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NWZonline.de Nachrichten Panorama Blaulicht

Was Sie jetzt über den Klinikmörder wissen sollten

10.11.2017

Oldenburg /Delmenhorst Seit Anfang dieser Woche liegen den Ermittlungsbehörden laut Staatsanwaltschaft alle toxikologischen Ergebnisse der untersuchten Patienten vor. Es haben sich 16 weitere Verdachtsfälle gegen Ex-Krankenpfleger Niels Högel ergeben.

Lesen Sie auch: Hintergrund - Warum stoppte niemand Niels Högel?

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Was hat Högel in Delmenhorst angerichtet?

Högel können im Klinikum Delmenhorst nunmehr 68 Sterbefälle zugerechnet werden, bei denen zumeist möglicherweise tödliche Substanzen nachgewiesen wurden:

29 Taten unter Verwendung von Ajmalin, ein Arzneistoff zur Behandlung von Herzrhythmusstörungen.

Vier Taten unter Verwendung von Sotalol, ein Betablocker, der ebenfalls gegen Herzrhythmusstörungen eingesetzt wird.

22 Taten unter Verwendung von Lidocain, ein örtlich wirksames Betäubungsmittel, das auch einer bestimmten Form von Arrhythmien angewendet wird.

Drei Taten durch die Erinnerungen und Geständnis von Högel. Hier wurden keine Substanzen nachgewiesen.

Eine Tat durch einen so genannten Zeugenbeweis (ohne Substanznachweis).

Drei Taten als so genannte „Altfälle“ (Exhumierung vor Einrichtung Soko „Kardio“). In diesen Fällen wurde Lidocain verwendet.

Hinzu kommen die sechs Taten, für die Niels Högel bereits 2008 und 2015 rechtskräftig verurteilt worden ist.

Welche Verdachtsfälle gibt es in Oldenburg?

Im Klinikum Oldenburg ergibt sich jetzt ein Tatverdacht in den folgenden 38 Fällen:

Neun Taten unter Verwendung von Ajmalin im Medikament Gilurytmal.

Drei Taten unter Verwendung des Antiarrhythmikums Sotalol.

Vier Taten unter Verwendung von Amiodaron, ein Antiarrhythmikum, das zur Behandlung von zahlreichen Herzrhythmusstörungen eingesetzt wird.

Zwölf Taten unter Verwendung des Betäubungsmittels Lidocain.

Sieben Taten unter Verwendung von Kalium, ein Mineralstoff, der dafür sorgt, dass Herz, Muskeln und Nerven funktionieren. Zu diesem Ergebnis kommt ein Gutachten.

Drei Taten durch Geständnis. Auch hier wurde keine Substanz nachgewiesen.

Bei fünf dieser Verdachtsfälle müssen aufgrund einer medizinisch angeordneten Medikamentenverabreichung noch ergänzende Untersuchungen erfolgen. Nach wie vor offen sind ebenfalls die Ergebnisse von Exhumierungen in der Türkei.

Warum hat Niels Högel Patienten getötet?

Die Ermittlungen ergeben, dass Högel in Oldenburg und Delmenhorst sich über Jahre seine Opfer wahllos ausgesucht hatte, um seinen Geltungsdrang zu befriedigen. Der Pfleger spritzte den Patienten Medikamente, die Herzversagen oder einen Kreislaufkollaps auslösten, um sie dann wiederbeleben zu können. Sein Kick: Er wollte vor Kollegen als Held dastehen. Die Fahnder gehen davon aus, dass die Mordserie im Februar 2000 im Klinikum Oldenburg begann. An anderen Arbeitsorten von Högel in einer Klinik und einem Altenheim in Wilhelmshaven sowie im Rettungsdienst im Landkreis Oldenburg wurden keine Verdachtsfälle gefunden.

Hat denn niemand die Taten bemerkt?

Das Treiben von Högel blieb seinen Kollegen nicht verborgen. Im Klinikum Oldenburg stieg die Zahl der Todesfälle im Jahr 2001 auf der Intensivstation laut Klinikstatistik um 58 Prozent, als der Pfleger im Dienst war. Es gab immer wieder auffällige Vorgänge. Högel wurde erst innerhalb der Klinik versetzt und wechselte Ende 2002 mit einem guten Arbeitszeugnis ins Klinikum Delmenhorst. Dort ertappte ihn 2005 eine Krankenschwester, als er einem Patienten ein nicht verschriebenes Medikament verabreichte. In der Klinik kursierten Gerüchte, dass es auffällig viele Todesfälle während der Schichten Högels geben solle.

Ein Teil der Verbrechen hätte verhindert werden können, wenn Kollegen früher durchgegriffen hätten, da sind sich Ermittler sicher.

Wie geht es jetzt weiter mit den Prozessen?

Gegen sechs Mitarbeiter der Klinik in Delmenhorst ist Anklage wegen Totschlags durch Unterlassen erhoben worden. In drei Fällen lehnte das Landgericht Oldenburg ein Verfahren als nicht angemessen ab. Dagegen hat die Staatsanwaltschaft Oldenburg Beschwerde beim Oberlandesgericht eingelegt. Auch gegen Mitarbeiter des Klinikums Oldenburg wird noch ermittelt.

„Eine Anklageerhebung durch die Staatsanwaltschaft gegen Niels H. wird voraussichtlich Anfang kommenden Jahres folgen“, kündigt die Staatsanwaltschaft an. Ein Prozess könnte dann noch 2018 folgen.