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NWZonline.de Nachrichten Panorama Blaulicht

Preisgekrönte Reportage: Warum stoppte niemand Niels Högel?

27.02.2015

Oldenburg /Delmenhorst Klinikum Delmenhorst, 22. Juni 2005, ein Mittwoch; auf derIntensivstation hat die Spätschicht begonnen. In Zimmer 6 liegt derehemalige Justizvollzugsbeamte Dieter M. aus Bremen im künstlichenKoma. M., 63 Jahre alt, leidet an Lungenkrebs; er hat gerade zweiOperationen überstanden. Die Ärzte haben einen Luftröhrenschnittvorgenommen, sein Zustand ist stabil.

Bis der Krankenpfleger Niels Högel, 28 Jahre alt, in sein Zimmertritt.

Högel spritzt Dieter M. 40 Milliliter des Medikaments Gilurytmalin die Vene. Gilurytmal (Wirkstoff Ajmalin) ist ein Herzmittel, eineÜberdosis kann lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen und einenBlutdruckabfall verursachen.

Die Tatwaffe: Ajmalin

Ajmalin ist ein sogenanntes Antiarrhythmikum, das über eine Hemmung der Natriumkanäle im Herzmuskel wirkt. Einem medizinischen Gutachten zufolge ist der Wirkstoff zwar grundsätzlich geeignet, Herzrhythmusstörungen zu behandeln – er hat jedoch eine geringe therapeutische Breite und kann bei zu hoher oder zu rascher Injektion lebensbedrohliche Nebenwirkungen auslösen.

Das Medikament, das nur von Ärzten gespritzt werden darf, wird nur selten eingesetzt.

Neben dem Krankenbett steht eine Infusionspumpe, Dieter M. erhältdarüber pro Stunde sieben Milliliter des BlutdruckmedikamentsArterenol. Högel dreht die Pumpe auf null. Als derÜberwachungsmonitor einen Alarm auslöst, schaltet Högel den Ton ab.

Bei Dieter M. setzt ein lebensbedrohliches Herzkammerflattern ein,sein Blutdruck sackt ab. Eine Krankenschwester kommt zufällig insZimmer. Högel sagt zu ihr: „Dein Patient hat keinen Druck mehr.“ DieSchwester ruft einen Kollegen zur Hilfe, gemeinsam leiten die beidenWiederbelebungsmaßnahmen ein. Sie können Kreislauf und Blutdruck vonDieter M. wieder stabilisieren. Vorerst.

Nur 29 Stunden später ist Dieter M. tot.

Die Krankenschwester ist misstrauisch geworden, sie nimmt DieterM. nach der Reanimation eine Blutprobe ab. In der Klinikapothekestellt sie fest, dass fünf Ampullen Gilurytmal zu je 10 ml fehlen.Die Schwester weiht den Kollegen ein, der bei der Reanimation vonDieter M. dabei war. Der Kollege findet vier leere Ampullen desMedikaments im Mülleimer der Intensivstation.

Die Klinik schaltet die Polizei ein.

Nils Högel neben seiner Anwältin UlrikeBaumann im Gerichtssaal des Landgerichts in Oldenburg (Foto: dpa)
Auch die Frau von Dieter M. sitzt im Saal. Sie ist nicht allein:Neben ihr, hinter ihr, vor ihr sitzen Menschen, die ebenfallsAngehörige im Klinikum Delmenhorst verloren haben - mögliche Opfervon Niels Högel.

Högel steht zum dritten Mal in Oldenburg vor Gericht. In denersten beiden Prozessen ging es allein um den Tod von Dieter M. Imaktuellen Prozess geht es um dreifachen Mord und zweifachenMordversuch. Aber niemand hier im Saal zweifelt daran, dass es auchnoch einen vierten Prozess geben wird. Längst gehen dieErmittlungsbehörden davon aus, dass Niels Högel bis zu 200 Patientenumgebracht haben könnte.

Wer ist dieser Niels Högel?

