Altenoythe - Wo, wann und in welchem Rahmen kommt häusliche Gewalt vor? Genaue Zahlen kann und wird es nicht geben. Viel passiert hinter verschlossenen Türen innerhalb des Familienverbunds. „Die Dunkelziffer ist extrem hoch“, weiß Hans Lammers aus Altenoythe, Leiter der Außenstelle Ammerland des Weißen Rings und auch Ansprechpartner für den Nordkreis. 100 Beratungsfälle hatte der 72-Jährige bisher in diesem Jahr. Bei dreiviertel davon ging es um Gewalt gegen Frauen. Die Zahlen decken sich mit dem bundesweiten Vergleich. Lammers beobachtet jährlich eine Zunahme der Fälle.

„Aus einem an sich intakten Familienverband meldet sich niemand bei der Polizei und erstattet Anzeige.“ Denn eine Anzeige bedeutet Öffentlichkeit, vielleicht Ärger für die Kinder. Auch wenn sie helfen würde. „Wir helfen Frauen auch ohne Anzeige“, erklärt Lammers. Jeder Fall werde anonym behandelt.

Die Gewalt richte sich vor allem gegen Frauen. „Dreiviertel aller Fälle betreffen Frauen.“ Es geht dabei um Männer, die ihre Frauen oder Freundinnen oder ihre Kinder schlagen, aber auch um Beziehungsprobleme. „Es gibt auch psychische Gewalt, wenn der eine Partner den anderen ständig traktiert – das bringt einen zum Kochen, ist aber kaum nachweisbar.“

Männer kommen auch und lassen sich beraten. Zwar komme es vor, dass auch sie Gewalt durch ihre Frauen erlebten, jedoch nicht in diesem Umfang. „Männer kommen vor allem wegen Streitigkeiten, etwa mit den Nachbarn, wegen Stalkings oder Betrugsdelikten.“

Das kostenlose Hilfsangebot des Weißen Rings ist vielfältig. „Erstmal klären wir darüber auf, welche Rechte man eigentlich hat, die meisten kennen sie nicht.“ So müssten gewalttätige Männer nach der ersten Tat die Wohnung verlassen. „Er kann bis zu 14 Tage verwiesen werden.“ Gerade hat Hans Lammers einen Scheck des Weißen Rings übergeben. Eine Frau mit Kindern bekommt 1000 Euro, um sich in einem Urlaub nach dem Prozess gegen ihren Mann zu erholen und etwas Distanz zu bekommen.

Auch Arzttermine, etwa um Beweise einer Misshandlung zu sichern, Gutscheine für Beratungen beim Rechtsanwalt oder dem Therapeuten, der gegebenenfalls weitere Stunden bei der Krankenkasse organisiert, gehören zum Hilfsangebot. „Wir informieren auch, wie Prozesse funktionieren, wie man Nebenkläger wird und was so etwas kostet.“

Lammers begann die Arbeit für den Weißen Ring vor 28 Jahren, bis vor zwölf Jahren war er Polizist, kümmerte sich um die Verfolgung der Täter. Heute widmet er sich vor allem den Sorgen und Nöten ihrer Opfer. „Zu helfen ist da unser größter Lohn, wir erwarten keine Lobeshymnen.“