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NWZonline.de Nachrichten Panorama Blaulicht

Warum schaltete das Klinikum Oldenburg nicht die Polizei ein?

19.05.2018

Oldenburg /Delmenhorst Im Sommer 2001 erschüttern zwei Todesfälle das Klinikum Oldenburg. Ein 38-jähriger Mann und eine 59-jährige Frau sterben an den Folgen einer Hirnhautentzündung, nachdem ihnen ein verunreinigtes Kontrastmittel gespritzt wurde. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Tötung, der Fall macht als „Oldenburger Hygieneskandal“ bundesweit Schlagzeilen.

Klinikum-Geschäftsführer Rudolf Mintrop, der eilig seinen Urlaub abbricht, räumt damals vor der Presse ein: Alle Kontrollmechanismen hätten versagt. Er spricht von „einem gewissen Maß an Sorglosigkeit“ und verschärft umgehend die Hygienevorschriften. In der Region verlieren viele Menschen trotzdem das Vertrauen ins Klinikum, im Interview mit der NWZ sagt Mintrop: „Wir haben mehrere Anrufe verunsicherter Patienten erhalten.“ Im Gespräch habe man diese Verunsicherungen aber ausräumen können.

Zufall ausgeschlossen

Wenige Wochen später, vielleicht sogar nur Tage, treffen sich Ärzte und Pfleger auf der herzchirurgischen Intensivstation 211 zu einer Krisensitzung in einem anderen Fall: Auf der Station gibt es eine auffällige Häufung von Reanimationen und Todesfällen. Besonders häufig treten diese Fälle ein, wenn der Pfleger Niels Högel Dienst hat, eine eigens angefertigte Strichliste dokumentiert diesen Zusammenhang. Wann genau diese Liste erstellt wird, ist noch unklar, ebenso wie das konkrete Datum der Krisensitzung.

Der Pfleger Högel jedenfalls denkt: Jetzt haben sie mich! Das sagt er Jahre später der Polizei, als längst feststeht: Högel hat Dutzende Patienten getötet. Nach der Krisensitzung meldet er sich krank, er fehlt die nächsten drei Wochen. In diesen drei Wochen gibt es nur zwei Todesfälle auf der Station.

Högel wundert sich, nichts geschieht mit ihm. Nach drei Wochen nimmt er den Dienst wieder auf, in seiner ersten Wochenendschicht gibt es zehn Reanimationen. Fünf Patienten sterben.

Es ist eine der großen Fragen im Fall Högel: Warum schaltete das Klinikum damals nicht die Polizei ein?

Vielleicht muss man aber auch eine andere Frage stellen: Was wäre geschehen, wenn das Klinikum die Polizei eingeschaltet und über den Verdacht gegen Högel hätte? Wenn die Häufung von Todesfällen und Reanimationen öffentlich geworden wäre? Wie hätten die Patienten reagiert? Hätte das Klinikum sie im Gespräch beruhigen können? Noch immer machte der Hygieneskandal Schlagzeilen, Ende Oktober 2001 veröffentlichte das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ den Artikel „Schlamperei mit Todesfolge“.

Unbemerkt von der Öffentlichkeit gewinnt der Fall Högel im Klinikum an Brisanz. Im Dezember 2001 sorgt der Chefarzt der Herzchirurgie dafür, dass Högel in die Anästhesie wechselt, aber auch dort wächst schnell das Misstrauen gegen den Pfleger. Im Spätsommer 2002 überredet der Chefarzt der Anästhesie Högel, das Klinikum umgehend zu verlassen; als Gegenleistung für seinen „freiwilligen“ Abschied bekommt er ein gutes Zeugnis (und seine vollen Bezüge während der Zeit der Freistellung).

Rudolf Mintrop, der Geschäftsführer des Klinikums, ist über den Verdacht gegen Högel informiert. Muss das nicht alles auch von der Verwaltung durchgewunken werden: das gute Zeugnis, die Freistellung, die Weiterbezahlung? Mindestens ein Gespräch ist dokumentiert, in dem ihn der Betriebsrat fragte, ob das alles nicht auch Zufall sein könne: Reanimationen, Todesfälle, Högel? Nein, soll Mintrop geantwortet haben, das halte er für ausgeschlossen. Wann dieses Gespräch stattgefunden hat, ist ebenfalls unklar – spätestens kurz vor Högels Rauswurf.

Unterdessen beschäftigt der Hygieneskandal weiter die Öffentlichkeit. Das Klinikum hat zwei Ärzte fristlos entlassen, die Arbeitsgerichtsprozesse laufen. Die Presse berichtet mehrfach darüber, zuletzt im November 2002.

Das ist ein Monat, bevor Högel seine neue Stelle im Klinikum Delmenhorst antritt.

Ein alter Bekannter

Zweieinhalb Jahre später, am 22. Juni 2005, wird der Pfleger Högel auf der Intensivstation auf frischer Tat ertappt, als er einem Patienten heimlich ein lebensgefährliches Medikament spritzt.

Nur eine Woche zuvor beschließt der zuständige Ausschuss des Delmenhorster Stadtrats, die Geschäftsführung des städtischen Klinikums an das benachbarte Klinikum Oldenburg zu übertragen; das Haus ist in die roten Zahlen gerutscht. Geschäftsführer wird damit: Rudolf Mintrop. Im Juli bestellt der Aufsichtsrat des Klinikums Mintrop offiziell, zeitgleich vernimmt die Polizei Högel. Ende Juli berichtet erstmals die Presse über den Fall Högel. Ab dem 1. September ist Mintrop offiziell verantwortlich für Delmenhorst – und somit auch für den Fall Högel.

Sagt der neue Geschäftsführer niemandem: Den Fall kenne ich? Der Mann beschäftigte mich auch in Oldenburg?

Als Högel 2006 erstmals der Prozess gemacht wird (es geht um Mordversuch in einem einzigen Fall), schreibt der Gerichtsreporter der NWZ: „Das Gericht wird die Frage prüfen müssen, ob es auch in anderen Kliniken zu ungeklärten Todesfällen gekommen ist.“ Wäre das nicht spätestens der Zeitpunkt gewesen, die Behörden über die Krisensitzung in Oldenburg zu informieren? Über die Strichliste und über den Rauswurf Högels? All das wird erst durch die Ermittlungen der Soko „Kardio“ bekannt, fast zehn Jahre später.

Mintrop, geboren 1955 in Essen, gelernter Krankenpfleger und Volkswirt, bleibt bis Ende 2011 Geschäftsführer des Klinikums Delmenhorst. Ein Jahr später verlässt er dann auch Oldenburg und wechselt nach Dortmund, um dort am deutlich größeren Klinikum den Chefposten zu besetzen.

Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln mittlerweile gegen fünf damalige Mitarbeiter des Klinikums Oldenburg, unter ihnen ist auch Mintrop. Es geht nicht um den Vorwurf der Vertuschung – es geht um den Verdacht des Totschlags durch Unterlassen. Högel soll, Stand heute, 35 Patienten in Oldenburg getötet haben und 69 Patienten in Delmenhorst.

Die Ermittler müssen nun vor allem die Zeitabläufe rekonstruieren: Wer wusste was wann in Oldenburg und informierte wen worüber? Nach NWZ-Informationen gestalten sich die Ermittlungen schwierig, die Auskunftsbereitschaft der Beteiligten soll nicht sehr ausgeprägt sein.

Auf eine Bitte der NWZ um Stellungnahme reagierte Rudolf Mintrop bislang nicht.

Lesen Sie hier ein umfangreiches Multimedia-Dossier zum Fall Högel:

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020

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