Högel wird am 30. Dezember 1976 in Wilhelmshaven geboren, aufeinem Ohr taub. Er wächst in einem katholischen Elternhaus auf;„warmherzig und tragfähig“ nennt er es später im Gespräch mit seinempsychiatrischen Gutachter, Konstantin Karyofilis. Högels Vater istKrankenpfleger aus Überzeugung, er arbeitet viel, ist gebildet,verschlossen, politisch organisiert in der SPD. Die Mutter kommt auseher schwierigen Verhältnissen, gelernte Anwaltsgehilfin, sie mussputzen gehen. Högel hat eine ältere Schwester, die späterZahnarzthelferin wird. „Eine durch und durch helfende Familie“,sagen Bekannte aus Wilhelmshaven.

Als Niels elf Jahre alt ist, trennen sich die Eltern für einigeZeit, er entwickelt Ängste. Die Schulleistungen sinddurchschnittlich, der Junge spielt gerne Fußball. Niels besucht dieIntegrierte Gesamtschule, Mitschüler und Lehrer erinnern sich an ihnals nett, fröhlich, hilfsbereit. Kein Einzelgänger, immermittendrin. Högel will Feuerwehrmann werden, doch er hat Höhenangst.Das Medizinstudium ist ihm zu aufwendig. Die Oberstufe der Schulebesucht er nicht mehr, sein Berufswunsch steht nun fest: Er willPfleger werden, wie der Vater.

Spurensuche bei Lehrern, Mitschülern und Kollegen,Nordwest-Zeitung, 27. November 2014

Mit 17 beginnt er die Pflegerausbildung im St.-Willehad-Hospital.Mädchen, Alkohol und Drogen nehmen jetzt einen größeren Platz inseinem Leben ein. Das Examen ist mittelmäßig, aber Högel wirdübernommen, er erlebt die „beste Phase seines Lebens“. Alskleinbürgerlichen Menschen beschreibt ihn Gutachter Karyofilis - einMensch, der Wilhelmshaven eigentlich nie verlassen wollte.

Irgendwann geht er trotzdem: 1999 fängt er auf derherzchirurgischen Intensivstation des Klinikums Oldenburg an. DasKlinikum ist hoch angesehen, die herzchirurgische Intensivstationerst recht. Högel fühlt sich geschmeichelt, ist aber der belastendenArbeit offenbar nicht gewachsen. Schon die erste Herzoperationbeschreibt er als „traumatisierendes Erlebnis“. Er wird immer müder,vereinsamt innerlich. Er beginnt zu trinken, entwickelt Depressionenund Angstzustände, die bis heute behandelt werden müssen.

In der Klinik gibt es Ärger. Högel wird 2001 versetzt, ein Jahrspäter muss er gehen. Man habe kein Vertrauen mehr in ihn, sagt einChefarzt. Högel versteht das nicht. „Völlig absurd“, so nennt er denVorgang Jahre später gegenüber seinem Gutachter. Da steht er bereitswegen Mordverdacht vor Gericht.

Anfang 2003 wechselt er nach Delmenhorst, ausgestattet mit einemguten Zeugnis aus Oldenburg. Nach einem Autounfall entwickelt erPanikattacken, nimmt Medikamente.

Ein Jahr später heiratet Högel, seine Tochter kommt zur Welt. DieGeburt ist lebensbedrohlich für das Kind. Er steht daneben, kannnichts machen. Das sei furchtbar gewesen, sagt er dem Gutachter.Högel ist vom Familienleben überfordert, lässt seine Frau allein zuHause, stürzt sich in die Arbeit. Wenn er frei hat, fährt er imRettungswagen mit, DRK-Wache Ganderkesee-Bookhorn. Für Niels Högelgibt es nur noch Arbeit, Alkohol, Tabletten und noch mehr Arbeit -bis er zum ersten Mal etwas tut, das ihn kurz aus diesem Kreislaufzu befreien scheint.

März 2003, mitten in der Nacht.

Högel steht vor einem Medikamentenregal auf der Intensivstation.Er fühlt eine innere Leere. Als ob man lange nichts gegessen habe -so beschreibt er das Gefühl später dem Gutachter. Er sucht einMittel, das Patienten in Not bringt, aber nicht tödlich ist. Er willreanimieren, will sich besser fühlen. Er weiß doch, dass dasfunktioniert. Beim ersten Mal in Delmenhorst haben ihn die neuenKollegen gelobt, haben ihm auf die Schulter geklopft. Damals konnteer für den Notfall nichts. Jetzt muss er nachhelfen, damit es zueinem Notfall kommt.

