Strückhausen - Der erste Besuch, den Klaus-Dieter Fossgreen nach seinem Tod bekommt, trägt nicht schwarz, sondern Uniform, Dienstmarke und Pistole. Es ist die Polizei, die im Dezember vergangenen Jahres an der Tür der alten Pastorei in Ovelgönne-Strückhausen (Landkreis Wesermarsch) schellt und nach dem ehemaligen Cuxhavener Bürgermeister verlangt. Sein Schwiegersohn, heißt es, habe ihn als vermisst gemeldet. Im Ort, so erzählt man sich, sei der damals 78-Jährige schon seit 2012 nicht mehr gesehen worden.
Den Senior bekommen die Polizisten nicht zu Gesicht. Seine Frau, eine Mittsechzigerin, öffnet die Tür. Sie beschimpft die Kriminalbeamten, verweigert erst jegliche Auskunft über den Verbleib ihres Mannes. Als sie doch zu reden beginnt, verstrickt sie sich in Widersprüche. Die Polizisten nehmen sie mit aufs Revier. Nach ein paar Stunden Verhör entlassen sie sie wieder, ohne Erfolg. Sie fährt zurück, zurück in das 20-Seelen-Dorf Strückhausen, zehn Kilometer marscheinwärts von Brake aus. Zurück in das rote Backsteinhaus in dem ihr Mann, Klaus-Dieter Fossgreen, auf sie wartet: leblos, begraben unter einem Berg von Wäsche, übergossen von wohlriechenden Reinigungsmitteln gegen den Verwesungsgestank. Er ist seit Jahren tot.
Ehefrau ist nicht mehr da
Ein Leichenspürhund entdeckt den bereits mumifizierten Leichnam von Fossgreen am vergangenen Donnerstag. Mit einem richterlichen Durchsuchungsbeschluss in der Hand dringen Ermittler in die Wohnung ein. Fossgreen liegt immer noch unter dem Wäscheberg. Seine Frau indes ist nicht mehr da, vermutlich schon seit Monaten. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg bestätigt, dass sie nun gegen die Frau wegen Betrugs ermittelt. Der Verdacht besteht, dass sie den Tod ihres Mannes über Jahre verschwiegen hat, um dessen Rentenzahlungen weiter zu erhalten.
Ein Kapitalverbrechen schließt die Oldenburger Staatsanwaltschaft bislang aus. Wie das nun genau gewesen ist mit dem Tod ihres Mannes, können die Beamten Fossgreens zweite Ehefrau nicht fragen. Nach NWZ -Informationen kennen die Behörden ihren derzeitigen Aufenthaltsort nämlich nicht. Ihr Anwalt, der Braker Jurist Gundolf Jaegler, verweist auf NWZ -Nachfrage auf seine Verschwiegenheitspflicht.
Ende 2011 ziehen Fossgreen, ehemaliger Fregattenkapitän, und seine Frau in die alte Pastorei. Damals, so erzählt man sich im Ort, sei er schon sehr gebrechlich gewesen. Das Haus ist mit viel Aufwand von der Kirche renoviert worden. Im vorderen Teil des Gebäudes treffen sich immer dienstags und freitags die Senioren der Kirchengemeinde zum Spielenachmittag. Hinten wohnen Fossgreen und seine Frau.
Heute ist die Wohnung vermüllt und dreckig. Die Fenster sind mit Decken verhangen, in der Duschkabine sammelt sich Unrat bis zum Rand. Eine alte Kirchenbank steht mitten im Raum, davor – wie auf einem kleinen Altar – eine dicke Stumpenkerze. Dahinter ragt eine umgedrehte Matratze an die Wand. Es muss ein unwürdiges Ende für einen wie Fossgreen gewesen sein, der sich in Cuxhaven besonders für die Sauberkeit seiner Stadt eingesetzt hat. Das Paar habe er mal spazieren gehen sehen und einmal gemeinsam in der Kirche, gleich gegenüber des Wohnhauses, sagt ein Nachbar. Ansonsten traten die beiden öffentlich nicht in Erscheinung.
Einer Nachbarin, die sie beim Spaziergang trifft, soll Fossgreens Frau gesagt haben, dass sie über das Gespräch mit ihr Stillschweigen bewahren muss. Dabei hätten sie nur Allgemeinplätze ausgetauscht, wundert sich die Anwohnerin.
Das Auto, einen weinroten Passat-Kombi, parkt Fossgreens Frau fortan im Garten hinterm Haus. Mit einer Plane deckt sie das Auto ab. „Sie hat mir gesagt, sie wolle es vor dem Wetter schützen“, sagt eine Anwohnerin, die nicht genannt werden möchte. Ein letztes Mal sprechen die beiden Frauen kurz vor Ende des vergangenen Jahres am Telefon miteinander. „Ich habe ihr gesagt, dass die Kripo bei mir war und nach ihrem Mann gefragt hat. Ich wollte wissen, was das soll und warum kein Licht mehr im Haus brennt“, erinnert sich die Frau. Danach sei Fossgreens Ehefrau in Strückhausen nie wieder gesehen worden.
Anwohner verängstigt
Die Ovelgönner sind erschrocken und verängstigt. Wie kann es sein, dass einer der ihren über Jahre tot in der Wohnung liegt, unbemerkt? Auch die Rolle der Polizei bei diesem Vermisstenfall ist immer wieder Thema. Warum haben die Beamten im vergangenen Dezember die Wohnung nicht gründlich durchsucht ? Die Polizei hatte da noch keinen Durchsuchungsbeschluss, sagt Polizei-Sprecherin Jennifer Koch. Die Beamten dürfen die Wohnung nur sichten. Einen Durchsuchungsbeschluss muss ein Richter auf Ersuchen der Staatsanwaltschaft ausstellen. Seitdem der Schutz der Wohnung von den Gerichten immer weiter aufgewertet worden ist, haben selbst erfahrene Ermittler Angst, einen Fehler zu begehen und im Anschluss an einen Einsatz von Rechtsanwälten belangt zu werden, heißt es in Polizeikreisen.
Sollte sich der Verdacht bestätigen, dass Fossgreens Frau den Tod ihres Mannes verschwiegen hat, um dessen Pension weiter zu kassieren, drohen ihr bis zu fünf Jahre Gefängnis. Den Tod eines Menschen nur zu verschweigen, sei indes keine Straftat, sagt der Oldenburger Staatsanwalt Martin Rüppell. Das sei eine Ordnungswidrigkeit.
Ob und wessen sich Fossgreens Ehefrau nun genau strafbar gemacht hat, ist für den Ovelgönner Bürgermeister Christoph Hartz (parteilos) zweitrangig. Er hat für seinen Ort nur den einen großen Wunsch: „Der Fall muss restlos aufgeklärt werden, damit die Menschen wieder Sicherheit haben.“
