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Die Heldin – Eine Frau gibt nicht auf

21.02.2018

Oldenburg Gibt es so etwas wie Vorahnungen? Kathrin Lohmann glaubte nicht daran, aber was war es dann, was ihr so eiskalt den Rücken hinunterkroch? „So ein Schaudern“, sagte sie später immer wieder, wenn sie an diesen Donnerstag im März 2003 zurückdachte: Lohmann, 26 Jahre alt, stand unten auf dem Krankenhausparkplatz, und dieses Gefühl schüttelte sie, „ein Gefühl, als hätte ich meine Mutter heute zum letzten Mal gesehen“.

Sie gab sich einen Ruck und stieg in ihr Auto. Ihrer Mutter ging es doch viel besser, oben auf der Intensivstation hatte sie Lohmann vorhin munter hinterhergewinkt. Natürlich, Brigitte Arndt, 61 Jahre alt, von Beruf Krankenschwester, war schwer lungenkrank. Aber sie hatte das Koma gut überstanden, sie freute sich auf zu Hause, auf Berne in der Wesermarsch. Dort wartete ihr neues Traumauto auf sie, das sie sich endlich geleistet hatte, die Kinder wollten sie damit aus dem Krankenhaus abholen.

Am Abend ruft Kathrin Lohmann auf der Intensivstation an, das macht sie jeden Tag so. Sie fragt: „Wie geht es meiner Mutter?“ Ein Mann ist dran, er antwortet: „Im Moment gut.“ Im Moment? Da ist es schon wieder, dieses Gefühl. Kathrin Lohmann hat Angst.

In der Nacht, es geht auf halb drei zu, reißt das Telefon Lohmann aus dem Schlaf. Es ist das Krankenhaus. Der Mann ist dran, mit dem sie bereits am Abend gesprochen hatte. Der Mann sagt: „Der Kreislauf Ihrer Mutter ist instabil, kommen Sie bitte her.“

Kathrin Lohmann eilt nach Delmenhorst. Als sie auf der Intensivstation ankommt, ist alles „wie im Film“. Sie steht im Flur, zwei Ärzte reden auf sie ein, „wir konnten nichts mehr tun“. Ihre Mutter ist tot, Lohmann bricht zusammen, sie weint, schreit.

Danach passiert das, was in solchen Fällen fast immer passiert: Kathrin Lohmann macht sich Vorwürfe. Hätte. Wäre. Könnte. Hätte sie ihre Mutter doch nicht überredet, ins Krankenhaus zu gehen! Wäre sie doch wie zunächst geplant ins Pius-Hospital in Oldenburg gegangen! Dann könnte sie noch leben! Kathrin Lohmann findet keinen Schlaf mehr.

Und da ist dieses Gefühl: „Irgendwas stimmt nicht.“ Haben die Ärzte einen Fehler gemacht? Die Pfleger? Haben sie ein Medikament vergessen? Wer war dieser seltsame Mann am Telefon?

Oft sind solche Gefühle eine vorübergehende Phase nach einem Verlust. Trauerarbeit. Bei Kathrin Lohmann sind sie es nicht. Sie kann nicht loslassen. Sie kennt nur noch ein Thema: Warum musste ihre Mutter sterben? Was stimmt da nicht?

Das will natürlich niemand hören, jedenfalls nicht auf Dauer. Familie, Freunde, nach und nach wenden sich alle von ihr ab. „Jetzt find’ Dich endlich damit ab“, sagen sie. Aber das kann Kathrin Lohmann nicht.

Sie wird depressiv. Kann nicht mehr arbeiten. „Sozialer Abstieg“, sagt sie knapp im Gespräch. Das Geld geht ihr aus, sie muss in eine Einzimmerwohnung ziehen. Eine schwierige Wohngegend, etwas anderes kann sie sich nicht leisten.

Es hört trotzdem nicht auf.

Und Kathrin Lohmann hört nicht auf. Sie will wissen, was passiert ist in jener Nacht. Und sie wird es erfahren. Sie wird, sehr viel später, erfahren: Der Mann am Telefon, das war der Klinikmörder Niels Högel. Als sie seine Stimme im Gerichtssaal hört. Das ist im Jahr 2014.

Kathrin Lohmann im Gerichtssaal. Foto: dpa

Doch zuerst müssen die Jahre vergehen. Ihre Mutter ist inzwischen fünf Jahre tot, da liest Kathrin Lohmann in der Nordwest-Zeitung von einem Krankenpfleger vor Gericht. Der Pfleger wird verurteilt wegen Mordversuch an einem 63-jährigen Patienten, Klinikum Delmenhorst, Intensivstation; als Tatwaffe hatte der Pfleger ein Herzmittel benutzt. Lohmann sieht die Antwort auf ihre Fragen schwarz auf weiß vor sich. „Der war es“, sagt sie.

Sie ruft die Kripo in Delmenhorst an. Die Polizisten prüfen, ob Högel am 27. März 2003 Dienst gehabt hatte. Alles passt.

„Fängst Du schon wieder damit an?“, fragen Bekannte. „Das ändert doch nichts!“ Auch bei der Staatsanwaltschaft stößt sie auf taube Ohren. „Der sitzt doch schon im Gefängnis“, sagt ein Mitarbeiter zu ihr. (Was im Jahr 2008 nicht einmal stimmt: Högel ist zwar verurteilt, befindet sich aber bis zum 6. Mai 2009 auf freiem Fuß.)