Der Medikamentenschrank. Högel fallen die Ampullen mit Gilurytmalins Auge. Das Herzmedikament kennt er vom Rettungsdienst. Schnellwirkend, unauffällig. Drei Ampullen zieht er auf, schleicht sich inein Patientenzimmer, stellt den Alarm ab, spritzt einer Patientinzehn Milliliter. Die Kolleginnen nebenan merken nichts.

Der Blutdruck der Patientin sinkt dramatisch. Als Ärzte undSchwestern herbeieilen, hat Niels Högel schon mit derHerzdruckmassage begonnen. Die Frau stabilisiert sich. Högel fühltsich gut. Er sorgt jetzt immer wieder für Notfälle. ZweieinhalbJahre lang.

Bis zu jenem Mittwoch im Juni 2005 im Zimmer von Dieter M.

Hintergrund: Tötete er aus Angst vor dem Tod?,Nordwest-Zeitung, 13. Februar 2015

Högel wird festgenommen - ein Ende ist das aber nicht. Es beginnteiner der unglaublichsten Ermittlungsskandale der deutschenGeschichte.

Als Niels Högel wegen Mordversuchs an Dieter M. vor Gerichtgestellt wird, erklärt die Staatsanwaltschaft Oldenburg: Es gebekeine Hinweise auf Zusammenhänge mit anderen Todesfällen imKlinikum.

Aber stimmt das auch? Gab es wirklich keine Hinweise?

Aus heutiger Sicht gibt es auf diese Fragen nur eine Antwort:nein.

Das Landgericht Oldenburg verurteilte Niels Högel 2006 wegenversuchten Totschlags an Dieter M. zu fünf Jahren Haft und einemfünfjährigen Berufsverbot. Der Bundesgerichtshof kippte das Urteil(auf Revision der Nebenklage von Frau M.). 2008 wurde Högel erneutverurteilt, diesmal zu siebeneinhalb Jahren Haft und einemlebenslangen Berufsverbot. Wer die Urteilsbegründungen dieser beidenProzesse liest, wer die Zeugen hört im dritten Prozess gegen NielsHögel, der sieht und hört: Hinweise, Hinweise, Hinweise.

Da sind die Ex-Kollegen aus Oldenburg, die aussagen, dass NielsHögel bereits bei ihnen aufgefallen sei: zunächst als „engagiert“,„zupackend“ und „medizinisch sehr kompetent“, bald aber alsunheimlich. Die Ex-Kollegen berichten, „dass im Arbeitsbereich desAngeklagten des Öfteren Reanimationen erforderlich waren“. Dass sieNiels Högel in Oldenburg „Unglücksrabe“ und „Pechbringer“ nannten.Dass der Angeklagte den „Ruf hatte, immer dort zu sein, wo eineReanimation erforderlich war“. Dass er in mindestens einemReanimationsfall zwei Lernschwestern hinzugeholt hatte, um sie „mitseinen medizinischen Fähigkeiten zu beeindrucken“. Der Chefarzt derherzchirurgischen Abteilung wertete das Verhalten zunehmend als„unangebrachten Aktionismus“ und bemühte sich um eine Versetzung vonNiels Högel auf eine andere Station.

Da ist der Chefarzt der anderen Station, der Anästhesie. Auch ihnbeschlich bald ein „ungutes Gefühl“, weil Högel auffällig häufig inKrisensituationen zugegen war. Man habe kein Vertrauen mehr zu ihm:Die Vorgesetzten legten Högel nahe, zu kündigen. Er wurdefreigestellt bei voller Bezahlung - in Zeiten des Pflegenotstandsein unüblicher Vorgang. Im Urteil gegen Niels Högel hält dasLandgericht fest: Es bestehe kein Zweifel, dass Högels Vorgesetzte„den Verdacht hegten, der Angeklagte könnte etwas mit den Krisen derin seinem Umfeld befindlichen Patienten zu tun haben“.

Hätte nicht schon das Klinikum Oldenburg Anzeige gegen Niels Högelerstatten müssen, zum Beispiel wegen Verdachts auf Körperverletzung?

Stattdessen schrieb es Niels Högel ein Zeugnis, in dem er als„verantwortungsbewusster und interessierter Mitarbeiter“ gelobtwird, der „umsichtig gewissenhaft und selbstständig“ arbeite.

