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NWZonline.de Nachrichten Panorama Blaulicht

Hinweise auf 20 Tötungen im Klinikum Oldenburg

24.02.2015

Oldenburg Der Ex-Krankenpfleger Niels Högel könnte noch mehr Menschen getötet haben, als bislang vermutet wird. Die Sonderkommission „Kardio“ hat mehr als 20 Ermittlungsverfahren wegen möglicher Patiententötungen im Klinikum Oldenburg eingeleitet. Zudem gibt es acht Verdachtsfälle während der Rettungsdienstzeit von Högel im Landkreis Oldenburg. Das teilten Staatsanwaltschaft und Polizei bei einer gemeinsamen Pressekonferenz am Montag in Oldenburg mit.

Die Ermittlungen seien noch nicht abgeschlossen, sagte Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann. „Es gibt allerdings Indizien, dass H. in Oldenburg Patienten getötet hat.“ Bisher seien in über 20 Sterbefällen im Klinikum Oldenburg Ermittlungen gegen Niels Högel wegen des Anfangsverdachts des Mordes eingeleitet worden. Das Klinikum selbst spricht nach einem Gutachten von bis zu zwölf Patienten, die Högel zwischen 1999 und 2002 mit Kalium getötet haben könnte. Schiereck-Bohlmann sagt, dass derzeit ein unabhängiger Sachverständiger das vom Klinikum Oldenburg veranlasste Gutachten überprüft. Klinikum-Geschäftsführer Dirk Tenzer hält das für sinnvoll. „Mich wundert nicht, dass es mehr Fälle als zwölf sind.“ Das Klinikum sei selbst noch nicht am Ende der Untersuchungen gewesen.

Große Hintergrund-Chronik zum Fall Niels Högel auf NWZonline

Auch in Högels Zeit als Rettungssanitäter im Landkreis Oldenburg zwischen 2002 und 2005 hat die Polizei auffällige Reanimationen festgestellt. In acht Fällen gebe es konkrete Ermittlungsverfahren, sagte Schiereck-Bohlmann. Zu Högels Zeit in Einrichtungen in Wilhelmshaven gibt es dagegen bisher keine Verdachtsfälle.

Im Klinikum Delmenhorst werden seit längerem 174 Verdachtsfälle untersucht. Högel soll dort zwischen 2003 und 2005 Patienten mit einer Überdosis des Herzmedikaments Gilurytmal getötet haben. In fünf Fällen ist er derzeit vor dem Landgericht Oldenburg angeklagt. Laut Staatsanwaltschaft liegen zu 23 weiteren Fällen bisher medizinische Gutachten vor. In zwölf Fällen habe sie eine Exhumierung der Leichen beantragt, sagte Schiereck-Bohlmann. In diesen Fällen sei der Tod der Patienten nicht mit ihrer Erkrankung zu erklären.

Der Präsident der Polizeidirektion Oldenburg, Johann Kühme, kündigte an, dass in Kürze die ersten acht Leichen auf einem Friedhof in der Region exhumiert würden. „Die Angehörigen sind informiert.“ Nach NWZ-Informationen handelt es sich um den Friedhof in Ganderkesee (Landkreis Oldenburg). Kühme sprach von einer „mittleren zweistelligen Zahl“ von Friedhöfen, die betroffen sein werde. „Wir werden friedhofsbezogen vorgehen.“

Der Leiter der Soko „Kardio“, Arne Schmidt, betonte, dass man bei den Exhumierungen die Belastung für alle Beteiligten so niedrig wie möglich halten wolle. Die Leichen sollen nach der Untersuchung noch am gleichen Tag wieder beerdigt werden. Die Polizei geht davon aus, dass sie das Gilurytmal noch nachweisen kann. Dazu sollen auch Bodenproben bei den betroffenen Gräbern genommen werden. Schmidt kündigte an, dass die Polizei die Friedhöfe bei den Exhumierungen für die Öffentlichkeit weitestgehend sperren wird.

Laut Schmidt kostet jede Exhumierung zwischen 6000 und 7000 Euro. Auf die Angehörigen kämen aber keine Kosten zu. Die Ausschreibungen für Bestatter, Steinmetze und Gartenbauer haben am Montag begonnen. „Der Termin der ersten Exhumierung steht noch nicht fest.“ Das werde aber in den nächste Wochen der Fall sein. Die Ermittlungen insgesamt könnten noch sehr lange dauern.

Die Staatsanwaltschaft Oldenburg hat sich unterdessen für die Versäumnisse bei den Ermittlungen gegen den Ex-Krankenpfleger entschuldigt. Die Ermittlungen seien nicht mit der notwendigen Geschwindigkeit geführt worden, sagte der stellvertretende Leiter der Staatsanwaltschaft, Thomas Sander. „Da hat es sicher Pannen und Verzögerungen gegeben.“ Die Angehörigen seien möglicherweise jahrelang ohne Not hingehalten worden. „Ich möchte mich im Namen der Staatsanwaltschaft Oldenburg entschuldigen.“

Sander wies noch einmal darauf hin, dass gegen zwei ehemalige Staatsanwälte deshalb ermittelt werde. Zudem würde untersucht, ob es strukturelle Mängel in der Behörde gebe. Als Reaktion auf die Vorfälle hat die Staatsanwaltschaft eine Abteilung für Kapitalverbrechen eingerichtet. „Wir wollen versuchen, das Treiben des Herrn H. jetzt voll umfänglich aufzuklären“, sagte Sander.

Die Ermittlungen gegen Verantwortliche der Kliniken Oldenburg und Delmenhorst wegen des Verdachts des Totschlags durch Unterlassen dauern laut Staatsanwaltschaft an.

Marco Seng Redakteur / Reportage-Redaktion
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