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NWZonline.de Nachrichten Panorama Blaulicht

Klinik-Opfer: Haben die Kollegen weggeschaut?

10.12.2014

Oldenburg /Delmenhorst Eine falsche Zeugin, Unruhe im Saal, Ermittlungen aus heiterem Himmel: da zeigt selbst der sonst so besonnene Richter Sebastian Bührmann Nerven. „Ich werde keine Zwischenrufe zulassen“, weist er eine Frau im Zuschauerraum zurecht, die lautstark die Vereidigung einer Zeugin fordert. Als ein Handy laut bimmelt, kündigt Bührmann Ordnungsstrafen für den Wiederholungsfall an.

Beim Mordprozess gegen Ex-Krankenpfleger Niels H. überschlagen sich am Dienstag wieder die Ereignisse. Etwas peinlich, aber noch verschmerzbar, dürfte die falsche Zeugin sein, die das Gericht geladen hat. Nach 20 Minuten zäher Befragung stellt Bührmann fest, dass es im Klinikum Delmenhorst zu den fraglichen Zeiten eine zweite Krankenpflegerin gleichen Nachnamens gab. „Sie sind nicht die Zeugin, die wir brauchen“, grummelt er.

Aussage verweigert

Ein anderer Zeuge, auf den viele gewartet haben, kann den Gerichtssaal noch schneller wieder verlassen. Der ehemalige Pflegedienstleiter des Klinikums Delmenhorst verweigert die Aussage, als er vom Richter erfährt, dass gegen ihn wegen Totschlags durch Unterlassen ermittelt wird. Bührmann hat dieses kurz zuvor von der Staatsanwaltschaft gehört. Warum Ermittlungen unmittelbar vor der Aussage?, fragen sich Beobachter. Weil diese so ohnehin nicht verwertbar wäre, erklären Experten.

Im Klinikum Delmenhorst ermittelt die Staatsanwaltschaft Oldenburg gegen insgesamt sechs Personen. Als Grund nennt sie die jüngsten Angaben des Klinikums Oldenburg. Das Krankenhaus verwaltet für Delmenhorst den Medikamentenbestand in einer gemeinsamen Apotheke mit. Bereits 2004 haben die Oldenburger angeblich ihre Kollegen in Delmenhorst über die stark erhöhten Bestellungen des Herzmedikaments Gilurytmal informiert. Dem seien diese aber nicht nachgegangen, sagt Staatsanwaltschafts-Sprecherin Frauke Wilken. Mit der Arznei soll der Angeklagte dort von 2003 bis 2005 gemordet haben.

Warum stoppte niemand Niels H.? – Die Chronik zum Krankenpfleger-Prozess

Zudem sind zwei Verantwortliche des Klinikums Oldenburg ins Visier der Fahnder geraten. Dabei geht es um die Frage, ob sie geahnt haben könnten, dass Niels H. für den Tod von Patienten verantwortlich ist und den Verdacht nicht gemeldet haben.

Eine Zeugenaussage vom Dienstag könnte diese Vermutung erhärten. Ein ehemaliger Krankenpfleger aus Oldenburg spricht von „schwerwiegenden Versäumnissen“ im Klinikum. Der Zeuge erzählt von deutlich mehr Reanimationen in der Herzchirurgie und in der Anästhesie des Klinikums während der Dienstzeiten von Niels H. in den Jahren 2000 bis 2002.

Im Zusammenhang mit den Reanimationen seien damals auch bereits erhöhte Kaliumwerte bei den Patienten aufgefallen. Er gehe davon aus, dass die Klinikleitung davon gewusst habe, sagt der Ex-Pfleger. Man habe den Mitarbeitern aber einen „Maulkorb“ verpasst, um eine negative Berichterstattung zu verhindern. In Oldenburg sollen nach einem aktuellen Gutachten zwölf Patienten an einer Überdosis Kalium gestorben sein.

Mitverantwortung

Auch für Nebenklage-Anwältin Gaby Lübben (Delmenhorst) kommen die weiteren Ermittlungen überraschend. Man hätte in Delmenhorst damals recherchieren müssen, woher der erhöhte Verbrauch des Medikaments Gilurytmal kommt. „Das ist aus unserer Sicht Beihilfe zum Mord.“ Dem Klinikum Oldenburg wirft Lübben eine Mitverantwortung vor, weil Niels H. dort nicht gestoppt worden sei. „Delmenhorst hätte verhindert werden können.“

„Damit rücken erstmalig neben dem Täter auch weitere Verantwortliche der Kliniken in den Fokus polizeilicher Ermittlungen“, erklärte Christian Marbach (Ganderkesee/Kreis Oldenburg) von der Nebenklage.

Der 37-jährige Niels H. muss sich seit September wegen dreifachen Mordes und zweifachen Mordversuchs an Patienten im Klinikum in Delmenhorst verantworten. In Delmenhorst überprüft die Polizei den Tod von weiteren 174 Patienten. In Oldenburg sind es mindestens 58 Fälle, die untersucht werden.

Alle Artikel zum Prozess lesen Sie hier in unserem Spezial.


Mehr Bilder unter   www.nwzonline.de/fotos-region 
Marco Seng Redakteur / Reportage-Redaktion
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