Klinikum-Geschäftsführer Dr. Dirk Tenzer nennt das Zeugnis heute„ein normales Arbeitszeugnis“ und verweist auf „sehr harte Regeln“,die in Deutschland festschrieben, „was in Arbeitszeugnissen stehendarf“.

Interview mit Klinik-Chef Dirk Tenzer: „Man hätte die Tatenerkennen können“, Nordwest-Zeitung, 12. Februar 2015

Als im Zuge des dritten Prozesses der öffentliche Druck immergrößer wurde, hat das Klinikum Oldenburg auf eigene Kosten einGutachten in Auftrag gegeben. Tenzer wollte wissen, ob es währendder Dienstzeit von Niels Högel ungeklärte Todesfälle auch inOldenburg gegeben hat. Das Ergebnis: zwölf Sterbefälle mit Hinweisenauf Fremdeinwirkung in den Jahren 2000 bis 2002, als Högel imKlinikum angestellt war. Die Patienten seien an einer ÜberdosisKalium gestorben, teilte Tenzer auf einer Pressekonferenz mit.

Hintergrund: „Kalium-Tote schockieren Oldenburger Klinik“,Nordwest-Zeitung, 26. November 2014

Niels Högel aber verließ Oldenburg Ende 2002 mit gutem Zeugnis. Erbewarb sich in Delmenhorst. Und nun waren es die Kollegen imdortigen Klinikum, die in der Nähe von Niels Högel ein „komischesGefühl“ beschlich.

Weitere Zeugenaussagen.

Da ist die Krankenschwester aus Delmenhorst, die diese Geschichteerzählt: Sie habe kurz das Zimmer einer älteren Patientin verlassen,die sie zuvor stabilisiert habe. Als sie zurückkehrte, stand NielsHögel am Bett der Frau, die plötzlich Herzkammerflattern hatte.Niels Högel habe „tatkräftig“ Reanimationsmaßnahmen eingeleitet, dieerfolglos blieben. Die Krankenschwester sagte vor Gericht aus, dasssie sich das Kammerflattern bis heute nicht erklären könne.

„Erst haben wir noch herumgeflachst, dass so viele Patientengestorben sind, irgendwann kriegte man ein komisches Gefühl“, sagteine ehemalige Krankenschwester aus Delmenhorst. „Es gab Kollegen,die gesagt haben, mit dem möchte ich nachts nicht mehr arbeiten“,erinnert sich eine andere Kollegin. Eine frühere Ärztin desKlinikums war nach eigenen Aussagen immer gestresst, wenn sie mitNiels Högel arbeiten musste: „Oje, was passiert heute wieder? Wermuss heute reanimiert werden?“ Einige Kolleginnen hätten zu Högelgesagt: „Du betrittst meine Patientenzimmer nicht.“ Ein neuerSpitzname für Niels Högel: „Brutaler Rettungs-Rambo“.

Zwei der Zeugen wollen anschließend die Stationsleitung über dieVorfälle informiert haben. Diese hätte das auch „komisch“ gefunden.Passiert sei nichts.

Es passierte auch nichts, als diese Aussagen Eingang in Polizei-und Gerichtsakten fanden. Es passierte erst etwas, als KathrinLohmann sich einmischte.

2008 las Kathrin Lohmann in der Zeitung vom zweiten Prozess gegenNiels Högel. Ihre Mutter Brigitte Arndt war 2003 im KlinikumDelmenhorst gestorben, als Högel Dienst hatte, ähnlich wie im Fallvon Dieter M.

Ein flaues Gefühl, ob man lange nichts gegessen hätte? DerMedikamentenschrank?

Lohmann ging zur Polizei, jetzt nahm die Kripo neue Ermittlungenauf.

Die Geschichte der Kathrin Lohmann, Nordwest-Zeitung, 13.März 2015

Ein Jahr nach dem Urteil - ein besonderer Tag für KathrinLohmann, Nordwest-Zeitung, 23. Februar 2016

In mühsamer Kleinarbeit erstellte die Polizisten eine Statistikdes Grauens: In einer Tabelle erfassten sie die Sterbefälle auf derIntensivstation in Delmenhorst, die Dienstzeiten von Niels Högel,den Verbrauch des Herzmittels Gilurytmal.

