Krummhörn - Vermummte Männer mit dunklen Sonnenbrillen und verdecktem Gesicht, die Kapuzen über den Kopf gezogen, reden im strömenden Regen aufgeregt auf eine Gruppe Polizisten ein. Ihr Ziel: Sie wollen verhindern, dass Pressevertreter Fotos bei ihrer Veranstaltung anfertigen. Diese Szenerie war bei einem Rechtsrock-Konzert in der Krummhörn (Landkreis Aurich) zu beobachten – und sie zeigt, dass die rechte Szene hier eine Duftmarke setzen wollte. Experten gehen sogar davon aus, dass das Konzert „Live in Krummhörn 2“ der Auftakt einer rechten Bewegung in der ostfriesischen Provinz sein könnte. Was zu den Hintergründen bekannt ist:
Die Veranstalter
Zwei Personen sind als Organisatoren des Konzertes besonders in Erscheinung getreten. Dabei handelt es sich nach NWZ-Informationen um einen Aktivisten aus der Neonazi-Szene in Ostfriesland und einen Mann mit Verbindungen zum militanten Neonazi-Netzwerk „Hammerskins“, der von Potsdam in die Region gezogen ist. Der Verfassungsschutz bestätigte auf Anfrage unserer Redaktion, dass die Organisatoren klare Bezüge in rechtsextremistische Strukturen haben. Auch Sicherheits- und Sanitätsdienst haben sich aus der rechten Szene formiert. Der „Nordland Sanitätsdienst“ habe in der Vergangenheit einzelne rechtsextremistische Szeneveranstaltungen unterstützt. Offenbar kamen die Einnahmen des Konzertes dem Rechtsextremismus zugute – und es diente als Vernetzungstreffen.
Die eingeladenen Bands
Einblicke in die Planungen des Rechtsrock-Konzertes gibt die Band „ErnstFall“, die sich in einer Stellungnahme gegenüber unserer Redaktion von der Veranstaltung distanziert. Wie aus einem Chatverlauf hervorgeht, der unserer Redaktion vorliegt, hat die Band den Auftritt selbst abgesagt, als die Vorwürfe publik wurden. „Wir lehnen Rechts und jegliche extremistische Haltung ab“, sagt Bandmitglied Dominic Ernst. Die Gruppe aus Weil am Rhein sei bereits vor längerer Zeit gebucht und mit einer vergleichsweise hohen Gage gelockt worden.
Man habe sich im Vorfeld über die anderen Bands erkundigt und „nichts gefunden“. Als herauskam, dass die Band „Goethes Jungs“, die ebenfalls bei dem Konzert spielen sollte, in der Szene bekannt ist, habe man mit den Veranstaltern direkt Kontakt aufgenommen. Die Band aus Frankfurt am Main hat unter anderem als Vorband der Gruppe „Weimar“ gespielt, die wiederum wegen ihrer Nähe zur thüringischen Neonazi-Szene in der Kritik steht. „Am Telefon fragte man uns, was das Problem ist. Da würden alle Weimar hören“, sagt Ernst. Auch im Nachhinein habe man noch Ärger mit den Veranstaltern, da diese versprochen hätten, dass es sich um eine unpolitische Veranstaltung handelt: „Das kann unsere Musikkarriere zerstören.“
Die vorgetäuschte Absage
Über die Sozialen Medien war verbreitet worden, dass die Band „Gehasst – Verdammt – Vergöttert“ nicht auftreten soll. Das hatte die Band auch auf ihrer inzwischen gelöschten Facebook-Seite bestätigt. Die Musiker sind bekannt aus einschlägigen Rechtsrock-Bands wie „Oidoxie“, „Faust“ oder „Vidar“ und haben teilweise Verbindungen zum neonazistischen „Combat 18“-Netzwerk. Dennoch stand laut Insidern bei dem Konzert am Samstag eben diese Band auf der Bühne – und nicht wie angekündigt „Viva los Tios“. Die existieren nach Recherchen unserer Redaktion überhaupt nicht.
Rechtsextremismus-Experte Jan Krieger hatte bereits im Vorfeld vermutet, dass es sich um einen Decknamen handelt. Das sei üblich in der rechten Szene. Auch sonst lief wenig nach Plan: Ein eigentlich angekündigtes Wolfgang-Petry-Double hatte seinen Auftritt doch noch abgesagt, genauso wie vorher bereits „Goethes Jungs“.
Der Lohnunternehmer
Lohnunternehmer Friedrich Voß muss sich ebenfalls unangenehme Fragen gefallen lassen. Er hat der rechten Szene eine Bühne in Ostfriesland bereitet. Nach der Erstauflage 2022 hätte Voß die Organisatoren und das Publikum einschätzen können. Daran ändern auch seine Beteuerungen nichts, es handele sich um eine unpolitische Veranstaltung – und das Unternehmen stelle lediglich den Veranstaltungsort zur Verfügung. Fakt ist, dass Voß und Juniorchefin Maike Klaassen selbst über die Sozialen Medien das Konzert beworben haben und im Vorjahr teilweise Tickets über das Büro verkauft wurden. Am Grundstück des Lohnunternehmens und in der Umgebung waren zudem große Konzertplakate mit dem Firmenlogo aufgehängt worden.
