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NWZonline.de Nachrichten Panorama Blaulicht

Helfen statt wegschauen

12.10.2017

Oldenburg /Bremen Eine scheinbar normale Alltagsituation, ein lautes Wort und plötzlich eskaliert ein Streit in aller Öffentlichkeit – das ist in Bremen jetzt gleich zweimal geschehen. Die Folge: Zwei Männer wurden verletzt – auch, weil keiner der Umstehenden die Polizei informierte und Zivilcourage zeigte.

Wegschauen oder Helfen?

Was war passiert? Ein 26-jähriger Jogger war in der Grünanlage Grünzug West in Bremen mit einem Paar in Streit geraten, als dessen nichtangeleinter Hund auf ihn zulief. Später begegnete er dem Paar erneut. Der Mann rannte dem 26-Jährigen hinterher, würgte ihn, schrie den Jogger an und riss ihm die Brille vom Kopf. Der Jogger flüchtete sich aus lauter Angst in ein Geschäft und ließ die Polizei rufen. Gegenüber den Beamten sagte er später aus, dass mehrere Radfahrer während der Auseinandersetzung an ihm vorbeifuhren – geholfen habe ihm aber keiner. Nicht einmal die Polizei alarmiert.

Gleicher Tag, ebenfalls in Bremen: Ein 43-jähriger Mann ist mit drei Freunden durch den Friedenstunnel der Parkallee gegangen, als er von einem Radfahrer touchiert wurde und ihm etwas hinterher rief. Als der Radfahrer wenige Meter später stürzte, applaudierte die Gruppe. Der Gefallene zog sich daraufhin die Jacke aus, schnappte sich den 43-Jährigen und schlug mit einem Schlagring auf ihn ein. Dann flüchtete der Angreifer. Der Fußgänger wurde bei dem Angriff leicht verletzt.

Wie ist es also um unsere Zivilcourage im Nordwesten bestellt? Schauen die Menschen eher weg oder unternehmen sie etwas?

Statistisch werden die Fälle von Zivilcourage nicht erfasst, erklärt Oldenburgs Polizeisprecher Stephan Klatte. Deshalb sei es auch schwierig, eine Aussage dazu zu treffen, ob es generell zu wenig Zivilcourage im Nordwesten gebe. „Im Moment sind mir aber keine Fälle von mangelnder Zivilcourage bekannt“, sagt Klatte.

Ab wann ist es unterlassene Hilfeleistung?

Aktion tu was

Die Aktion tu was ist ein Projekt der Polizeilichen Kriminalprävention, das für mehr Solidarität und größere Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung sorgen soll. Dort finden sich viele Videos, Infokarten und Faltblätter rund ums sichere und schnelle Helfen.

Außerdem hat die Polizei sechs praktische Regeln aufgestellt, die für mehr Sicherheit in der Zivilcourage sorgen sollen. Denn gefordert ist kein Heldentum, sondern vielmehr das Handy zu benutzen und Hilfe zu holen.

Regel Nummer 1: Ich helfe, ohne mich selbst in Gefahr zu bringen.

Regel Nummer 2: Ich fordere andere aktiv und direkt zur Mithilfe auf.

Regel Nummer 3: Ich beobachte genau und präge mir Täter-Merkmale ein.

Regel Nummer 4: Ich organisiere Hilfe unter Notruf 110.

Regel Nummer 5: Ich kümmere mich um Opfer.

Regel Nummer 6: Ich stelle mich als Zeuge zur Verfügung.

Natürlich müsse unterschieden werden zwischen mangelnder Zivilcourage und unterlassene Hilfeleistung – denn das letztere könne auch eine Straftat sein. „Unterlassene Hilfeleistung ist es dann, wenn es sich um eine Notsituation handelt und es um die Gesundheit oder das Leben einer anderen Person geht – allerdings muss man sich natürlich nicht selbst in Gefahr bringen“, sagt Klatte. Aber wenn sich zum Beispiel ein Unfall ereignet hat, Menschen offensichtlich schwer verletzt sind und weder Polizei noch Rettungskräfte informiert werden, dann könnte es sich um unterlassene Hilfeleistung handeln.

Komplizierter liegt der Fall, wenn ein Betrunkener den Gehweg entlangtorkelt, sich aber noch auf den Beinen halten kann. „Da ist es schon Zivilcourage, wenn man diesen Menschen anspricht“, sagt Klatte. Denn schließlich könne man nicht für jemanden anderes einschätzen, ob er noch nach Hause kommen kann oder nicht. „Wenn der Betrunkene häufig hinfällt oder sich den Kopf anschlägt, dann sollte man ihn auffordern, sich hinzusetzen und die Polizei rufen“, erklärt Klatte.

„Mangelnde Zivilcourage hingegen wäre es, wenn es in der Innenstadt einen Streit zwischen einem Paar gibt, es zu einer Ohrfeige kommt und niemand schreitet ein“, erklärt Klatte.

Wie reagiere ich richtig?

Zivilcourage erfordert Fingerspitzengefühl. Denn die eigene Gesundheit sollte nicht aufs Spiel gesetzt werden. „Wenn man das Gefühlt hat, etwas abzubekommen sobald man dazwischengeht, ist der richtige Weg, die Polizei zu rufen“, sagt Klatte. Wenn sich ein Streit an einem sehr belebten Ort ereignet und noch mehr Menschen dabei sind, sei es sinnvoll, andere anzusprechen. Denn mit fünf oder sechs Personen könne man vielleicht doch einschreiten. „Oft warten alle nur darauf, das einer den ersten Schritt macht und dann trauen sie sich zu helfen“, sagt Klatte.

Die Bereitschaft zur Zivilcourage besteht durchaus im Nordwesten – das bestätigt auch Sandy Tschöpe, Pressesprecherin der Polizei in Delmenhorst. „Jedoch herrscht eine große Unsicherheit“, sagt Tschöpe. Kann es rechtliche Konsequenzen für mich haben, wenn ich eingreife, würden viele Leute fragen. „Wenn eingeschritten wird, um zu helfen, gibt es keine Konsequenzen zu fürchten“, sagt sie. Selbstverständlich sei dabei, dass niemand in einer Schlägerei einschreite, um dann selbst weiter zu prügeln.

Was wird für die Zivilcourage getan?

Zivilcourage findet statt – auch wenn sie weiter gefördert werden muss. Deshalb gibt die Polizei Zivilcourage-Unterricht in Schulen und klärt auf. Viele Städte und Präventionsräte vergeben außerdem Preise für das Zeigen von Zivilcourage.

„Vor einigen Jahren ist ein Auto durch die Umzäunung an der Ofener Straße gebrochen und in die Haaren gestürzt. Ein Mann hat das gesehen und ist hinterhergesprungen. Das war natürlich eine selbstlose und heldenhafte Aktion, die in Erinnerung geblieben ist“, sagt Klatte.

In Oldenburg gibt es viele Beispiele für Zivilcourage. Zum Glück.

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