Die Übereinstimmungen waren frappierend. 2003 und 2004 war dieSterberate auf der Station etwa doppelt so hoch wie in den Jahrenzuvor. Der Verbrauch des Medikaments Gilurytmal schnellte von 2002bis 2004 auf mehr als das Siebenfache hoch. Im ersten Halbjahr 2005passierten 73 Prozent der Todesfälle auf der Intensivstation währendder Dienstzeit von Niels Högel oder unmittelbar danach.

Insgesamt gab es während der Beschäftigungszeit von Niels Högel411 Sterbefälle, 321 davon während seiner Schicht oder unmittelbarim Anschluss. Von diesen 321 Menschen wurden 191 erdbestattet. DieseLeichen könnten für weitere Untersuchungen exhumiert werden.

Die Staatsanwaltschaft entschloss sich, acht Leichen exhumieren zulassen.

„Warum acht?“ Als Richter Sebastian Bührmann das im drittenProzess einen der ermittelnden Kriminalbeamten aus Delmenhorstfragt, druckst der Polizist zunächst herum. „Das kam so von derStaatsanwaltschaft“, heißt es dann.

In fünf Fällen fanden sich Rückstände des Wirkstoffs Ajmalin.

Fälle? Es sind Menschen. Zum Beispiel: Brigitte Arndt, 61 Jahrealt, Krankenschwester, sportlich, hatte sich gerade ihren Traumwagengekauft, sollte damit aus dem Krankenhaus abgeholt werden.

Hans M. (78), glücklich verheiratet, reiste gerne mit seiner Frau,liebte den Garten, konnte die Urenkel nie kennenlernen.

Christoph K. (44), Elektriker, hatte gerade ein Haus gebaut,hinterlässt drei Kinder, wäre am Tag der Urteilsverkündung 55geworden.

Oder eben Dieter M. (63), liebevoller Opa, genoss den Ruhestand,konnte die Hochzeit seiner Tochter nicht mehr feiern.

Gegen Niels Högel wurde erneut Anklage erhoben: Er steht jetztwegen des Verdachts von Mord in drei Fällen und Mordversuch in zweiFällen vor Gericht. Laut Staatsanwaltschaft droht ihm im Falle einerVerurteilung auch die Anordnung einer anschließendenSicherungsverwahrung.

Das bedeutet: Die Staatsanwaltschaft hält Niels Högel fürgefährlich. Erst jetzt?

Ein Kripobeamter im Gerichtssaal: „Von unserer Seiteaus hätte es 2005 weitergehen können.“

Wer ist Niels Högel? Ein Mann, der sich im Krankenhaus „in denVordergrund“ drängen wollte, wie das Gericht lange annimmt? Dem esum das „Zurschaustellen der eigenen Person“ ging? Der auch imGefängnis gern im Mittelpunkt stand? Nach den Zeugenaussagen vonMithäftlingen war in der Zelle von Niels Högel den ganzen Tag langBetrieb. Mithäftlinge seien zum Kaffeetrinken und spielen gekommen.Es sei dort viel geredet und gelacht worden. Zumindest eine Zeitlang zeigt sich im Gefängnis offenbar wieder das zweite Gesicht vonNiels Högel: freundlich, hilfsbereit, intelligent.

Die Mithäftlinge sagen fast übereinstimmend aus, dass Niels Högelihnen gegenüber die Morde an den Patienten zugegeben habe. „Ja, ichwar es“, habe der Ex-Krankenpfleger gesagt, berichtet der erste. „Erhat mir die Tötung von fünf gestanden.“ Niels Högel habe erzählt,dass er acht Menschen getötet habe, sagt der nächste Zeuge. „Ichhabe bei 50 aufgehört zu zählen“, zitiert Nummer drei denAngeklagten.

Die Gründe hat Niels Högel seinen Mithäftlingen angeblich auchgenannt: Erst habe er Leute von ihren Leiden erlösen wollen, dannaus Langeweile Patienten der Intensivstation nachts totgespritzt. Erhabe ihnen gezeigt, wie die Menschen vor ihrem Tod gezittert hätten,erzählen zwei der Ex-Mithäftlinge. „Dann bin ich ja der größteSerienmörder der Nachkriegsgeschichte“, soll Niels Högel einemgesagt haben.

