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NWZonline.de Nachrichten Panorama Blaulicht

So denkt ein Serienmörder

02.09.2017

Oldenburg /Delmenhorst Im Sommer 2015 schrieb uns der verurteilte Mörder Niels Högel einen Brief aus dem Gefängnis. Wir hatten ihn um eine Stellungnahme zu seinen Taten gebeten.

Draußen auf den Friedhöfen grub die Polizei die ersten Patientenleichen aus. Die Soko „Kardio“ legte täglich neue Mordermittlungsakten an, ihre Zahl war längst dreistellig geworden. Immer wieder läutete das Angehörigentelefon im Soko-Büro, Verwandte fragten die Ermittler: Was ist mit meiner Mutter passiert? Mit meinem Vater? Meinem Mann, meiner Frau? Könnten sie heute vielleicht noch leben, wenn sie dem Krankenpfleger Niels Högel nicht begegnet wären?

„Sehr geehrter Herr Seng, sehr geehrter Herr Krogmann“, schrieb unterdessen Högel in seiner Zelle mit blauer Tinte auf Karopapier: „Können Sie sich auch nur ansatzweise vorstellen, was das mit mir gemacht hat?“

Mit „das“ meinte er nicht die Mordtaten oder das Leid der trauernden Opfer-Angehörigen. Er meinte die „Hetzjagd“, die wir Reporter auf ihn gemacht hätten. „Sie haben einen großen Teil dazu beigetragen, dass ich in Deutschland als ,Klinikmonster’ bezeichnet werde“, schrieb Högel. In seinem Umfeld sei „so viel zu Bruch gegangen“, seine Eltern seien beschimpft und bedroht worden. Der Mörder klagte: „Diese enorme Last ist manchmal kaum kompensierbar!“

„Unermessliche Schuld“

Högel sitzt in Oldenburg im Gefängnis, weil er Patienten eine Überdosis des Herzmittels Gilurytmal gespritzt hat. Er wollte, dass die Herzen der Patienten versagen, damit er sie wiederbeleben kann; er wollte so zum Retter werden. Die Patienten starben. Im Februar 2015 verurteilte das Landgericht Oldenburg Högel zu einer lebenslangen Haftstrafe.

Jetzt, im Sommer 2017, wissen wir, dass Högel in den Jahren 2000 bis 2005 in Krankenhäusern in Oldenburg und Delmenhorst sehr viel mehr Menschen getötet hat. Die Soko „Kardio“ hat 800 Rettungsdienstprotokolle ausgewertet und 500 Patientenakten, sie hat 134 Leichen exhumiert und nach Medikamentenrückständen untersuchen lassen. Das Ergebnis: Die Soko geht von mindestens 90 Patienten aus, die Högel ermordet hat. Vermutlich ist die Zahl seiner Opfer aber noch höher, es gibt ein großes Dunkelfeld. So konnten weit über 100 Patientenleichen nicht mehr untersucht werden, weil sie eingeäschert worden sind. Hunderte Familien werden nie erfahren, was mit ihren Angehörigen geschah.

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Högel aber beschäftigt etwas anderes: „Ich“. „Mein“. „Mich“. 54-mal gebraucht er diese Wörter in seinem Brief. „Patient“, „Opfer“ oder „Angehörige“ kommen hingegen kein einziges Mal vor. Sogar wenn es um seine Taten geht, bezieht er sie nur auf sich: „Ich weiß, was ich bin, wer ich leider war und was für eine unermessliche Schuld ich auf mich geladen habe“. „Ja, ich bin ein Serienmörder“.

Die Angehörigen seiner Opfer stellten auch diese Frage immer wieder am Telefon: Was geht im Kopf eines solchen Menschen vor?

Immer neue Ängste

Niels Högel wird 1976 in Wilhelmshaven geboren. Er wächst in einem katholischen Elternhaus auf, der Vater arbeitet als Krankenpfleger, die Mutter geht putzen. „Warmherzig und tragfähig“ nennt Högel die Familie später im Gespräch mit seinem psychiatrischen Gutachter Konstantin Karyofilis. Mitschüler erinnern sich an ihn als einen witzigen Jungen, hilfsbereit, anerkannt. „Ein ziemlich normaler Schüler“, sagt ein Lehrer über ihn.

Högel interessiert sich für den Arztberuf, aber er hat kein Abitur. Feuerwehrmann würde er auch gern werden, aber das geht nicht wegen seiner Höhenangst. 1994 beginnt er im St.-Willehad-Hospital Wilhelmshaven eine Ausbildung zum Krankenpfleger. In seiner Freizeit fährt er auf dem Rettungswagen mit, er legt die Prüfung zum Rettungsassistenten ab. Arzt, Feuerwehrmann, Lebensretter: Sucht Högel einen Nervenkitzel, den er in der Pflege nicht findet?

Immer lustig: Niels Högel (3. von links) auf dem Abschlussfoto nach seiner Krankenpflegerausbildung (Foto: Björn Lübbe)

1999 wechselt er nach Oldenburg ans Klinikum, er fängt auf der herzchirurgischen Intensivstation an.

Es gibt aktuelle Fotos von Högel aus dem Gefängnis und aus dem Gerichtssaal, sie zeigen einen dicken Mann mit aufgeschwemmtem Gesicht.

Wer mit ehemaligen Kollegen Högels aus Oldenburg spricht, lernt einen anderen Mann kennen: schlank, sportlich, immer lustig. „Wenn er da war, war es kurzweilig“, erinnert sich ein Arzt.

Die Arbeit in Oldenburg ist anspruchsvoll, die Klinik übernimmt zunehmend komplizierte und riskante Herz-Operationen. Menschen müssen wiederbelebt werden, Menschen sterben. Das Gericht wird später feststellen, dass Högel die Arbeit „gleichsam verängstigt und fasziniert“ habe.

