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NWZonline.de Nachrichten Panorama Blaulicht

Gutes Zeugnis für Mörder Högel trotz Verdachts

24.06.2016

Oldenburg /Delmenhorst Am 10. Oktober 2002 schreibt die Pflegedirektorin des Klinikums Oldenburg ihrem Mitarbeiter, der das Haus bald verlassen würde, ein Arbeitszeugnis. Sie bescheinigt ihm, „umsichtig, gewissenhaft und selbstständig“ gearbeitet und in „kritischen Situationen überlegt und sachlich richtig“ gehandelt zu haben. Sie lobt auch seine „Einsatzbereitschaft“ und sein „kooperatives Verhalten“. Gesamtnote: Er habe die ihm übertragenen Aufgaben „zur vollsten Zufriedenheit“ erledigt.

Leser Sie hier alle Artikel zum Fall der Krankenpflegers Niels Högel

Der Mitarbeiter ist der Serienmörder Niels Högel, ausgeschieden angeblich „auf eigenen Wunsch“.

Einen Monat zuvor: Der Chefarzt ruft Högel zu einem Gespräch. Er teilt ihm mit, dass das Krankenhaus kein Vertrauen mehr zu ihm habe. Er stellt ihn vor die Wahl, entweder von der Intensivstation zu vollen Bezügen in den Hol- und Bringdienst des Klinikums zu wechseln oder sofort freigestellt zu werden, bei vollem Gehalt für die kommenden drei Monate. Ein gutes Arbeitszeugnis würde man ihm außerdem schreiben.

Högel entscheidet sich für das zweite Angebot. Mit dem sehr guten Arbeitszeugnis bewirbt er sich am Klinikum Delmenhorst.

Falsche Schlüsse

Heute sitzt Högel in der Justizvollzugsanstalt Oldenburg, verurteilt zu einer lebenslangen Haftstrafe wegen Mord, Mordversuch und Körperverletzung an Patienten in sechs Fällen. Inzwischen gehen die Ermittler davon aus, dass Högel in Delmenhorst mindestens 33 Menschen getötet hat. Tatsächlich sollen es weitaus mehr Opfer sein, die Sonderkommission „Kardio“ hat Hunderte Verdachtsfälle untersucht und sagt: „Die tatsächliche Zahl der Högel-Opfer ist viel höher.“

Und die Polizei, genauer: Polizeichef Johann Kühme, sagt noch etwas: „Die Morde in Delmenhorst hätten verhindert werden können!“

14 Jahre nach der Trennung vom Krankenpfleger Högel richten sich alle Blicke wieder aufs Klinikum Oldenburg: Die Polizei prüft jetzt auch hier Hunderte Patientenakten, es gibt sechs konkrete Mordverdachtsfälle, erste Exhumierungen von verstorbenen Patienten, Ermittlungsverfahren gegen drei Verantwortliche des Krankenhauses.

Und immer wieder taucht die Frage auf: Hätte das Klinikum den Ex-Pfleger stoppen können – oder sogar müssen? Es gab offensichtlich mehr als einmal die Gelegenheit, das Treiben des heute 39-Jährigen zu beenden.

„Im Klinikum hat man ja hingeguckt“, sagte Geschäftsführer Dirk Tenzer vor eineinhalb Jahren im NWZ -Interview. „Man hat nur nicht die richtigen Schlüsse gezogen. Mit Kenntnisstand heute war das sicherlich eine Fehleinschätzung.“

Kenntnisstand heute ist: Bereits im Jahr 2001 gab es im Klinikum interne Untersuchungen, ob ein Zusammenhang zwischen Todesfällen und der Anwesenheit von Högel hergestellt werden kann. Das belegen Unterlagen, die der Polizei vorliegen.

Oldenburgs Polizeipräsident Kühme geht am Mittwoch auf einer Pressekonferenz mit dem Klinikum hart ins Gericht. „Warum die Behörden nicht eingeschaltet wurden, wissen wir nicht“, sagt er. Möglicherweise sei dem Klinikum der Ruf des Hauses wichtiger gewesen.

Geschäftsführer Tenzer räumt ein, „dass wir hier im Haus einzelne Leute gehabt haben, die der festen Überzeugung waren, dass Niels Högel Patienten geschädigt hat. Ob die gedacht haben, dass er bis zum Mord geht, weiß ich nicht. Man hat aber geglaubt, dass man nicht genug Beweise hat, um die Ermittlungsbehörden einzuschalten.“ Tenzer, der damals noch nicht im Haus tätig war, hält es heute für möglich, dass die damals Verantwortlichen „nicht unnötig Aufruhr“ erzeugen wollten – vielleicht wollten sie aber auch „gegebenenfalls Unschuldige schützen“. Was genau passiert sei damals, wisse er nicht.

