FRIESOYTHE - FRIESOYTHE - „Im Frühjahr 1945 war die Witterung sehr milde und die Weiden waren schon früh grün. Wegen Brandgefahr hatte mein Vater vorsorglich mit dem Weideauftrieb des Viehbestandes begonnen. Als sich die anrückenden kanadischen Truppen über Markhausen kommend der Stadt näherten, suchte mein Onkel, der Bierverleger Heinrich Plaggenborg aus Friesoythe, Wasserstraße, mit Ehefrau Gebina und mit einem Pferd, einer Kuh und Harry, dem großen Schäferhund, Unterschlupf in unserem Elternhaus in Heetberg an der Heetberger Straße 4.

Auf der Heetberger Straße in Höhe des Anwesens Gerhard Plaggenborg hatten sich zwei Panzer im Schutze von Haßkamps Busch (Stiene) aufgestellt und schossen auf die Stadt.

Heinrich Plaggenborg war zwischen den beiden Weltkriegen elf Jahre in den USA gewesen. Er konnte sich daher mit der kanadischen Besatzung der Panzer unterhalten. Er suchte Kontakt mit den Soldaten, um herauszufinden (mittels Fernrohr), wie weit Friesoythe und vor allem sein Haus zerstört waren. Als ein Spähtrupp herankam, haben diese wohl den Kontaktversuch falsch ausgelegt und als Spionage gedeutet. Mein Onkel wurde zum Verhör abgeführt. Daraufhin fand eine Kontrolle statt und unser Haus wurde von den Soldaten durchsucht.

Die anwesenden Männer, mein Vater und der Nachbar Gerhard Höffmann, wurden wie Heinrich Plaggenborg zum kanadischen Quartier auf den Hof Barlage in Ellerbrock gebracht. Dorthin kamen auch Johann Tholen und Bauer Meinhard Meyer aus Altenoythe. Am nächsten Tag wurden alle in die Niederlande gebracht und jenseits des Rheins freigelassen. Die daheim verbliebenen Familienangehörigen wussten damals zunächst nicht, wohin die Männer verschleppt wurden und ob sie überhaupt noch lebten.

Jetzt kam der schwierige Teil der Rückkehr nach Friesoythe. In der Dunkelheit war Ausgangssperre. Auf den noch wenigen intakten Rheinbrücken waren strenge Kontrollen. Hier durchzukommen war ohne Ausweis nicht möglich. Onkel Heinrich verabschiedete sich von der Gruppe und sagte zu meinem Vater: „Wir wissen nicht, ob wir uns jemals wiedersehen“. Mit seiner Auslandserfahrung und seinem Wagemut schaffte mein Onkel als Erster per Boot in der Dunkelheit die Überquerung des Rheins. Insgesamt waren die Männer vier bzw. sechs Wochen nach tagelangen Fußmärschen mit schlechter Fußbekleidung (teilweise Holzschuhe) unterwegs. Mein Vater war wegen schlechter Ernährung, Strapazen und der Sorge um seine Familie bei seiner Rückkehr ausgelaugt und abgemagert.

In unmittelbarer Nachbarschaft, im Arbeitsdienstlager Heetberg, wurden während dieser Zeit Zwangsarbeiter aus Polen einquartiert. Diese haben täglich Besorgungsgänge (Plünderungen) unternommen. Hierzu eine Begebenheit: Ein Pole hatte die Lederstiefel meines Vaters mitgenommen. Dieses hatte mein älterer, zwölf Jahre alter Bruder, beobachtet. Er verfolgte mit Harry, dem Schäferhund, den Mann. Harry hatte den Polen schnell eingeholt. Als dieser in Bedrängnis kam, ließ er die Stiefel fallen und flüchtete.

Ein weiteres Mal hatten die Polen mehrere Kleidungsstücke und Schuhe aus dem Elternschlafzimmer entwendet. Meine Mutter und Gebina Plaggenborg verfolgten die Täter , wurden dann aber angegriffen und zu Boden gestoßen und blieben somit erfolglos.

Vater hatte bei seiner Rückkehr keine Schuhe mehr anzuziehen.“