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INITIATIVE Trauerarbeit braucht ihre Zeit

Hannelore Brand hat im vergangenen Jahr ihren 28-jährigen Sohn bei einem Autounfall verloren. Die 47-Jährige aus Westerholt will jetzt eine Selbsthilfegruppe für verwaiste Eltern gründen.

Von Werner Fademrecht

Frage:

Frau Brand, was kann eine Selbsthilfegruppe den Betroffenen in ihrer schweren Situation geben?

Brand:

Kein Mensch, außer denjenigen, die so einen Schicksalsschlag erfahren haben, kann wirklich die Gefühle zwischen dumpfer Ohnmacht und Trauer nachvollziehen. Ich denke, dass es wichtig ist, mit Menschen in vergleichbarer Situation zu reden. Der Austausch untereinander, das Reden über das verstorbene Kind und das Auffangen in Krisensituationen, all das könnte die Selbsthilfegruppe bieten.

Frage:

Welche Rolle spielt in dem Zusammenhang das private Umfeld?

Brand:

Eine wichtige, aber es kommt häufig nach einer Weile zum Rückzug von Freunden und Bekannten – ich vermute aus Sprach- und Hilflosigkeit. Es vergehen Wochen und Monate, und dann wird es vielleicht sogar peinlich für die Freunde, sich zu melden.

Frage:

Unsere Gesellschaft hat den

Tod weitestgehend aus dem Alltag verdrängt ...

Brand:

Das stimmt, es ist ein Tabuthema. Aber, um wieder ins Leben zurückzufinden, müssen Betroffene ihre Trauerarbeit abschließen und das kann länger dauern, als es Außenstehende verstehen können. Mein Schlüsselerlebnis, das den Entschluss, eine Selbsthilfegruppe zu gründen, forciert hat, war die Begegnung mit einer Mutter, die vor etlichen Jahren ihr Kind verloren hat. Ich arbeite für das Kriseninterventionsteam des Malteser Hilfsdienstes und habe miterlebt, wie die Frau, als sie erneut mit diesem Trauma konfrontiert wurde, zusammengebrochen ist, weil sie vor vielen Jahren ihre Trauerarbeit nicht beenden konnte.

Frage:

Was kann eine Selbsthilfegruppe dazu beitragen, dass es anderen nicht auch so ergeht?

Brand:

Sie kann jedem klarmachen: Du bist nicht allein. Bundesweit sterben etwa 20 000 Kinder unter 16 Jahre pro Jahr. Eltern geben sich oft eine Mitschuld, man fragt sich, hätte es nicht verhindert werden können. Doch das ist falsch: es ist einfach nur Schicksal.

Wer seine Eltern verliert, der verliert einen Teil seiner Vergangenheit, wer seinen Partner verliert, der verliert einen Teil seiner Gegenwart. Mit den eigenen Kindern geht ein Teil der Zukunft verloren, das macht es besonders schwer. Selbst wenn man als Eltern den Trauerprozess ,erfolgreich‘ durchläuft, wird es immer wieder Krisensituationen geben. Gerade vor Feiertagen wie dem Volkstrauertag oder Totensonntag und natürlich zu Weihnachten braucht jeder Menschen, die einen auffangen.

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