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NWZonline.de Nachrichten Panorama Blaulicht

Jennifer W. soll Jesidin mit einer Waffe bedroht haben

18.07.2019

München /Lohne Ein hellblaues Kleid habe ihre Tochter angehabt, als sie qualvoll in der Sonne verdurstete. Barfuß sei sie gewesen. „Mama“ habe sie noch gerufen – und dann nichts mehr. Nora T. schildert am Mittwoch vor dem Oberlandesgericht (OLG) München Grauenvolles: Wie ein Iraker von der Terrormiliz Islamischer Staat, der sie und ihre Tochter als Sklavinnen hielt, das erst fünf Jahre alte Kind 2015 in seinem Haus in Falludscha packte, es mit einem braunen Kabel fesselte und mit erhobenen Armen außen an ein Fenstergitter band – an einem heißen Vormittag, an dem die Sonne unerbittlich auf den Hof brannte. Etwa eine Stunde später, so sagt es die 47 Jahre alte Jesidin, sei ihre kleine Tochter tot gewesen. „Ranja, Ranja“ habe sie gerufen – immer wieder. „Aber von Ranja war nichts mehr zu hören.“

Die Ehefrau des Mannes habe noch ein Glas Wasser für das Kind gebracht. „Aber Ranja war tot.“ Als sie später nicht aufhören konnte, zu weinen, habe diese Frau ihr eine Pistole an den Kopf gehalten. „Wenn Du nicht aufhörst, werde ich Dich umbringen“, soll sie gesagt haben. Aber sie habe die ganze Zeit geweint. Sie habe mit eigenen Augen gesehen, wie ihre Tochter umgebracht wurde. „Und dann soll ich nicht weinen?“, sagt Nora T. „Dass das Herz von einer Mutter verbrannt wird – ist das nicht schwer?“

Die Ehefrau mit der Pistole – davon geht die Bundesanwaltschaft aus – soll Jennifer W. gewesen sein. Eine 28 Jahre alte Deutsche aus Lohne im Landkreis Vechta, die seit Wochen wegen Mordes durch Unterlassen und Kriegsverbrechen vor Gericht steht.

Nora T. ist wichtigste Zeugin in dem Prozess gegen die mutmaßliche IS-Rückkehrerin. Doch ihre Vernehmung gestaltet sich so schwierig, dass das Gericht erst am dritten Tag zu dem grauenvollen Vorwurf kommt, die junge Frau, die selbst Mutter einer Tochter ist, habe tatenlos zugesehen, wie ein Kind verdurstete.

Nora T. sagt, der Mann und die Frau, die sie und ihre Tochter als Sklavinnen gehalten hätten, hätten gescherzt und gelacht, während das kleine Mädchen in der Sonne angebunden war. „Die waren glücklich.“ Erst als der Mann Ranja – regungslos und mit halboffenen Augen – wieder ins Haus brachte, sei das Paar nervös geworden. Der Mann sei mit dem Kind in ein Krankenhaus gefahren. Sie habe nicht mitfahren dürfen. Später sei er dann mit geschnittenem Bart und geschnittenem Haar und ohne Ranja zurückgekehrt. Sie habe ihre Tochter nie wieder gesehen. „Die haben gesagt, Ranja gibt es nicht mehr.“

Dem Mann, so schildert es Nora T., wurde dann der Prozess gemacht. Ob es ein Urteil gab, wisse sie nicht. Sie habe gehört, er sei nach Damaskus gegangen. Sie selbst sei zu einem anderen IS-Terroristen weitergeschickt worden.

Die Aussage der Jesidin gestaltet sich schwierig – auch weil die Zeugin wegen eines Sprachfehlers oft schwer zu verstehen ist. Die Vernehmung zieht sich schon über drei Verhandlungstage. Und auch am Mittwoch verzögert sich alles, weil Gericht und die Nebenklage-Anwälte von Nora T. über die Dolmetscherin streiten. Die Jesidin verstehe nicht alles, weil sie einen anderen Dialekt spreche als die Übersetzerin, kritisieren sie. Ihren Antrag, einen weiteren Dolmetscher hinzuzuziehen, lehnt das Gericht ab.

Am Mittwoch scheint die Kommunikation zunächst besser zu laufen. Die Schilderungen der Frau wirken stringenter, weniger konfus. Allerdings sagt sie einmal, das Kind sei schon im Haus tot gewesen, später will sie doch noch einen leichten Puls gespürt haben. Das Kind sei später im Krankenhaus gestorben. Von Widersprüchen spricht die Verteidigung nicht zum ersten Mal an diesem Tag.

Dann will der Vorsitzende Richter Reinhold Baier von Nora T. noch einmal wissen, was das Kind anhatte. Ein hellblaues Kleid? In einer früheren Vernehmung habe sie doch gesagt, das Kind habe ein rosa Kleid getragen und rote Schuhe. Das stimme auch, sagt die Zeugin. Ranja habe rote Schuhe besessen und die auch auf den Fotos getragen, die sie später, nach ihrer Flucht vor dem „IS“ gesehen habe. Die seien wohl im Krankenhaus entstanden. Das Kind habe darauf ein Kabel um den Hals gehabt.

Sie habe diese Bilder auch abgespeichert, aber im Irak „vergessen“ und nicht mit nach Deutschland genommen. Das Bild des Kindes sei damals „überall annonciert“ gewesen – auf dem Handy, im Fernsehen. „Die sind überall verteilt worden. In Kanada, in Australien. Die haben gesagt, das ist eine schmutzige Geschichte und darum muss jeder davon erfahren.“ Auf die Frage, wer diese Fotos verteilt hat, sagt sie: „die Leute“ und meint - wie die Nachfrage des Richters ergibt - die jesidische Gemeinde. „Damit alle Leute auf der ganzen Welt wissen, was mit den Jesiden dort passiert ist.“

Selbst die Anwälte der Nebenklägerin sind überrascht von dieser Aussage ihrer Mandantin. „Wir wussten nichts von diesem Bild“, sagt Wolfgang Bendler. „Aber vielleicht gibt es das Bild ja.“

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