NORDENHAM - Für die einen ist es Kunst, für die anderen eine politische Ausdrucksform. Aber die meisten Bürger haben für Graffiti wenig Verständnis und betrachten sie als verbotenes Farbgeschmiere. Auch für die Polizei sind die inhaltlichen Aussagen der modernen Wandmalereien nebensächlich, denn Graffiti gilt als Sachbeschädigung und ist damit eine Straftat, die von den Ordnungshütern verfolgt wird. Nachdem es in der Nordenhamer Szene lange Zeit vergleichsweise ruhig gewesen war, haben die Sprayer jetzt wieder verstärkt zugeschlagen.

Am vergangenen Wochenende zogen Graffiti-Maler durch die Innenstadt und hinterließen an diversen Gebäuden ihre Spuren. Vor allem in der Bahnhofstraße, der Grünen Straße und der Karlstraße lebten sie mit roter Farbe ihre Kreativität an Fassaden und Haustüren aus. Zudem wurde in Abbehausen die neue Fensterfassade der Kleinturnhalle beschmiert.

Nachtaktive Geschöpfe

Aus nachvollziehbaren Gründen sind die Spraydosen- und Pinselschwinger nachtaktive Geschöpfe, die vorzugsweise an Orten mit möglichst wenig Publikumsverkehr zur Tat schreiten. So sind nach den leidvollen Erfahrungen der Stadt die Deichmauer am Weserstrand und die Rückseite der Leichenhalle an der Schillerstraße besonders beliebte Anlaufpunkte für Sprayer.

Die hintere Wand der Leichenhalle hat der Bauhof im vergangenen Jahr vier Mal von Graffiti befreit. In zwei Fällen genügte eine Reinigung, in den anderen beiden Fällen musste ein neuer Anstrich her. Gesamtkosten: rund 1500 Euro.

Aber weil sie mit ihren Botschaften möglichst viele Menschen ansprechen wollen, wagen sich die selbst ernannten Straßenkünstler auch auf zentrale Plätze. Beispielhaft sind die schwarzen Schriftzüge auf der Scheibe des Buswartestandes vor dem Gymnasium. In großen Schmierlettern hat dort ein Sprayer seinen gereimten Frust gegen „Naziatzen und Bullenfratzen“ zum Ausdruck gebracht. Oft sind es aber keine Texte, sondern mehrfarbige Wandbilder oder bloße Namenskürzel, die im Fachjargon „Tags“ heißen.

„Illegale Graffiti beeinträchtigt das Erscheinungsbild unserer Städte zunehmend“, sagt Polizeisprecherin Anke Rieken. Diskussionen über die Frage, ob diese Darstellungen Kunst oder Schmiererei sind, erübrigen sich ihrer Meinung nach, wenn sie ohne Einwilligung des Eigentümers der besprühten Fläche angebracht werden. Anke Rieken bezeichnet Graffiti als ein „jugendtypisches Delikt“. Verstärkt tritt es an Wochenenden und in den Ferien auf. Daraus leitet Anke Rieken ab, dass die Sprayer vielfach aus Langeweile handeln. Hinzu kommen der Reiz des Verbotenen und ein Geltungsbedürfnis, das unter Alkoholeinfluss zusätzlich Antrieb erhält.

Da die Farbdosen nicht gerade billig sind, machen nach den Erkenntnissen der Polizei viele Sprayer lange Finger, um sich „Arbeitsmaterial“ zu besorgen. Zudem muss sich so mancher erwischter Graffiti-Akteur wegen Hausfriedensbruch verantworten. „Unabhängig von der Strafmündigkeit“, sagt Anke Rieken, „entsteht auch eine zivilrechtliche Schadenersatzpflicht, die bereits ab dem siebten Lebensjahr eintritt.“ Dafür können unter Umständen auch die Eltern in die Pflicht genommen werden. Wenn die Polizei eine Sprayergruppe ermittelt, haftet jedes einzelne Mitglied für den Schaden.

300 bis 500 Euro

Nach Angaben der Polizeisprecherin haben die Ordnungshüter in den vergangenen sechs Monaten etwa 60 Graffiti-Taten in Nordenham aufgenommen. Die Zahl der Vorfälle ist nach den Beobachtungen des Bauhofsleiters Enno Bachmann rückläufig. „Vor fünf bis sechs Jahren hatten wir mehr damit zu tun.“ Wenn seine Leute zu Anti-Graffiti-Einsätzen ausrücken, entstehen Kosten von 300 bis 500 Euro für eine zwei Quadratmeter große Fläche.

Der Aufwand bei der Beseitigung der Farbschmierereien ist beträchtlich. Malermeister Jürgen Albers kennt inzwischen das Repertoire der Graffiti-Gangs. Wachs- und Fettstifte gehören ebenso dazu wie breite Edding-Marker und gepinselte Dispersionsfarben sowie Acryl- oder Kunstharzlacke aus der Sprühdose. Mit diversen Reinigungsmitteln unterschiedlicher Schärfe versucht Jürgen Albers, die Farbe zu entfernen. Wenn das nicht klappt, folgt Plan B: der Neuanstrich.