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NWZonline.de Nachrichten Panorama Blaulicht

Geiseldrama in Delmenhorst

26.08.2016

Delmenhorst „Die Mittagspause ist rum“, brüllt ein Mann ins Funkgerät. Dreitagebart, schwarzer Hut, coole Sonnenbrille. „Bild 134, Einstellung 2.“ Das Standbild rund um einen alten Mercedes weicht schnell einer belebten Szene. Aus allen Ecken kommen coole Typen, schleppen Kameras, Mikrofone und andere Gerätschaften heran. Der Dreh kann weitergehen.

Delmenhorst, Innenstadt, gegen 14 Uhr am Donnerstagnachmittag. Straßen sind gesperrt, Passanten werden von freundlichen Ordnern in orangen Westen auf Umwege geschickt. „Nein, hier können sie jetzt nicht durch. Hier wird ein Film gedreht.“ Über das Geiseldrama von Gladbeck, ein Verbrechen, das 1988 für Aufsehen sorgte. Am Ende eines eskalierten Banküberfalls sind drei Menschen tot, Polizei und Presse blamiert.

Der blaue Mercedes wird weggefahren. „Wir brauchen den Aufgeschnittenen“, ruft der Mann mit dem Hut. Schon rollt der Aufgeschnittene auf den Bordstein in der Bebelstraße. Sieht aus wie der andere, nur ohne Dach und Scheiben, damit man besser reinfilmen kann.

Zwei Tage lang wird in Delmenhorst eine Szene des Zweiteilers gedreht. Die sich so oder so ähnlich im August 1988 in Bremen-Vegesack abgespielt hat. Warum in der Delmenhorster City gedreht wird? Der Producer erzählt von „bestimmten Vorgaben in einem historischen Film“. Nämlich? „Häuser aus den 1980er Jahren.“

Das Parkhaus in Bremen-Vegesack gibt es nicht mehr, weiß ein Beobachter. Das Hertie-Parkhaus in Delmenhorst steht seit Jahren leer. Ein fast perfekter Drehort. Fehlt nur noch grüne Farbe auf der Außenwand im Erdgeschoss. Die Zäune drumherum werden beige gestrichen. An der Straßenecke steht eine gelbe Telefonzelle mit Münzfernsprecher, weiter unten ein vergitterter Zigarettenautomat, der D-Mark schluckt.

In der Kirchstraße bietet ein 80er-Supermarkt Holzkohle, den Fünf-Kilo-Beutel für 2,59 Mark. So viel kosten auch 200 Gramm Lakritz-Auslese. Die Schulstraße heißt heute „Vegesacker Rampe“. Die Zeitreise kann beginnen.

16. August 1988: Der 31-jährige Hans-Jürgen Rösner und der 32-jährige Dieter Degowski überfallen eine Bank im nordrhein-westfälischen Gladbeck, flüchten mit zwei Geiseln. Sie irren durchs Ruhrgebiet, holen Rösners Freundin ab. Weil die aus Bremen stammt, fahren sie in die Hansestadt weiter.

17. August 1988: Im Stadtteil Vegesack unternehmen Rösner und Freundin einen gemütlichen Einkaufsbummel in der Fußgängerzone. Degowski bleibt solange bei den Geiseln im Auto. Die Polizei hat die Gangster mittlerweile aufgespürt, beobachtet, unternimmt nichts.

Rösner geht zum Auto. Gelbes Shirt, blaue Hose, Schmerbauch, am Oberarm tätowiert, Pistole im Gürtel. Es könnte der echte sein. „Bild 134, Einstellung 9“, ruft einer.

Rösner steigt in den Mercedes ein. „Wir laufen weiter“ ... „Danke, wunderbar“... „Die Einstellung ist gestorben“ ... „Nächste Einstellung“.

In der kleinen Umbaupause flüchten einige Crew-Mitglieder in den Schatten. „Was für eine Hitze, im Auto gehen die ja kaputt.“

Die Komparsen warten in einem Cafè in der Schulstraße auf ihren Einsatz. Hier ein bisschen Haarspray, da noch mal kämmen. Sitzt das Kleid? „Ich sehe ja älter aus als meine Oma“, echauffiert sich Uschi über ihr Outfit.

Vor dem Second-Hand-Laden daneben hat es sich Inhaberin Christa Albrecht bequem gemacht. „Ich wollte gar nicht hier sein, aber man ist ja neugierig.“ Einen Stuhl weiter sitzt Britta Würdemann aus Lemwerder, die ihren alten Golf für den Dreh zur Verfügung gestellt hat. „Ich habe gelesen, dass die Oldtimer suchen.“ Die stehen überall. Ein Passat, ein Opel Commodore, ein Käfer-Cabrio.

Die Drehassistenten im Schatten sorgen sich offenbar um die Action. Waren die Scheiben unten? „Die Scheiben zerschießen sieht geiler aus“, sagt einer. Nur Pistolen? Ach, größere Waffen werden schon besorgt. Gut.

„Ruhe bitte.“

Degowski geht ums Auto, lässt die Geiseln alleine auf dem Rücksitz. Kariertes Holzfällerhemd, blaue Jeans, hager, schwankend, gefährlich.

Degowski pinkelt gegen die Hauswand neben dem Parkhaus. Also, nicht wirklich.

Jetzt könnte die Polizei doch zugreifen. Also, damals, vor 28 Jahren. Doch sie tut nichts. Degowski kehrt unbehelligt zum Auto zurück – in echt wie im Film. Das Drama nimmt seinen Lauf.

18. August 1988: Rösner und Degowski haben am Vortag in Bremen einen Bus gekapert, Geiseln genommen, den 15-Jährigen Emanuele de Giorgi an einer Raststätte erschossen. Die Irrfahrt geht durch die Niederlande über Köln Richtung Frankfurt. Die Polizei macht einen Fehler nach dem anderen. Ein Polizist kommt bei der Verfolgung ums Leben. Die Medien verlieren jede Distanz. Heerscharen von Journalisten begleiten die Flucht, interviewen die Geiselnehmer. Fernsehen und Radio sind rund um die Uhr live dabei.

Auf der A 3 bei Bad Honnef endet ein Befreiungsversuch der Polizei in einer Tragödie. Die 18-jährige Geisel Silke Bischoff stirbt durch eine Kugel aus Rösners Waffe.

„Ton ab“, ruft einer. Auch in Delmenhorst nimmt das Drama wieder seine Lauf.

Marco Seng Redakteur / Reportage-Redaktion
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