattiger Kirschbaum-Hain bietet denjenigen Zuflucht, die vor zehn Jahren Angehörige und Freunde verloren haben oder selbst nur knapp dem Tod entgangen sind. Menschen stützen sich gegenseitig, eine Frau starrt wie gebannt auf die Gleise, am Rande der Eisenbahnbrücke kauert ein Mann im Gras.

Hier, an der Stelle, wo am 3. Juni 1998 der ICE „Wilhelm Conrad Röntgen“ entgleiste, befindet sich die Gedenkstätte für das schlimmste Bahnunglück der deutschen Nachkriegsgeschichte. Vor die Stele mit den 101 Namen der Getöteten legen die Hinterbliebenen und Überlebenden Blumen und sprechen Gebete. Nach ihrem stillen Gedenken steigen die Betroffenen langsam die Treppe zur Straße hinauf. Viele halten ihre verweinten Augen hinter Sonnenbrillen verborgen. Einige versuchen ihre Trauer in Worte zu fassen, doch ihnen versagt die Stimme.

Der Erfurter Bernd Uhlig geht am Stock zum Geländer der Eisenbahnbrücke und schaut in die Richtung, aus der der Unglückszug kam, mit dem der damals 54-Jährige von Kassel nach Hamburg fahren wollte. „Ich bin noch aus dem Zug rausgeholt worden, wie weiß ich nicht“, sagt Uhlig mit leiser Stimme. „Ich lag fünf Wochen lang im künstlichen Koma.“ Als einer der 105 Verletzten des Unglücks erlitt er zahlreiche Knochenbrüche und schwere Organverletzungen.

Ein ICE rollt wieder im Schritttempo unter der Brücke hindurch, die vor zehn Jahren einstürzte, als der entgleiste Unglückszug mit Tempo 200 gegen das Bauwerk raste. Dass er überlebte, schreibt Uhlig einzig seinem Sitzplatz im letzten Wagen zu. Trotzdem ist im Leben des Frührentners nichts mehr wie vor dem Unglück. „Ich kann nach wie vor nachts nicht schlafen, die innere Ruhe ist völlig weg.“

Zum Gedenken sind auch Helfer von damals gekommen, die in den zusammengeschobenen Trümmern des ICE Verletzte gesucht und Leichen geborgen haben. „Ich war sechs Tage im Einsatz“, erinnert sich Anja Gutzeit vom Kreisverband Celle des Deutschen Roten Kreuzes. Weil der 3. Juni 1998 ein sonniger Tag war und es auch an den folgenden Tagen heiß blieb, war der Verwesungsgeruch schon bald unerträglich. „Man musste mit Mundschutz arbeiten, und wir haben noch Minzöl draufgemacht“, sagt Gutzeit.

Auch Niedersachsens Ministerpräsident Wulff kam zur Gedenkfeier. In seiner Rede erinnerte er an die Opfer des Zugunglücks.