Aber erst jetzt, nach umfangreicher Berichterstattung in derNordwest-Zeitung, will die Staatsanwaltschaft die ganze Dimensiondes Falles Niels Högel erfassen. Mehr als 100 Leichen könntenausgegraben werden. Die Polizei hat eigens eine Sonderkommissioneingerichtet, sie trägt den Namen „Kardio“. „Das ganze Ausmaß kannnur durch eine vollständige, akribische Aufarbeitung erfasstwerden“, erklärt Polizeichef Johann Kühme.

Das bedeutet: Die Polizei wird sich auch mit der Dienstzeit vonNiels Högel in Oldenburg und zuvor in Wilhelmshaven beschäftigen –und somit auch mit der Frage: Hätten möglicherweise Morde verhindertwerden können, wenn die Verantwortlichen im Klinikum Oldenburganders reagiert hätten? Die Leitung der Sonderkommission hat ArneSchmidt übernommen, Chef des Zentralen Kriminaldienstes derPolizeiinspektion Wilhelmshaven/Friesland. 15 Polizisten arbeiten inder Soko mit, das Hauptquartier liegt an der Bloherfelder Straße inOldenburg.

Interview mit Polizeichef Johann Kühme und Soko-Leiter ArneSchmidt, Nordwest-Zeitung, 3. Dezember 2014

Interview mit Polizeichef Johann Kühme, Nordwest-Zeitung, 5.November 2015

Ob die Ermittler in den Kliniken offene Türen einrennen, ist indesfraglich. Bereits im ersten Prozess gegen Niels Högel zeigten Zeugenaus dem Klinikum Oldenburg, dass ihnen das Thema offensichtlichunangenehm ist: Die Strafkammer stellte fest, dass die Zeugen„gemauert“ hätten und „ihre tatsächlichen Gedanken bezüglich desAngeklagten stark zurückhielten“.

Offene Fragen bleiben auch dann noch, wenn weitere Leichenexhumiert und untersucht werden: Der Wirkstoff Ajmalin ist nurnachweisbar, wenn ein Patient unmittelbar nach der Einnahmegestorben ist. Lebt er noch einen Tag weiter, baut der Körper dieSubstanz ab. Was bedeutet: Selbst wenn im Körper eines Toten keinAjmalin nachgewiesen werden kann, bleibt ein Restzweifel. Noch 2014wurden nach neuen Anzeigen bereits drei Leichen exhumiert, aberkeine Spuren von Ajmalin gefunden.

Kathrin Lohmann, die Tochter der verstorbenen Brigitte Arndt, wardie erste Nebenklägerin im aktuellen Mordprozess gegen Niels HögelInzwischen haben sich weitere Angehörige von Opfern der Nebenklageangeschlossen. Sie werden vertreten von der Delmenhorster AnwältinGaby Lübben, die auch Vorsitzende der Opferschutzorganisation WeißerRing in Delmenhorst ist. Es geht auch um zivilrechtliche Ansprüche,um mögliche Schadensersatzfragen. Das ist einer der Gründe, warumsich die Kliniken bei dem Thema mit öffentlichen Aussagenzurückhalten. Das Klinikum Delmenhorst lässt ausschließlich einenRechtsanwalt sprechen, Erich Joester aus Bremen.

Nebenklage-Anwältin Lübben und auch Nebenkläger Christian Marbachhaben die Arbeit der Staatsanwaltschaft mehrfach scharf kritisiert.Lübben wirft der Staatsanwaltschaft unter anderem eine neunjährigeErmittlungsblockade vor. Marbach kündigt Zivilklagen gegen dieKliniken Delmenhorst und Oldenburg sowie Schadenersatzforderungenan. Er spricht von einem zweistelligen Millionenbetrag.

