Im Nordwesten - Drei Unfälle binnen vier Tagen allein in Emden, einer davon sogar mit tödlichem Ausgang: Die traurigen Vorfälle Mitte August haben Verkehrsteilnehmern mal wieder vor Augen geführt, wie lebensgefährlich Kollisionen zwischen Motorrädern und Autos sind. Dass solche Zusammenstöße in den vergangenen Tagen gehäuft auf Emder Straßen geschahen, ist eher Zufall – anders als die Folgen für die Unfallbeteiligten.
Zahlen des Allgemeinen Deutschen Automobil-Clubs (ADAC) belegen nämlich, dass 93 Prozent der Unfallopfer im Jahr 2021 die Biker oder deren Mitfahrer waren. Gleichzeitig verursachten im selben Jahr allerdings die Autofahrer zwei Drittel der insgesamt 16.435 Unfälle mit Motorrädern. „Viele Motorradfahrer sind auch Autofahrer. Umgekehrt haben die meisten Autofahrer aber noch nie auf einem Motorrad gesessen. Sie wissen also zu wenig darüber“, begründet Dirk Matthies, Leiter Verkehrsabteilung beim ADAC Weser-Ems, dieses Missverhältnis.
Weil Auto und Motorrad für ihn „ungleiche Partner im Straßenverkehr“ sind, komme es umso mehr auf Prävention und Weitsicht an. Für erhöhte Sicherheit zu sorgen, sei aber nicht die Aufgabe ausschließlich des einen oder des anderen. Alle Verkehrsteilnehmer können laut ADAC dazu beitragen, dass sich die Zahl der Unfälle verringert.
Motorradsaison ist Unfallsaison: Die Statistiken der Polizeiinspektionen im Nordwesten belegen, dass sich die meisten Unfälle zwischen April und September ereignen. Erfreulicherweise erhöhten sich die jährlichen Gesamtzahlen seit 2018 aber nicht – ganz im Gegenteil: Nahezu alle Inspektionen verzeichneten einen leichten Rückgang.
Nach Angaben der Inspektionen ist eine überhöhte Geschwindigkeit in den meisten Fällen die Ursache für einen Unfall. Aber auch generelle Fahrfehler der Biker (zu wenig Sicherheitsabstand und Fehler beim Überholen) gehören dazu. Ein Problem für Autofahrer ist offenbar häufig, dass sie die Motorradfahrer aufgrund der schmalen Silhouette übersehen.
In der Regel tragen Motorradfahrer bei den Kollisionen Verletzungen davon – nicht selten sind diese schwer oder sogar lebensgefährlich. Tödliche Verkehrsunfälle unter Beteiligung von Motorrädern sind die Ausnahme, im vergangenen Jahr waren es im Nordwesten 21.
Die Unfallzahlen (Hubraum ab 125ccm) aus dem vergangenen Jahr: Polizeiinspektion Oldenburg-Stadt/Ammerland 80, Cloppenburg/Vechta 65, Delmenhorst/Oldenburg-Land/Wesermarsch 69, Wilhelmshaven/Friesland 91, Leer/Emden 78, Aurich/Wittmund 71.
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Was können Autofahrer tun?
Die Autofahrer sollten sich laut Matthies im Frühling schon einmal darauf einstellen, dass ihnen speziell auf landschaftlich schönen Strecken mit vielen Kurven mehr Zweiräder entgegenkommen. Vor allem unübersichtliche Kurven sollten sie nie schneiden, da Motorrad-Fahrer in Schräglage fast so viel Platz benötigen wie ein Auto.
Aber selbst bei optimaler Sicht dürfen Autofahrer nicht unterschätzen, wie groß das Beschleunigungsvermögen der Motorräder ist. Außerdem haben die Zweiräder nach Angaben des ADAC – anders als häufig vermutet – keinen kürzeren Bremsweg als Autos. Ein Zusammenstoß kann dadurch schneller passieren als gedacht.
Auch deshalb sollten Autofahrer lieber einmal mehr schauen, ob sich ein Motorrad nähert. Das gilt speziell beim Spurwechsel, beim Abbiegen, beim Überholen und an Kreuzungen. Ein weiterer Tipp des ADAC-Experten an die Autofahrer: „Bringen Sie Ihr Navigationsgerät nicht mittig unten an der Frontscheibe an. Dahinter ,verschwinden’ im Zweifelsfall gleich mehrere Biker.“
Was können Motorradfahrer tun?
Um selbst bessere Sicht zu haben, sollten Motorradfahrer laut ADAC verschmutzte und verkratzte Visiere reinigen oder komplett austauschen. Getönte Visiere und in den Helm integrierte Sonnenvisiere sind ebenso hilfreich wie reflektierende Signalwesten und auffällige Motorradkombis.
Die Motorradfahrer sollten trotzdem immer damit rechnen, dass sie eventuell übersehen werden könnten. Das gilt vor allem für die Tageszeiten mit tiefstehender Sonne. „Haben sie die Sonne im Rücken, werden sie zwar nicht selbst geblendet, müssen sich aber noch mehr bewusst machen, dass andere geblendet sein könnten und sie leichter übersehen“, erklärt Matthies.
Genau diese Mahnung befindet sich auch in der Broschüre des Instituts für Zweiradsicherheit (ifz), die der ADAC im Zuge seiner Motorradtrainings an die Teilnehmer ausgibt. Mögliche Gefahrensituationen mit Motorradfahrern sind beim ADAC auch vereinzelt Bestandteil des Pkw-Fahrsicherheitstrainings.
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