Welche Auswirkungen hat Gewalt auf die Opfer?
StockemAbgesehen von den teilweise schweren körperlichen Verletzungen, die nicht selten bleibende Schäden hinterlassen, bringt Gewalterfahrung seelische und psychische, aber auch materielle Beeinträchtigungen mit sich. Die gesundheitlichen Folgekosten häuslicher Gewalt sind sehr hoch und sollten unsere Gesellschaft aufrütteln! Junge Frauen, die in einer von Gewalt geprägten Partnerschaft leben, sind den schulischen und beruflichen Anforderungen oft nicht gewachsen. Sie brechen Schule oder Ausbildung ab, verlieren ihre Arbeitsstelle oder ihre Wohnung. Gewalt macht krank und einsam. Gewaltopfer verlieren vielfach ihre sozialen Kontakte. Die erlebte Angst, Trauer und Hilflosigkeit kann zu seelischen Erkrankungen führen.
Bei mir in der Beratungsstelle haben etwa die Hälfte der Klientinnen eigene Kinder. Für diese ist die Gewalt, die ihren Müttern angetan wird häufig beeinträchtigender, als wenn ihnen selbst Gewalt angetan würde.
PhilippAls Augen- und Ohrenzeugen von Gewalt erleiden Kinder schwere seelische Verletzungen. Sie haben große Angst und Wut, fühlen sich schuldig, für das was zu Hause geschieht und wagen nicht darüber zu sprechen. In einem Klima von Angst und Gewalt gibt es keine Sicherheit und keinen Schutz. Genau das benötigen Kinder, um sich gesund zu entwickeln. Deshalb gelingt es vielen nicht, erfolgreich in der Schule zu sein und zeigen ein auffälliges Sozialverhalten. Manche Kinder sind so schwer geschädigt, dass es ihnen später nicht möglich ist, eine Familie zu gründen, in der sie gewaltfrei zusammen leben.
Wie hat sich Gewalt gegen Frauen in den letzten Jahren entwickelt?
StockemWissenschaftliche Untersuchungen und Umfragen bestätigen, dass jede dritte oder zumindest jede vierte Frau in einer noch bestehenden oder ehemaligen Partnerschaft gewaltsame Übergriffe erlebt. Ich gehe davon aus, dass sich an der Häufigkeit nichts geändert hat. Was sich langsam verändert, ist das Bekanntwerden dieser Form von Gewalt. Immer mehr Betroffene fassen den Mut das, was ihnen geschehen ist, bei der Polizei anzuzeigen und nehmen öffentliche Hilfe in Anspruch. Dies ist ein Erfolg des Gewaltschutzgesetzes von 2001 und der Beratungs- und Frauenunterstützungseinrichtungen!
Sind Unterschiede zwischen Gewaltakten auf dem Land und in der Stadt zu verzeichnen?
StockemWissenschaftliche Untersuchungen wie beispielsweise die kürzlich veröffentlichte niedersächsische Dunkelfeldstudie des Landeskriminalamtes bestätigen, was wir Expertinnen in der Praxis schon lange geahnt haben: Die Gewalt gegen Frauen ist auf dem Lande ebenso verbreitet wie in der Stadt. Die engere soziale Vernetzung macht Lebenszusammenhänge auf dem Land stabiler und kontinuierlicher, auf der anderen Seite erschwert diese Situation es aber auch, ungute Situationen zu verändern. Missstände und Unrecht werden häufiger verschwiegen.
Leider ist es nicht so, dass die soziale Kontrolle Gewalt verhindert, sondern vielmehr finden Betroffene oft schwieriger Gehör. In der Stadt kann eine Frau, die sich beispielsweise trennt, in einen anderen Stadtteil ziehen. Auf dem Land aber ist sie häufig gezwungen, die gewachsenen eigenen Lebenszusammenhänge und die ihrer Kinder ganz aufzugeben.
Welche Maßnahmen können Opfer und Angehörige ergreifen?
PhilippIn akuten Gewaltsituationen sollten Betroffene alles tun, um sich selbst und ihre Kinder zu schützen, wie etwa die Polizei zu rufen oder den Ort der Gewalt zu verlassen. Grundsätzlich raten wir betroffenen Erwachsenen über die erlebte Gewalt mit Vertrauenspersonen zu sprechen, auch wenn das sehr schwer fällt. Im zweiten Schritt sollten dann helfende Institutionen in Anspruch genommen werden wie zum Beispiel ein Arzt oder eine Beratungsstelle. Keinesfalls sollten sie denken, dass die Kinder geschlafen und deshalb nichts mitbekommen haben. Auch sie benötigen dringend Hilfe. Sollten Angehörige von Gewalttaten berichtet bekommen, sollte in Ruhe zugehört und behutsam nachgefragt werden. Es sollte sich Zeit für das Gespräch genommen werden und unbedingt auch Kindern Glauben geschenkt werden. Auch wenn sie vielleicht Widersprüchliches berichten. Hilfe und Begleitung sollten angeboten werden. In einer Beratungsstelle kann man sich Hilfe und Unterstützung holen, wenn man helfen möchte, aber nicht weiß wie.