In seinem Brief an uns fragt Högel: „Warum haben Sie sich in meinem früheren Umfeld über mich informiert? Sie haben zwar Antworten bekommen, die waren aber völlig nutzlos. Der Mensch, der ich damals war, bin ich nicht mehr.“

Die Mitschüler, Nachbarn und Lehrer von früher sagten uns: „Es gab doch gar keine Anzeichen.“ Die Soko „Kardio“ geht davon aus, dass Niels Högel im Februar 2000 im Klinikum Oldenburg seinen ersten Mord beging. Wann hat sich der Mensch, der Högel damals war, verändert? Und warum?

Da war das Sterben auf der Station. Da war sein Vater, der einen Herzinfarkt erlitt. Da war die Freundin, die bei einem Verkehrsunfall starb. „Eigentlich ist Högel ein Angsthase“, wird sein Gutachter später vor Gericht sagen. Högel hat Höhenangst, Angst vor Achterbahnen, Verlustängste, Versagensängste, Angst vor dem Tod. Verschwindet die Angst, wenn man den Tod besiegt? Högels Gutachter sagt, Högel habe genau das versucht: den Tod zu besiegen.

Högel hat aber nicht nur Angstneurosen entwickelt, unterwegs muss ihm auch jegliche Empathie verloren gegangen sein. Geschah das in der Maschinen-Umgebung der Herzchirurgie? Sein ehemaliger Kollege Frank Lauxtermann, der mit Högel in Oldenburg arbeitete, beschreibt ihn als Pfleger, der kaum mit Patienten sprach. Ein Pfleger, für den dort im Bett nicht ein Mensch lag, sondern ein Bypass. Högel war kein „Todesengel“, als den ihn manche Medien bezeichnet haben; er tötete nicht aus Mitleid. Er fühlte nur: Ich! Mein! Mich!

Gelogen und ausgedacht

Er beginnt, sich zu inszenieren. Auf der Intensivstation wird er zum „Retter“: Wenn es einen Alarm gibt, ist er der erste, der den Notfallwagen holt. Er reanimiert, das tut er „zupackend“, loben Kollegen, „kompetent“. Mindestens einmal holt Högel bei einer Reanimation zwei Lernschwestern hinzu, um sie mit seinen Fähigkeiten zu beeindrucken.

Als er später dem Gutachter seinen ersten Mord schildert, inszeniert er das so: Nachtschicht, er steht auf der Intensivstation vor dem Medikamentenschrank, er fühlt eine innere Leere. Als ob man lange nichts gegessen habe, so beschreibt er das Gefühl. Er sucht ein Mittel, das Patienten in Not bringt, es soll aber nicht tödlich sein. Er sieht das Herzmedikament Gilurytmal, er kennt es aus dem Rettungsdienst. Er zieht drei Ampullen auf, spritzt den Inhalt um kurz vor 2 Uhr der Patientin Brigitte Arndt, 61 Jahre alt. Um 2.39 Uhr stirbt Frau Arndt. Es ist der 28. März 2003, Högel war vor einem Jahr von Oldenburg nach Delmenhorst gewechselt.

Preisgekrönte Reportage: Warum stoppte niemand Niels Högel?

Den Mord gab es, Brigitte Arndt starb in jener Nacht. Aber sie war nicht Högels erstes Opfer, sie war sein 40. oder 50. Die plötzliche Leere: ausgedacht. Der spontane Griff zum Gilurytmal: gelogen.

Högel inszeniert sich im Gefängnis. Mitgefangene berichten, wie er Hof hielt. Er scherzte, er lachte, er sagte Sätze wie: „Ich habe bei 50 aufgehört zu zählen“ und „Dann bin ich ja der größte Serienmörder der Nachkriegsgeschichte“.

Er inszeniert sich auch vor Gericht. Zuerst schweigt er monatelang. Dann, nach seinem Gespräch mit dem Gutachter, beginnt er eine Kommunikation mit dem Richter, zunächst noch wortlos.

„War es Ihre eigene Entscheidung, mit dem Gutachter zu reden?“, fragt der Richter. Högel nickt eifrig.

„Es gab kein anwaltliches Drängen?“ Verneinendes Brummen.

„Ich werte Ihr Verhalten dahingehend, dass Sie mein Angebot zu einem kommunikativen Verfahren angenommen haben.“ Kräftiges Kopfnicken, aber kein Wort.

Drei Wochen später spricht er tatsächlich.

Ob er alles verstanden habe? „Ja, hab’ ich“, antwortet Högel.

Möchte er noch etwas zu seinem Werdegang sagen? „Die Angaben sind richtig, korrekt, vollständig, ergänzen möchte ich auch nichts“, sagt Högel.

Eine unfaire Presse

Was also geht im Kopf eines solchen Menschen vor? Warum mordete Niels Högel?

Der Gutachter diagnostizierte eine zwanghafte paranoide Persönlichkeitsstörung bei Högel, depressive Störungen, Panikattacken, Medikamentenmissbrauch, später auch Alkoholabhängigkeit. Eine Antwort ist das nicht.

In seinem Brief an uns schrieb Högel: „Zum Schluss möchte ich Ihnen sagen, dass ich nicht böse auf Sie bin.“ Er sei sehr traurig über die „Kollateralschäden“: „Einiges wäre sicherlich vermeidbar gewesen.“ Er meinte damit nicht seine Opfer. Er meinte die Opfer unserer „Unfairness“, allen voran: Niels Högel.


  www.nwz­online.de/krankenpfleger-prozess 
Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020
Marco Seng
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2008

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