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NWZonline.de Nachrichten Panorama Blaulicht

Die Kliniken – Das Versagen der Helfer

21.02.2018

Oldenburg Am 10. Oktober 2002 schreibt Frau O., Pflegedirektorin des Klinikums Oldenburg, ein Arbeitszeugnis für einen Mitarbeiter. Der Krankenpfleger, 25 Jahre alt, will das Haus „auf eigenen Wunsch“ verlassen, so steht es später jedenfalls im Zeugnis.

Frau O. bescheinigt dem Pfleger, „umsichtig, gewissenhaft und selbstständig“ gearbeitet und in „kritischen Situationen überlegt und sachlich richtig“ gehandelt zu haben. Sie lobt ausdrücklich seine „Einsatzbereitschaft“ und sein „kooperatives Verhalten“. Der Pfleger, so schließt sie, habe die ihm übertragenen Aufgaben „zur vollsten Zufriedenheit“ erledigt. Das entspricht der Gesamtnote „gut“.

Der Name des Pflegers ist Niels Högel. Er sitzt heute in Oldenburg im Gefängnis, er ist ein verurteilter Serienmörder. Er soll mindestens 106 Patienten getötet haben, 36 davon während seiner Dienstzeit im Klinikum Oldenburg. Das sind die Fälle, die ihm nachgewiesen werden können; die tatsächliche Zahl seiner Opfer könnte doppelt so hoch sein.

Heute wissen wir, dass kaum ein Satz in Högels Arbeitszeugnis wahr ist. Er arbeitete nicht „umsichtig“, „gewissenhaft“ und „sachlich richtig“ - er tötete wehrlose Patienten, die er eigentlich gesund pflegen sollte. Schon gar nicht arbeitete er „zur vollsten Zufriedenheit“, im Gegenteil: Das Oldenburger Krankenhaus wollte ihn unbedingt loswerden. Högel wurde „weggelobt“, zu diesem Schluss kam das Oldenburger Landgericht, als Högel 2006/08 erstmals vor Gericht stand: Er musste gehen, weil Vorgesetzte „den Verdacht hegten, der Angeklagte könnte etwas mit den Krisen der in seinem Umfeld befindlichen Patienten zu tun haben“.

Einen Monat, bevor die Pflegedirektorin das positive Arbeitszeugnis für Högel schreibt, ruft Chefarzt Professor W. den Pfleger zu einem Vier-Augen-Gespräch. Er teilt ihm mit, dass das Krankenhaus kein Vertrauen mehr zu ihm habe. Professor W. stellt Högel vor die Wahl, entweder von der Intensivstation zu vollen Bezügen in den Hol- und Bringdienst des Klinikums zu wechseln oder zu kündigen und sofort freigestellt zu werden, bei vollem Gehalt für die kommenden drei Monate. Sollte er die Klinik freiwillig verlassen, werde man ihm auch ein gutes Arbeitszeugnis schreiben.

Högel entscheidet sich für das zweite Angebot. Mit dem guten Arbeitszeugnis bewirbt er sich im Klinikum Delmenhorst, wo er am 15. Dezember 2002 einen neuen Job antritt, wieder als Pfleger auf der Intensivstation.

In Delmenhorst tötet Högel mindestens 70 Patienten, bis er im Juni 2005 auf frischer Tat ertappt wird.

Der Fall Högel erzählt nicht nur die Geschichte einer unfassbaren Mordserie – er erzählt auch eine Geschichte vom Wegschauen und von fehlender Zivilcourage, von Untätigkeit und von falschen Entscheidungen. Er erzählt die Geschichte eines beispiellosen Versagens in den Kliniken. Denn auch das wissen wir heute: „Die Morde hätten verhindert werden können, wenn in den Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst den früh aufgetauchten Verdachtsmomenten nachgegangen worden wäre.“ Oldenburgs Polizeichef Johann Kühme hat das mehrfach öffentlich gesagt.