Unheimlicher Kollege

Einiges von dem, was damals passiert ist, ist im Urteil gegen Högel dokumentiert. Demnach dauerte es nur wenige Wochen, bis der 1999 aus Wilhelmshaven kommende Pfleger den Kollegen unheimlich wurde.

Im Prozess erzählen diese Kollegen, „dass im Arbeitsbereich des Angeklagten des öfteren Reanimationen erforderlich waren“. Dass sie Niels Högel in Oldenburg „Unglücksrabe“ und „Pechbringer“ nannten. Dass der Angeklagte den „Ruf hatte, immer dort zu sein, wo eine Reanimation erforderlich war“.

Die Kollegen berichten, dass er in mindestens einem Reanimationsfall zwei Lernschwestern hinzugeholt hatte, um sie „mit seinen medizinischen Fähigkeiten zu beeindrucken“. Der Chefarzt der herzchirurgischen Abteilung wertet das Verhalten zunehmend als „unangebrachten Aktionismus“ und bemüht sich um eine Versetzung von Niels Högel auf eine andere Station, in die Anästhesie.

Aber auch den Chefarzt dieser Station beschleicht bald ein „ungutes Gefühl“, weil Högel auffällig häufig in Krisensituationen zugegen ist. Wenig später erhält Högel das sehr gute Arbeitszeugnis.

Klinikum-Geschäftsführer Tenzer nannte das Zeugnis im Interview vor eineinhalb Jahren „ein normales Arbeitszeugnis“. Er verwies auf „sehr harte Regeln“, die in Deutschland festschrieben, „was in Arbeitszeugnissen stehen darf“. Heute sagt er aber auch: „Man muss sich auch in die Lage der Leute vor 15 Jahren versetzen – im Nachgang wirkt manches manchmal einfacher.“

„Högel hätte nicht weggelobt werden dürfen“, kritisiert Nebenkläger-Anwältin Gaby Lübben. Das sei armselig gewesen. Beide Kliniken hätten versagt.

Im Urteil gegen Niels Högel hält das Landgericht fest: „Es bestehe kein Zweifel, dass Högels Vorgesetzte „den Verdacht hegten, der Angeklagte könnte etwas mit den Krisen der in seinem Umfeld befindlichen Patienten zu tun haben“. Dann wird das Gericht noch deutlicher: „Dem damaligen Chefarzt (...) fiel dieses Verhalten ebenfalls mehrfach auf, so dass er die Pflegedirektorin (...) hierauf ansprach. Frau (...) vermochte in dem Verhalten des Angeklagten jedoch nichts Falsches zu erkennen und veranlasste nichts.“

Als im Zuge des dritten Prozesses der öffentliche Druck immer größer wird, gibt das Klinikum Oldenburg Ende 2014 auf eigene Kosten ein Gutachten in Auftrag. Tenzer will wissen, ob es während der Dienstzeit von Niels Högel ungeklärte Todesfälle auch in Oldenburg gegeben hat. Das Ergebnis: zwölf Sterbefälle mit Hinweisen auf Fremdeinwirkung in den Jahren 2000 bis 2002, als Högel im Klinikum angestellt war. Sieben Patienten seien an einer Überdosis Kalium gestorben, so Tenzer.

„Es geht wieder los“

2016 hat die Polizei nach einem weiteren Gutachten noch ganz andere Erkenntnisse. Högel hat offenbar Patienten im Klinikum nicht nur mit Kalium totgespritzt, sondern bereits dort mit dem Herzmedikament Gilurytmal experimentiert, vielleicht auch mit anderen Mitteln.

Für Dirk Tenzer, der heute mit Verweis auf das eigene Gutachten der Klinik von 16 bekannten Fällen spricht, beinhalten die jüngsten Polizei-Erkenntnisse „nichts wirklich Neues“. Verwundert zeigt er sich deshalb über die Aussage von Polizeichef Kühme, dass das Klinikum Oldenburg Högel-Morde hätte verhindern können. „Vielleicht hat er andere Beweise, wir haben ja keine Akteneinsicht. Die Frage, die man sich immer noch stellen muss, ist doch: Hätten die damals Verantwortlichen das erkennen müssen? Erkennen können ja – aber auch müssen? Ich hoffe, dass die Ermittlungen da Licht ins Dunkel bringen werden.“

Im Dezember 2002 heuerte Högel im Klinikum Delmenhorst an. Er steht im Verdacht, nur eine Woche später dort den ersten Patienten getötet zu haben. Ein Ex-Kollege, der mit Högel von Oldenburg nach Delmenhorst wechselte, erinnert sich später bei der Polizei an das, was er damals sagte: „Jetzt geht es hier so los wie in Oldenburg.“

Marco Seng
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2008
Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020

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