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NWZonline.de Nachrichten Panorama Blaulicht

Tipps aus Oldenburg fürs FBI

25.07.2019

Oldenburg /Austin Jedes Jahr treffen sich Mordermittler aus aller Welt zur Konferenz der „Internationalen Mordermittler-Gesellschaft“ (International Homicide Investigators Association), natürlich in den USA, natürlich unter Federführung des FBI. In diesem Jahr richtet sich gleich am ersten Konferenztag der Blick nach Deutschland: Drei Stunden lang, länger als jeder andere Programmpunkt, wird es am 5. August um die Mordserie des früheren Krankenpflegers Niels Högel in Oldenburg und Delmenhorst gehen.

Dafür fliegt ein deutscher Polizist eigens nach Austin, Texas: Kriminaldirektor Arne Schmidt, 49 Jahre alt, Leiter der Polizeiinspektion Cuxhaven und Chef der Sonderkommission „Kardio“. Oder wie er im Programmheft angekündigt wird: „Chief Arne Schmidt, Cuxhaven County Police Department, Germany“.

Knapp drei Jahre lang arbeitete die Soko unter Schmidts Führung die Verdachtsfälle gegen Högel auf. Im Juni 2019 verurteilte das Landgericht Oldenburg Högel wegen Mordes in 85 Fällen. Aber Ende 2014, als die Soko die Ermittlungen aufnahm, war alles offen: Es gab Hinweise darauf, dass der Pfleger Hunderte von Patienten getötet haben könnte. Högel hatte zwischen 1997 und 2008 in Kliniken in Wilhelmshaven, Oldenburg und Delmenhorst gearbeitet, außerdem nebenberuflich im Rettungsdienst und vorübergehend in zwei Altenheimen. Was hatte er wo getan, was konnte man ihm zehn oder 15 Jahre nach einer Tat noch nachweisen? Noch nie hatte es eine vergleichbare Ermittlung gegeben, in Deutschland nicht und auch anderswo nicht.

Daten und Diagramme

Schmidt sagt mit Blick auf seinen Vortrag in Texas: „Es geht darum, Denkanstöße zu geben für alle, die möglicherweise in eine ähnliche Situation geraten.“ Er will den Kollegen vor allem drei Fragen beantworten: Was haben wir gemacht? Wie haben wir es gemacht? Wohin hat das geführt?

Im Mittelpunkt der Ermittlungen stand die Datenanalyse, angefangen beim Klinikum Delmenhorst. Die Polizisten haben die Dienstschichten Högels mit den einzelnen Sterbefällen auf der Station abgeglichen und die Ergebnisse grafisch aufbereitet. Über Kreuzdiagramme visualisierten sie auch die Einsätze anderer Pfleger. Niemand hatte auch nur annähernd so viele Überschneidungen wie Högel; mögliche Tatbeteiligungen von Kollegen konnte die Soko bald ausschließen.

Noch etwas fanden die Ermittler heraus: Doppelsterbefälle in einer Schicht gab es bis auf einen einzigen Fall nur, wenn Högel Dienst hatte; Dreifachsterbefälle ausschließlich bei Högel.

Sollte man nun Ermittlungsverfahren für jeden Sterbefall während einer Högel-Schicht einleiten? Was war mit den Patienten, die kurz nach Schichtende verstorben waren? Könnten die nicht auch Mordopfer sein? Wie lange nach dem Tod lassen sich Medikamentenrückstände nachweisen? Nach Rücksprache mit den Toxikologen entschied sich die Soko dafür, auch die Sterbefälle zu untersuchen, die bis zu zwölf Stunden nach dem Dienstende Högels gestorben waren.

Mediziner mussten die Krankenakten dieser Patienten nach Auffälligkeiten durchforsten. Tote mussten exhumiert werden. Toxikologen mussten Gewebeproben analysieren. Angehörige von lange verstorbenen Patienten, die plötzlich Mordverdachtsfälle waren, mussten betreut werden. Viel Arbeit für die Soko; am Ende stand eine Anklage wegen 100-fachen Mordes.

„Ich bin davon überzeugt, wir haben vieles richtig gemacht“, sagt Soko-Chef Schmidt. Er weiß aber natürlich, dass die 100 Mordvorwürfe wohl nur einen Teil der tatsächlichen Taten Högels widerspiegeln. Fast vollständig ausklammern mussten die Ermittler bei ihren Untersuchungen die Sterbefälle, bei denen die Patienten nach dem Tod feuerbestattet wurden. Weil kein toxikologischer Nachweis einer tödlichen Medikamentendosis mehr möglich gewesen wäre.

Licht ins Dunkle gebracht

Schmidt sagt: „Ich habe immer gesagt, wir werden niemals alles wissen“. Er ist dennoch zufrieden mit dem Ermittlungserfolg. „Wir haben sehr viel Licht in dieses tiefschwarze Loch gebracht. Wir haben vielen Menschen Sicherheit geben können, die sich lange gefragt haben, warum ihr Angehöriger sterben musste. Die andere Seite ist: Wir haben leider auch sehr vielen Menschen Unsicherheit gebracht, die immer gedacht hatten, ihr Angehöriger sei eines natürlichen Todes gestorben.“

Der Flug in die USA ist übrigens nicht Schmidts erste Auslandsreise im Fall Högel. Ende 2017 fuhr er mit dem Auto ins belgische Namur, wo ein Pfleger unter Verdacht stand, mehrere Patienten getötet zu haben. Die Kollegen standen damals ganz am Anfang ihrer Ermittlungen.

Nach Schmidts Vortrag ließ sich der Verdacht gegen den Pfleger bestätigen.


Die Mordermittler-Gesellschaft im Internet:   www.ihia.org 
Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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