Neuenwege - Als ich im Hafen ankomme, herrscht am und auf dem „Schwan von Oldenburg“ schon reges Treiben. Kapitän Horst Kruse überwacht das Gewusel von der Kaimauer aus, weist Aufgaben zu und stellt sicher, dass auch an alles gedacht wird. Es geht immerhin um die – vorerst – letzte Fahrt seines „Schwan“. „Der geht jetzt zum Osthafen und wird dann von Kränen an Land gehoben“, erklärt Kruse.

Ein Leck, durch das etwa 10 Liter Wasser pro Stunde ins Schiff dringen, ist der Grund. Nicht nur für die anstehende Bergung, sondern auch für die ungewisse Zukunft des Schiffs. „Es haben sich auf den NWZ-Bericht hin mittlerweile über 200 Interessenten gemeldet“, so Kruse. Mitte der Woche wird entschieden, wie es mit der „Schwan“ weitergeht.

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Momentan ist das Schiff aber noch mitten im Getümmel. Ich bin mittlerweile an Bord – konnte das erste Mal überhaupt an einer Kaimauer herunterklettern – und erlebe die Vorgänge mit allen Sinnen: das Trampeln von Füßen auf dem Deck; die teils glatten, teils rauen Oberflächen; der Geruch von Rost, Diesel und Hafenwasser. „20 Minuten noch, dann müssen wir losmachen“, ruft Kruse. Der Schlepper „Troll“ startet jetzt bereits seine Maschine, es grummelt gemächlich unter den Füßen. Der Wind verteilt schwarzen Dieselruß.

Immer wieder bleiben Passanten stehen, um die Vorbereitungen zu beobachten. Einige von ihnen sind nicht zufällig hier, sie kennen den „Schwan“ und Horst Kruse, rufen Grüße oder Beileidsbekundungen. „Ach Horst“, sagt ein befreundeter Seefahrer, „wir sind alle vergänglich, und unsere Schiffe auch“.

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Dann ist es soweit. Horst Kruse und Henning Godorr, Kapitän der „Troll“, sprechen sich noch kurz ab. Es gibt ein kleines Leinenwirrwarr zwischen „Schwan“ und dem Motorboot „Schlingel“. „Das sieht jetzt nicht ganz seemännisch aus“, schmunzelt Kruse. Kurze Zeit später ruft er: „Wir sind soweit, Leinen los!“

Langsam gleitet die „Schwan“, von der „Schlingel“ gezogen, weg von der Kaimauer. Die Bewegung bemerke ich mit meinem Gleichgewichtssinn kaum. Es wird jetzt aber merklich windiger. Mit rund 2 Knoten (etwa 4 km/h) tuckert unser Gespann gemächlich am Yachthafen vorbei, Richtung Eisenbahnbrücke. „Wir haben euch schon gesehen“, kommt es aus dem Funkgerät, dann hebt sie sich schon. Am großen Silo vorbei geht es raus aus dem Stadtbereich. Kräne, Maschinen und Radwege bestimmen die Ufer. Die Fahrt ist erstaunlich ruhig, man hört Wellen plätschern, unterhält sich.

„Wir haben schöne Zeiten mit dem alten Schiff gehabt“, sagt Horst Kruse, während er Richtung Anleger blickt, der kurz vor der Huntebrücke liegt. Dort wird die „Schwan von Oldenburg“ ein paar Stunden später zum ersten Mal überhaupt in ihrer Dienstzeit aus dem Wasser gehoben – mit etwas Glück aber nicht zum letzten Mal.

Arne Haschen
Arne Haschen Digitalteam Wesermarsch