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NWZonline.de Nachrichten Panorama Blaulicht

Bluttat: Internet-Aufruf zur Lynchjustiz nach Mädchenmord in Emden

30.03.2012

EMDEN Emden trauert um Lena. Vor dem Parkhaus, in dem die Elfjährige am Sonnabend ermordet wurde, werden täglich Hunderte neue Kerzen entzündet, Blumen, Briefe und Kuscheltiere abgelegt. Auch im Internet wird getrauert. Beim sozialen Netzwerk Facebook hat jemand die Seite „Kondolenzbuch für den kleinen Emder Engel!“ eingerichtet. Mehr als 9 000 Besucher haben hier ihre Trauer, Wut und Beileid ausgedrückt. Weltweit zählt das Netzwerk rund 845 Millionen Mitglieder.

Folgen nicht abzusehen

Doch das Internet zeigt sich in diesen Tagen auch von einer ganz anderen Seite. Nur Minuten nachdem die Polizei einen 17-jährigen Emder Berufsschüler unter dringendem Tatverdacht verhaftet hat, berichtet ein Zuschauer quasi live im Netz darüber. Er nennt dabei Namen und Anschrift des Verhafteten. Noch am selben Tag ruft ein 18-Jähriger über Facebook dazu auf, die Emder Polizei zu stürmen und den mutmaßlichen Täter heraus zu holen.

Die Folgen der Hetzjagd sind noch gar nicht ganz abzusehen. Ein diffamierter, unschuldiger 16-Jähriger musste von seiner Familie geschützt werden und ist bis auf Weiteres sogar aus der Stadt gebracht worden, hieß es gestern. Zuvor hatte der junge Mann, der zwar in verwandtschaftlicher Beziehung zum mutmaßlichen Täter steht, mit der Tat aber nichts zu tun hat, selbst noch versucht, das „Missverständnis” aufzuklären und die Welle, die über ihn hereingebrochen ist, zu stoppen.

Im sozialen Netzwerk Facebook, in dem seit Tagen unzählige Stellungnahmen, Gerüchte, Anschuldigungen und sogar Morddrohungen kursieren, schrieb der junge Mann: „Hallo Leute. Ich bin nicht derjenige, der in U-Haft sitzt. Habe mit dem nichts zu tun!!! Derjenige, der gemeint ist, ist (...) Und ich möchte mich von diesem Jungen distanzieren.” Über- und unterschrieben ist dieses „Posting” mit dem eigenen Namen. Die Familie hat sich nach Informationen dieser Zeitung am Vormittag an die Polizei gewandt und um Hilfe gebeten.

Die Beamten hätten ihr auch zugesichert, sich um die Falschmeldung kümmern zu wollen.

Gewaltdrohungen

Mit dem Namen des 16-Jährigen,der nach Angaben der Polizei nichts mit dem Mord an der Elfjährigen zu tun hat, sollen am Mittwoch aber auch zahlreiche Fernsehteams und Pressevertreter in der Sachsenstraße unterwegs gewesen sein. Sie sollen mit dem falschen Namen gefragt haben, ob jemand etwas zu diesem Jungen zu sagen hat. Damit war der falsche Name weiter im Umlauf. Mit nicht absehbaren Folgen für die Familie, die bereits durch die Nähe zum mutmaßlichen Täter unter enormen psychischen Druck geraten ist.

Wie aufgeheizt die Stimmung in der Stadt zuletzt war, hatte sich schon mehrfach vor dem Parkhaus und dem Polizeigebäude gezeigt. Viele junge Menschen, die jedes Gerücht, jeden Namen, jeden angeblichen Tatverlauf aus dem Internet holten, drohten offen mit Gewalt gegen den Tatverdächtigen, der inzwischen aber wohl in Vechta in Haft sitzt. Wo die Familie des mutmaßlichen Täters derzeit ist, blieb geheim.

Der Polizei-Inspektionsleiter Martin Lammers zeigt sich bei einer Pressekonferenz am Donnerstag über die Vorgänge verstört und verärgert. Er spricht von 50 Menschen, die bis zum frühen Morgen um vier Uhr vor der Polizeiwache die Herausgabe des 17-Jährigen forderten. Außerdem seien etliche Unschuldige mit vollen Namen im Internet denunziert worden. Er appelliert: „Unterlassen Sie das, und lassen Sie die Polizei ihre Arbeit machen.“ Er kündigt an, strafrechtlich gegen den Initiator vorzugehen.

Der Auricher Staatsanwalt Bernard Südbeck liest den Medienvertretern die Leviten: In vielen Berichten sei bereits von „dem Täter“ die Rede. „Bis jemand rechtskräftig verurteilt ist, gilt die Unschuldsvermutung. Daran sollten wir uns alle halten.“

Plattform für Volkszorn

Der Kriminologe Professor Christian Pfeiffer aus Hannover macht dagegen die Polizei für die Aufstände verantwortlich: „Es war ein Fehler, den Tatverdächtigen sensationsheischend mit Handschellen abzuführen und so zu tun, als habe man den Täter.“

„Das Internet kann in solchen Fällen seine ganze destruktive Wucht entwickeln und dem Volkszorn eine Möglichkeit zur Entfaltung bieten“, sagt Pfeiffer. Erst in der vergangenen Woche hatten Rechtsextreme versucht, das Haus eines mutmaßlichen Sexualstraftäters in Nordenham bei Oldenburg zu stürmen. Auch hier wurde über das Internet Name und Anschrift verbreitet und zur Tat aufgerufen. In Emden habe sich der Staat die Dinge aus der Hand nehmen lassen: „Das darf er nicht wollen, er hat das alleinige Gewaltmonopol.“ Die Polizei müsse aus den Fehlern lernen.

Chronik der Geschehnisse

Sonnabend, 24. März: In einem Parkhaus in Emden wird die Leiche eines elfjährigen Mädchens gefunden.

Sonntag, 25. März: Polizei und Staatsanwaltschaftbestätigen, dass es sich um ein Gewaltverbrechen handelt. Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren.

Montag, 26. März: Rund 1500 Menschen treffen sich nach Aufrufen im Netz auf dem Bahnhofsvorplatz zu einer Schweigeminute.

Dienstag, 27. März: Die Polizei veröffentlicht Ausschnitte von Videoaufnahmen aus dem Parkhaus. Am Abend wird ein Tatverdächtiger festgenommen.

Mittwoch, 28. März: Der 17-Jährige sagt aus, legt aber kein Geständnis ab. Am Abend wird Haftbefehl gegen ihn erlassen.

Donnerstag, 29. März: Die Polizei teilt mit, dass der Tatverdächtige für die Tatzeit kein Alibi hat und sich in Widersprüche verwickelt habe.

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