„Ich war allein“, sagt Lohmann. „Aber ich wollte jetzt wissen, was geschehen war, mit allen Mitteln.“

Sie will, dass ihre Mutter exhumiert wird. Es ist möglich, Rückstände von bestimmten Medikamenten auch Jahre nach dem Tod im Leichnam zu finden. Immer wieder ruft Lohmann bei der Staatsanwaltschaft an. Einmal sagt jemand zu ihr: „Exhumierungen sind teuer.“

Frühjahr 2009, der Friedhof von Warfleth, Wesermarsch. Ein Bagger schaufelt endlich das Grab von Brigitte Arndt frei. Der Friedhof liegt am Deich, Sarg und Leichnam schwimmen im Grundwasser. Kathrin Lohmann steht im Hintergrund. Niemand kümmert sich um sie, „da war kein Seelsorger oder so dabei“. Jahre später, als Högel als Serienmörder entlarvt ist und die Polizei immer wieder neue Leichen ausgräbt, gibt es Betreuungsangebote für die Angehörigen; große Tücher schützen die Grabstätten vor neugierigen Blicken.

Nicht so im Fall Brigitte Arndt. Das Wasser hat der Leiche zugesetzt; Lohmann fragt sich, ob die Gerichtsmediziner überhaupt etwas finden können.

Und wieder muss sie warten, „bestimmt ein, zwei Jahre“, sagt sie. Wieder muss sie nachfragen bei der Staatsanwaltschaft, „ich hab’ da so oft angerufen“. Irgendwann erfährt sie, dass die Gerichtsmediziner tatsächlich etwas gefunden haben: Ajmalin, ein Wirkstoff, der im Medikament Gilurytmal enthalten ist. Gilurytmal ist das Medikament, das Högel 2005 dem Patienten Dieter M. gespritzt hatte.

Dann ist wieder Schweigen. Fünf Jahre musste Kathrin Lohmann warten, bis die Ermittlungen im Todesfall ihrer Mutter begannen. Danach vergehen wieder fünf, sechs Jahre.

2014 liest Kathrin Lohmann in der Zeitung, dass es einen neuen Prozess gegen Högel geben soll. Geht es um ihren Fall? Um den Tod ihrer Mutter? Sie fragt bei der Polizei nach. „Ja, das stimmt“, antwortet der Polizist. „Was soll ich tun?“ „Nehmen Sie sich eine Anwältin.“ Kathrin Lohmann trifft sich mit Gaby Lübben aus Delmenhorst, gemeinsam reichen sie Nebenklage ein. Kathrin Lohmann ist zum ersten Mal nicht mehr allein.

Kathrin Lohmann (links) und die Anwältin Gaby Lübben. Bild: von Reeken

Ab jetzt ist Donnerstag immer Prozesstag. Fassungslos hört Lohmann im Landgericht Oldenburg den Pflegern und Ärzten zu, die von ihren bösen Ahnungen in Bezug auf Niels Högel berichten. Die Zahl der möglichen Opfer, über die spekuliert wird, steigt wöchentlich. Högel selbst schweigt. Bis zu jenem Donnerstag am 12. Februar 2015.

Da ist diese Stimme, Kathrin Lohmann kennt sie vom Telefon, 2003, die Intensivstation. Dieser Satz, dieses Gefühl: „Im Moment gut.“

Niels Högel erzählt von der Leere, die er spürte, als er nachts auf der Intensivstation stand, „als ob man lange nicht gegessen hat“. Er erzählt vom Gilurytmal, das er aufzog und Brigitte Arndt spritzte.

„Das war schon hart“, sagt Kathrin Lohmann. „Aber ich habe mir im Gericht nie etwas anmerken lassen. Ich wollte nicht, dass er die kleinste Regung von mir sieht.“ Er, Niels Högel, der Mörder ihrer Mutter. Jetzt sitzt er im Gefängnis, lebenslange Strafe, besondere Schwere der Schuld. Und Kathrin Lohmann sitzt jetzt, wo der Prozess vorbei ist, in ihrer neuen Küche: Oldenburg, Innenstadt, gute Wohngegend. Um ihre Füße streicht ihr Malteserhündchen, Kathrin Lohmann lächelt. Alles ist gut, endlich.

Alles ist gut? Fast alles. „Es fällt mir schwer, an Gerechtigkeit zu glauben“, sagt Lohmann. „Wenn man sich auf die Behörden verlässt, wird man nichts erreichen.“ Die Justiz hat sich bei ihr inzwischen entschuldigt. Das Klinikum Delmenhorst nicht.

Im März 2015 hat Kathrin Lohmann im Delmenhorster Rathaus den Preis für Zivilcourage bekommen. Die Auszeichnung steht unter einem Motto, es lautet: „Hinschauen und nicht wegsehen“. In der Stadt soll es aber auch Widerstände gegen die Wahl von Lohmann gegeben haben.

Man muss es wohl immer wieder sagen: Wenn Kathrin Lohmann nicht so hartnäckig gewesen wäre, wenn sie nicht der Staatsanwaltschaft immer wieder auf die Füße getreten wäre, dann wüssten wir nichts von der Mordserie Högel. Der Mörder, verurteilt in einem einzigen Fall, wäre längst wieder auf freiem Fuß. Spätestens im Herbst 2016 wäre seine Strafe wegen Mordversuch an Dieter M. vollständig verbüßt gewesen.

Jetzt aber wird Niels Högel ein weiteres Mal der Prozess gemacht werden. Er muss sich wegen Mordes in 100 Fällen vor Gericht verantworten. Hunderte Angehörige wollen als Nebenkläger am Prozess teilnehmen, Anwältin Gaby Lübben vertritt allein mehr 100. Auch Kathrin Lohmann wird dabei sein, sie lächelt: „Diesmal aber als Zuschauerin.“ Sie will auf keinen Fall wegsehen, so wie so viele andere Menschen im Fall des Klinikmörders Niels Högel.

Sehen Sie hier: Wo Högel gewirkt und gemordet hat

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