Friesoythe - Die Krankenschwester will kurz nach dem Patienten sehen. Schließlich wurde dieser zuvor nach schwerem Alkoholkonsum ins Krankenhaus eingeliefert. Da er bei der Einweisung friedlich war, bekam er ein normales Patientenzimmer. Doch plötzlich wird der Mann aggressiv, würgt die völlig überraschte Krankenschwester, schlägt sie. Er verriegelt die Tür, schließt sich mit der Frau ein. Einem Krankenpfleger gelingt es, die Tür aufzubekommen, will den wild gewordenen Patienten beruhigen und wird selbst geschlagen. Der alkoholkranke Mann flüchtet, wütet durch andere Stationen ehe er überwältigt und von der alarmierten Polizei abgeführt wird.
Das ist keine erfundene Geschichte, sondern genauso vor einiger Zeit im Friesoyther Hospital geschehen. Es war nicht der erste Vorfall dieser Art. Bundesweit sind Übergriffe von Patienten auf Pflegekräfte längst keine Seltenheit mehr, häufen sich sogar. Oftmals sind die aggressiven Patienten betrunken oder stehen unter anderen Drogen.
Pflegekräfte, deren Passion es ist, Menschen zu helfen, sehen sich auf einmal Gewalt ausgesetzt. Eine Situation, die viele nicht kennen – und damit deshalb im Ernstfall überfordert sind.
Die Verantwortlichen des Friesoyther St. Marienhospitals haben auf die Vorfälle reagiert. Aktuell wird zum Beispiel ein Training zur Eigensicherung, Selbstverteidigung und Deeskalation für Mitarbeiter angeboten. Fast 70 Frauen und Männer aus allen Bereichen des St. Marienstiftes nehmen derzeit an dem Kursus, der am Dienstag startete, teil. Unter fachmännischer Leitung von Roland Wilke – im Hauptberuf Polizeibeamter – werden die Teilnehmer in Theorie und Praxis auf Extremsituationen vorbereitet.
In einem ersten Schritt lernen die Mitarbeiter, wie man mit einer richtigen Ansprache und Gesten brenzlige Lagen im Idealfall beruhigen kann. Auch wird geklärt, wie nah einem jemand kommen darf. „Das ist von Mensch zu Mensch verschieden“, sagt Wilke und beginnt mit den Teilnehmern im Forum des Elisabethstiftes entsprechende Übungen.
Damit sind die Mitarbeiter schon voll im praktischen Teil angekommen. „Wir müssen versuchen, uns den Angreifer auf Distanz zu halten“, rät Wilke, der über umfangreiche Kampfsporterfahrung verfügt. Es sei zudem unbedingt zu vermeiden, bei einer Auseinandersetzung auf den Boden zu fallen. „Und schützt Euren Kopf“, sagt der Seminarleiter und zeigt, wie man sich mit einigen einfachen Handgriffen Aggressoren vom Leib halten kann. „Körperspannung ist dabei ganz wichtig“, sagt Wilke.
An diesem Mittwoch und an zwei Tagen in der kommenden Woche geht der Kursus weiter. In verschiedenen Einheiten sollen das Pflegepersonal in die Lage versetzt werden, bei Übergriffen gewaltfrei zu deeskalieren und sich selbst vor Gewalt zu schützen.