Niels Högel, geboren und aufgewachsen in Wilhelmshaven, kommt im Juni 1999 nach Oldenburg, um dort auf der herzchirurgischen Intensivstation des Klinikum Oldenburgs als Pfleger zu arbeiten. Im Februar 2000 tötet er dort zum ersten Mal einen Patienten, das haben die dreijährigen Ermittlungen der Sonderkommission „Kardio“ ergeben. Bis zu seiner Freistellung im Oktober 2002 ermordet er mindestens 35 weitere Menschen. Das Muster ist immer ähnlich: Högel spritzt den wehrlosen Patienten auf der Intensivstation ein Medikament, Kalium zum Beispiel, Gilurytmal, Sotalex, Xylocain oder Cordarex. Die Patienten geraten dadurch in eine sogenannte Krise, sie erleben Herzflimmern, Herzrhythmusstörungen, Blutdruckabfall, sie müssen wiederbelebt werden. Högel ist als Erster zur Stelle, um die Reanimation einzuleiten. Manchmal überleben die Patienten die Krise, manchmal sterben sie, manchmal überleben sie die Krise um ein paar Tage und sterben dann.

Merkt das niemand? 36 Tote in Oldenburg, zahllose Reanimationen, immer wieder Pfleger Högel mit dem Notfallwagen am Bett der Patienten: Fällt den Kollegen, den Ärzten und Pflegern, das nicht auf?

Doch, es fällt auf. Eine Rekonstruktion der Ereignisse:

Ende August 2001, auf Station 211, Städtische Kliniken Oldenburg, meldet sich der Pfleger Niels Högel krank. Er hat zu diesem Zeitpunkt mutmaßlich 25 Menschenleben auf dem Gewissen, das werden 17 Jahre später die Ermittlungsergebnisse der Soko „Kardio“ zeigen. Aber im August 2001 weiß das niemand, unter Högels Kollegen auf Station 211 gibt es allenfalls Gerede über ungewöhnlich viele Reanimationen, unerwartete Todesfälle und merkwürdige Kaliumwerte bei Patienten.

In den Wochen, in denen Högel fehlt, geht die Zahl der Notfälle auf der herzchirurgischen Intensivstation zurück. Zwei Patienten sterben.

Mitte September nimmt Högel den Dienst wieder auf. Es folgt das „schwarze Wochenende“, wie die Soko-Ermittler die Tage vom 14. bis zum 16. September 2001 später nennen werden: Auf Station 211 kommt es insgesamt zu einer zweistelligen Zahl an Reanimationen, vier Patienten sterben. Ein fünfter Patient, der gleich mehrfach wiederbelebt wurde, stirbt acht Tage später.

Das Gerede unter den Kollegen nimmt zu.

I. Die Strichliste

Nach dem schwarzen Wochenende beauftragt der Chefarzt der Herzchirurgie den pflegerischen Leiter von Station 211, eine Statistik anzufertigen, die die Anwesenheit von Pflegekräften bei Reanimationen und Todesfällen dokumentiert. In den nächsten Wochen führt der Leiter eine Strichliste. Am Ende finden sich die meisten Übereinstimmungen bei einem Pfleger: Niels Högel. In 58 Prozent der Fälle war er im Dienst.

Ende Oktober, Anfang November 2001 treffen sich einige Führungskräfte zur Besprechung. Der Chefarzt ist bei dieser Konferenz dabei, die Pflegedirektorin, die pflegerische Leitung von Station 211, sogar der Geschäftsführer der Kliniken nimmt teil, Rudolf Mintrop. Thema der Besprechung: die Strichliste.

Das Krankenhaus befindet sich in jenen Tagen im Krisenmodus. Durch ein verunreinigtes Kontrastmittel sind zwei Patienten gestorben, bundesweit berichten die Medien über den Oldenburger „Hygieneskandal“. Noch am 29. Oktober, ungefähr zum Zeitpunkt der Strichlisten-Besprechung, erscheint im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, Auflage 1,1 Millionen Exemplare, eine mehrseitige Recherche zum Hygieneskandal, Titel: „Schlamperei mit Todesfolge“. In der Klinik melden sich vermehrt verunsicherte Patienten.

Mintrop, der Geschäftsführer, hat das Krisenmanagement im „Hygieneskandal“ vollständig an sich gezogen. Er allein spricht mit der Presse, er zieht öffentlichkeitswirksame Konsequenzen: Mitte August entlässt er zwei Mediziner aus der Radiologie fristlos, den zuständigen Chefarzt und die Oberärztin. Die Stimmung im Haus ist angespannt, Mitarbeiter berichten später von „Schock“ und von „Angst“. Monatelang wagt es offenbar kein Kollege, Kontakt zum entlassenen Chefarzt aufzunehmen, der immerhin sieben Jahre lang in Oldenburg im Amt war.

