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Unfall: Ölhahn war nicht abgesperrt

19.11.2013

Etzel Friedeburgs Gemeindebrandmeister Frank Gerdes sieht man an, wo er die letzten 24 Stunden zugebracht hat: im Freien, auf feuchten Weiden und an Wasserläufen. Erdklumpen kleben an seiner Feuerwehrhose, die derben Arbeitsschuhe sind von Kleierde gezeichnet, die nun im zum Presseraum umfunktionierten Versammlungsraum des IVG-Verwaltungsgebäudes auf dem Kavernengelände in Etzel langsam trocknet. Gerdes ist verantwortlich für die Schadensbegrenzung nach dem Ölunfall auf dem Kavernengelände in Etzel (Gemeinde Friedeburg, Kreis Wittmund), wo über mehrere Stunden Öl auf einem Sammelplatz ausgetreten war und teilweise auch ins Friedeburger Tief gelangte.

Gemeindebrandmeister Gerdes hatte die Arbeit von 260 Helfern zu betreuen, darunter auch Ehrenamtliche des Technischen Hilfswerks aus Jever, die mit ihren mobilen Leuchten den Feuerwehrleuten überhaupt erst das Arbeiten im Dunkeln ermöglichten. Auf einer Länge von 6,5 Kilometern hatte sich das Öl ausgebreitet, das von einem Radfahrer am Sonntagmittag beim Spazierenfahren entdeckt worden war. Der Radler alarmierte die Messwarte des Kavernenbetreibers IVG Caverns, die wiederum den Landkreis Wittmund und die Freiwilligen Feuerwehren alarmierte. Da war das Öl allerdings schon sechs Kilometer weit ins Friedeburger Tief bis nach Altgödens an der Kreisgrenze zu Friesland gelangt, weshalb Gemeindebrandmeister Gerdes gleich die Kollegen in der Nachbargemeinde Zetel alarmieren ließ, damit in der Zetelermarsch Ölsperren errichtet werden konnten.

Schadensbegrenzung

„Schadensbegrenzung“, dachte Gerdes als erstes, als er von dem Ölunfall hörte. Schadensbegrenzung ist es auch, was IVG-Geschäftsführer Manfred Wohlers, IVG-Gewässerschutz-Beauftragter Hans-Joachim Schweinsberg und der für die Betriebsführung zuständige Christoph Uerlich in dem eilig anberaumten Pressegespräch am Tag danach betreiben. So eilig, dass eines der Fernsehteams aus Hannover nicht rechtzeitig kommen kann.

Geschäftsführer Wohlers hat den Übeltäter gleich mitgebracht. Er zeigt auf eine Ölleitung mit Armaturen. Das Absperrventil einer Entlüftungsleitung war nicht ganz geschlossen, weswegen dort über einen Zeitraum von 20 Stunden Öl austrat – zwei Kubikmeter je Stunde, insgesamt also circa 40 Kubikmeter (rund 40 000 Liter), von denen das meiste allerdings auf dem Sammelplatz austrat und dort geborgen werden konnte. Nur ein kleiner Teil gelangte in die Gewässer. Warum das Ventil der Entlüftungsleitung offen stand, konnte am Nachmittag niemand der Verantwortlichen sagen. Nur soviel: Wenn das Ventil versehentlich oder absichtlich geöffnet wurde, muss derjenige, der die Hand am Absperrventil hatte, sich mit Öl beschmutzt haben. Es steht nämlich unter Druck.

Politische Reaktionen aus hannover

Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD): „Ich erwarte von der IVG Caverns, dass sie die Behörden unterstützt. Es muss klar sein, dass solche Vorfälle das Vertrauen in die Sicherheit der unterirdischen Lagerung von Erdöl oder Erdgas infrage stellen können.“

Martin Bäumer (CDU): „Dass solche Unfälle trotz modernster Technik und trotz wiederholter Versicherungen des Betreibers, alles im Griff zu haben, stattfinden, ist mehr als ernüchternd.“

Volker Bajus (Grüne): „Wir erwarten, dass die Ursachen aufgeklärt werden und das Risikomanagement des Unternehmens auf den Prüfstand kommt.“

Warum gibt es in einer Gaskaverne überhaupt Öl? Geschäftsführer Wohlers versucht eine Erklärung für Laien: Beim Aussohlen einer Kaverne wird der Kopf der Kaverne durch das Öl geschützt, dafür benötigte man das Öl, das nun auf Gräben und dem Friedeburger Tief in Richtung Jadebusen unterwegs ist.

„Schaden begrenzen“, das ist auch das Stichwort von Klaus Söntgerath, er ist der Direktor des Landesbergamts und damit zuständig für die Genehmigungen, die IVG Caverns für das Anlegen von Kavernen (unterirdische Lagerstätten) zur Erdgas- und Erdölspeicherung benötigt. Der Schaden sei zunächst einmal überirdisch entstanden und damit kein bergrechtlicher Schaden, stellt er klar. Bedauerlicherweise sei Öl ins Oberflächenwasser gelangt, habe auch den Boden verunreinigt, der nun ausgetauscht werden müsse. Wie viel Erdreich kontaminiert ist, wie viel Öl abgesaugt wurde, das ist alles noch nicht bilanziert.

Vier Raupenfahrzeuge

Mit vier auf die Beseitigung von Ölunfällen spezialisierten Raupenfahrzeugen sei man aber dabei, die Unfallfolgen zu begrenzen, sagt Wittmunds Erster Kreisrat Hans Hinrichs, der die Ausmaße des Schadens ebenfalls begrenzen möchte. Die Alarmierung habe gut geklappt, auch das Zusammenspiel von Kreisfeuerwehrbereitschaft, Gefahrgutzug und Technischem Hilfswerk.

Ob nicht angesichts der Kritik, die das Aussohlen der Kavernen in Teilen der Bevölkerung hervorgerufen hat (es gibt die kritische Bürgerinitiative Lebensqualität Horsten-Etzel-Marx, die sich gegen das weitere Anlegen von Kavernen ausspricht) die Öffentlichkeit umfassender und früher hätte informiert werden müssen? Kreisrat Hinrichs sieht kein Versäumnis. Auch gebe es keine Gefahr für das Trinkwasser, und die Schäden für Lebewesen – Vögel und Fische – müsse man erst ermitteln.

Strafanzeige erstattet

Anders sieht das der Landefischereiverband, der Strafanzeige wegen Gewässerverunreinigung erstattet hat und von einer Umweltkatastrophe spricht, wie auch die Bürgerinitiative Lebensqualität Horsten-Etzel-Marx. Und leise Kritik kommt auch vom Bürgermeister der Nachbargemeinde Zetel, Heiner Lauxtermann: Der kritisiert, dass die Lagebesprechung am Montag ausgerechnet bei IVG Caverns stattgefunden hat: „In solchen Situationen wird ein Stab auf neutralem Boden eingerichtet,“ aber das laufe im Landkreis Wittmund wohl anders.

Zurück nach Hohemey an der Kreisgrenze zu Friesland, wo Feuerwehrleute, unter anderem aus Zetel, am Montagnachmittag weiter an Ölsperren arbeiten. Ein Überflug über Friedeburg, Sande und Zetel hatte ergeben, dass weitere Ölsperren gesetzt werden müssen. Deshalb hatte Gemeindebrandmeister Gerdes am Montagnachmittag erneut Feuerwehrleute aus dem Kreis Wittmund und Friesland alarmiert, die in Schichten bis zum Dienstagmorgen Öl absaugten. Das hieß auch für Michael Flakenhofs Helfer vom Technischen Hilfswerk in Jever Nachtschicht. Eine weitere.


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