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NWZonline.de Nachrichten Panorama Blaulicht

So geht es im Fall Niels Högel weiter

23.01.2018

Oldenburg /Delmenhorst Die Staatsanwaltschaft Oldenburg hat Anklage gegen Niels Högel erhoben, noch in diesem Jahr soll der Prozess gegen den Klinikmörder beginnen. Es ist nach 2006/08 und 2014/15 der dritte Prozess gegen Högel, wegen sechs Taten wurde er bereits verurteilt. Jetzt kommen 97 weitere Mordvorwürfe hinzu.

Mordanklage in 97 Fällen – was bedeutet das?

Die Mordanklage zeigt zunächst einmal, dass die Soko „Kardio“ gut gearbeitet hat. Sie konnte einem Mann, dem ursprünglich ein Mordversuch angelastet wurde, 100 weitere Taten nachweisen. 97 davon finden sich jetzt auch in der Anklage wieder; lediglich in drei Fällen bot die Beweislage nicht die „erforderliche Sicherheit“, teilte die Staatsanwaltschaft mit.

Vor allem aber ist die Anklageerhebung ein erster Schritt auf dem Weg dahin, den Fall Högel endlich abzuschließen. Mehr als drei Jahre lang boten die Ermittlungen ja Schrecken ohne Ende: Immer wieder gab es neue Verdachtsfälle, Leichen wurden exhumiert, alle paar Wochen musste die Soko „Kardio“ die Zahl der möglichen Högel-Opfer nach oben korrigieren. Jetzt kann es bald einen neuen Prozess und ein weiteres Urteil geben, danach sind keine neuen Schreckensmeldungen mehr zu erwarten.

Högel ist bereits verurteilt – warum ein neuer Prozess?

Für sechs Taten ist Högel bereits verurteilt worden: Er sitzt in Oldenburg im Gefängnis, er verbüßt dort eine lebenslange Haftstrafe. An diesem Strafmaß ändert ein weiterer Urteilsspruch nichts, auch nicht bei 97-fachem Mord. Denn mehr als lebenslänglich geht in Deutschland nicht.

Die akribischen Ermittlungen der Soko „Kardio“ und ein weiterer Mordprozess zielen im Fall Högel deshalb auch weniger auf den Mörder, sondern mehr auf die Angehörigen seiner Opfer. Es geht darum, diesen Familien Gewissheit zu geben und das Leid der Verstorbenen juristisch vollständig aufzuarbeiten. Erst dann kommt auch wieder der Täter ins Spiel: Högel soll sich für jede Tat verantworten müssen. Die unfassbare Dimension der Mordserie mit ihren abstrakten Zahlen darf uns nie vergessen lassen, dass hinter jedem „Fall“ ein Mensch steckt und zumeist auch eine trauernde Familie.

Warum tötet jemand wehrlose Patienten?

Es gehört zu den Pflichten des Gerichts, Antworten auf die Frage nach dem Tatmotiv zu suchen. Die Staatsanwaltschaft geht in ihrer Anklageschrift davon aus, dass Högel die Patienten in lebensbedrohliche Situationen brachte, um sich vor Kollegen und Vorgesetzten als tatkräftiger und kompetenter Retter zu präsentieren. Ein weiteres Motiv sei „Langeweile“ gewesen, heißt es weiter.

Högel, so stellte es das Gericht im Prozess von 2014/15 fest, litt zudem an Depressionen und Ängsten. Möglicherweise habe er versucht, seine Angst vor dem Tod zu besiegen, indem er mit Reanimationen den Tod besiegt, vermutete ein psychiatrischer Gutachter. Erklären lassen sich derartige Taten aber nicht – sie bleiben buchstäblich unfassbar.

Ist Högel der schlimmste Serienmörder aller Zeiten?

Im Internet finden sich immer wieder krude Listen mit den „schlimmsten Serienmördern“. Dort taucht auch immer wieder der Name Niels Högel auf, zumeist auf Platz 4 oder 5. Abgesehen davon, dass eine solche Statistik natürlich Unfug ist und geschmacklos – eine von der Dimension auch nur annähernd vergleichbare Mordserie dürfte es in Deutschland seit Ende des Zweiten Weltkriegs nicht gegeben haben.

Wie geht es jetzt weiter im Fall Högel?

Wenn das Landgericht Oldenburg nach Prüfung der Anklage ein Hauptverfahren gegen Högel eröffnet, steht Oldenburg ein Mammut-Prozess bevor: Bei 97 Taten und ebenso vielen Opfern wird eine Rekordzahl an Nebenklägern und Anwälten erwartet. Schon jetzt gilt es als ausgemacht, dass der große Sitzungssaal des Landgerichts zu klein sein wird; der Prozess soll deshalb vermutlich im Alten Landtag von Oldenburg stattfinden.

Ganz abgeschlossen wird der Fall Högel aber auch nach einem erneuten Urteil nicht sein: Derzeit laufen noch Ermittlungen gegen ehemalige Kollegen des Pflegers. Es geht dabei um die Frage, ob Klinik-Mitarbeiter in Oldenburg und Delmenhorst Morde hätten verhindern können. Gegen drei Mitarbeiter aus Delmenhorst wurde bereits Anklage erhoben, gegen Mitarbeiter aus Oldenburg wird weiter ermittelt. Ein eventueller Prozess gegen Högel-Kollegen wäre erst nach Abschluss des Högel-Prozesses sinnvoll, meinen Fachleute.

SPEZIAL: Lesen Sie hier alles zu den Klinikmorden

Lesen Sie auch: Hintergrund - Warum stoppte niemand Niels Högel?

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020

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