Interview mit Gaby Lübben: Angeklagter genießt Prozess,Nordwest-Zeitung, 8. Dezember 2014

Die Staatsanwaltschaft hat ein Ermittlungsverfahren gegen zweiehemalige Dezernenten eingeleitet. Kollegen von der Nachbarbehördeaus Osnabrück sollen klären, ob es Versäumnisse bei den Ermittlungengegeben hat. Der Vorwurf: Strafvereitelung im Amt und Rechtsbeugung.Aber wie groß ist der Aufklärungswille wirklich? OldenburgsGeneralstaatsanwalt Andreas Heuer jedenfalls kündigte„schonungslose“ Aufklärung an. Gegen einen ehemaligen Staatsanwalt,inzwischen Richter, wurde Anklage erhoben. Er soll es nach Übernahmedes Falls 2011 versäumt haben, weitere Ermittlungen undExhumierungen anzuordnen. Dies hätte sich jedoch lautStaatsanwaltschaft Osnabrück wegen „anderer Erkenntnisseaufgedrängt“.

Interview mit Generalstaatsanwalt Andreas Heuer,Nordwest-Zeitung, 4. Dezember 2014

Doch zum Prozess kommt es nicht, zum Ärger der Angehörigen vonOpfern. Das Landgericht Oldenburg stellt das Verfahren ein, dieOsnabrücker Staatsanwaltschaft legt Widerspruch ein, dasOberlandesgericht Oldenburg weist die Beschwerde zurück undbestätigt das Urteil der Vorgängerinstanz. Weil Högel zu der Zeitschon inhaftiert war, habe kein Verlust von Beweismitteln oder garVerjährung der Taten gedroht, argumentiert das Oberlandesgericht.Außerdem habe der Angeschuldigte seinen Vorgesetzten über die„erhebliche Dezernatsbelastung“ informiert. Dieser habe ihm dannfreigestellt, welche Verfahren er bis zum Ausscheiden aus dem Amt imNovember 2013 vorrangig bearbeiten würde.

Opfer-Vertreter Christian Marbach spricht von einem„justizpolitischen Skandal“ und einem „Offenbarungseid derOldenburger Justiz“.

Der Ärger der Opfer-Vertreter über den Gerichtsbeschluss,Nordwest-Zeitung, 7. Dezember 2015

So wehrt sich die Justiz gegen die Vorwürfe,Nordwest-Zeitung, 18. Dezember 2015

Längst weist der Fall Niels Högel weit über Oldenburg undDelmenhorst hinaus. Der Niedersächsische Landtag hat einenSonderausschuss für mehr Patientensicherheit einberufen, der sichmit dem Thema Krankenhausmorde beschäftigen soll. Im April 2016 legtder Ausschuss seinen Abschlussbericht vor. Er hat ein ganzes Bündelvon Empfehlungen erarbeitet, um Mordserien wie im KlinikumDelmenhorst zu verhindern oder schneller entdecken zu können. Dazugehören genauere und häufigere Leichenschauen, zwingendeBlutentnahmen nach Todesfällen, regelmäßige Morbiditäts- undMortalitätskonferenzen, anonyme Meldesysteme für Mitarbeiter, dieEinführung von Stationsapothekern und Arzneimittelkommissionen inKliniken und die Pflichtschulungen von Pflegkräften. EinigeVorschläge – wie die ehrenamtlichen Patientenfürsprecher in Klinikenoder der Patientenschutzbeauftragte auf Landesebene – sind bereitsumgesetzt. Der Ausschuss-Bericht umfasst 45 Seiten mit rund 20konkreten Vorschlägen.

Lesen Sie den ganzen Abschlussbericht hier

Interview mit Patientenschützer Eugen Brysch,Nordwest-Zeitung, 13. Dezember 2014

Interview mit Professor Karl H. Beine, Nordwest-Zeitung, 15.Februar 2015

Unterdessen sorgt der Fall Niels Högel regelmäßig für neueÜberraschungen. Zum Beispiel, als die Soko „Kardio“ bekannt gab,dass Högel noch 2008, als er längst zu Gefängnis und Berufsverbotverurteilt war, als Altenpfleger im Pauline-Ahlsdorff-Haus inWilhelmshaven arbeitete. Warum? Weil das Urteil nichts rechtskräftigwar. Und weil Högel viel länger auf freiem Fuß war, als dieÖffentlichkeit für möglich gehalten hatte. Nach Beschwerde derVerteidigung war Högels Haftbefehl bereits im September 2005 außerVollzug gesetzt worden. Erst nachdem das zweite Urteil gegen ihnrechtskräftig geworden war, ging Högel im Mai 2009 als sogenannterSelbstantreter ins Gefängnis. Vorher, so das Landgericht aufNachfrage, hätten keine Haftgründe vorgelegen.

Interview mit Richter Michael Herrmann, Nordwest-Zeitung,19. Dezember 2014

Für eine andere Überraschung sorgte Högel selbst. Am 8. Januar2015, Prozessbeobachter hatten eigentlich einen unspektakulärenSitzungstag erwartet, gestand Högel über seinen Gutachter KonstantinKaryofilis rund 30 Patiententötungen und 60 Tötungsversuche.Allesamt in Delmenhorst. An anderen Orten, so auch in Oldenburg,will er keine Taten begangen haben.

Was ändert das? Vorerst nichts. In Ermittlerkreisen ist von einem„taktischen Geständnis“ die Rede. „Da fehlen noch 200 Tote“, heißtes.

Am 26. Februar 2015 wird im dritten Högel-Prozess das Urteilgesprochen: Högel muss lebenslänglich ins Gefängnis - wegenzweifachen Mordes, zweifachen Mordversuchs und einem Fall vongefährlicher Körperverletzung. Das Gericht stellte außerdem die„besondere Schwere der Schuld“ fest, was eine Entlassung nach 15Jahren ausschließt.

Das Urteil im Högel-Prozess, Nordwest-Zeitung, 27. Februar2015

Die Soko „Kardio“ ermittelt weiter. Im Frühjahr 2015 haben dieersten Exhumierungen begonnen. Erst sickern Informationen nurtröpfchenweise durch, später informieren Staatsanwaltschaft undPolizei in regelmäßigen Abständen. Mittlerweile sind die Ermittlerfast fertig, zumindest was das Klinikum Delmenhorst betrifft.

An wen wenden sich Angehörige?

Wer befürchtet, zu den möglichen Opfern von Niels Högel zu gehören, kann sich an die Opferhilfeorganisation Weißer Ring wenden. Petra Klein, Leiterin der Außenstelle Oldenburg, weist darauf hin, dass der Verband Angehörigen von mutmaßlichen Opfern mit Rat und Tat zur Seite steht, unter anderem auch bei Fragen zur Finanzierung eines Rechtsbeistands oder psychologischer Betreuung.

In Oldenburg ist der Weiße Ring unter Tel. 0441/36164272 zu erreichen.

In der Außenstelle Delmenhorst hat Gaby Lübben die Telefonnummer 0151/55164694.

Die Polizei gräbt immer weitere Leichen aus. Rechtsmedizinerweisen weitere Rückstände des Herzmedikaments Gilurytmalnachgewiesen. 84 Gräber von ehemaligen Patienten des KlinikumsDelmenhorst wurden bisher auf Friedhöfen in Niedersachsen geöffnet.Hunderte Ermittlungsverfahren werden eingeleitet. Auch nachmöglichen Högel-Opfern im Klinikum Delmenhorst und im Rettungsdienstwird weiter gesucht. Laut Polizeipräsident Johann Kühme hat die Soko„Kardio“ mehr als 500 Notarzt-Einsatzprotokolle überprüft.

Der Ermittlungsstand im Sommer 2016: 37 nachweisbareTötungsdelikte im Klinikum Delmenhorst mit drei verschiedenenMedikamenten. Dringender Tatverdacht in sechs Fällen im KlinikumOldenburg. Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen sechsVerantwortliche des Klinikums Delmenhorst, Pfleger und Ärzte. EndeAugust 2017 will man abschließende Ergebnisse mitteilen, kündigenPolizei und Staatsanwaltschaft an. Noch 2017 soll dann Anklage gegenNiels Högel erhoben werden, 2018 soll dann der vierte Prozess gegenHögel beginnen. Vermutlich im Alten Landtag von Oldenburg, der großeSaal des Landgerichts ist zu klein. Mehr als 50 Nebenkläger gibt esbereits.

Der vierte Prozess würde am Strafrahmen für Högel zwar nichtsändern.

Er könnte aber Antworten bringen. Antworten, die Frau M. undKathrin Lohmann jetzt kennen. Antworten auf Fragen, die sich einigehundert andere Angehörige von ehemaligen Klinikpatienten womöglichnoch jeden Tag stellen.

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