Und jetzt gibt es da diese Strichliste von Station 211. Schlägt jemand aus der Runde vor, die Polizei einzuschalten? Ruft vielleicht jemand „Stopp“ und warnt vor weiteren negativen Schlagzeilen für das angeschlagene Krankenhaus?

Heute steht jedenfalls fest: Niemand rief die Polizei.

II. Die Kaliumkonferenz

Ende November 2001 treffen sich die Ärzte und Pflegekräfte zur sogenannten Kaliumkonferenz. 17 Jahre später, im Oktober 2018, wird Richter Sebastian Bührmann in der Oldenburger Weser-Ems-Halle den Ex-Pfleger Niels Högel, angeklagt wegen Mordes in 100 Fällen, dazu befragen.

„Wir dachten, dass es ums Arbeitsklima ging. Dann kamen diese Fälle auf den Tisch“, sagt Högel. Diese Fälle: Es ging um tote Patienten, bei denen unnatürliche Kaliumwerte aufgefallen waren.

„Hatten Sie damit etwas zu tun?“, fragt der Richter.

„Ja“, antwortet Högel, er nickt.

Auf der Konferenz äußert sich Högel nach eigener Erinnerung nicht. Aber 17 Jahre später vor Gericht erzählt er, was ihm damals durch den Kopf gegangen sei. „Ich hatte den Gedankengang: Jetzt kommen sie mir auf die Schliche“, sagt er.

Am 29. November 2001 meldet sich Högel wieder krank, er wird mehr als einen Monat fehlen. Danach kehrt er nicht mehr auf Station 211 zurück. Er hat beantragt, die Station zu wechseln; er möchte fortan in der Anästhesie arbeiten.

III. Die Versetzung

Vor Gericht im Oktober 2018 betont Högel, er sei nicht zwangsversetzt worden, „ich war derjenige, der dahin wollte“. Tatsächlich hat er das Gesuch für den Abteilungswechsel selbst geschrieben. Aber geschah das freiwillig?

Bereits im ersten Högel-Prozess 2006/08 hatte der Chefarzt der Herzchirurgie ausgesagt, dass er es gewesen sei, der sich um die Versetzung Högels bemüht habe. Högel wechselt jedenfalls zügig, Ende Dezember 2001 fängt er in der Anästhesie an.

 Unterdessen geht auf Station 211 die Zahl der Reanimationsfälle zurück. „Signifikant“, sagt Frank Lauxtermann, ein ehemaliger Kollege von Högel in Oldenburg; „eine Info an die Anästhesie hat es aber nie gegeben“.

Die Soko „Kardio“ findet während ihrer dreijährigen Ermittlungsarbeit keine Beweise für Patiententötungen in der Anästhesie. Es gibt aber wohl einzelne Hinweise auf „Manipulationen“, die der Pfleger an Patienten vorgenommen haben soll.

Zu Högels Arbeit gehören auch Einsätze in der Kardio-Anästhesie, die eng mit der Herzchirurgie verbunden ist. Dort sieht eines Tages der Chefarzt seinen ehemaligen Mitarbeiter. „Der muss hier raus, der macht hier keinen Dienst!“, sagt er, so erinnern sich Zeugen. Im August 2002 muss Högel die Kardioanästhesie verlassen.

Im Klinikum gibt es vermehrt Gerede über Niels Högel. Der Betriebsrat ist involviert, „es gab Gerüchte“, sagt ein ehemaliges Mitglied. Der Betriebsrat fragt bei der Geschäftsführung nach, ob es stimme, dass Högel Patienten unzulässig Medikamente verabreicht habe. Die Antwort lautet: Es sei nichts bewiesen.

Am 20. September 2002 kommt es zu einem Vorfall; Högel wird erneut verdächtigt, an einem Patienten Manipulationen vorgenommen zu haben.

In einer Besprechung fragt der Betriebsrat den Geschäftsführer, ob es sich dabei nicht auch um ein Versehen gehandelt haben könne.

Solche Versehen gebe es nicht, antwortet der Geschäftsführer.

IV. Die Trennung

Am 23. September klingt bei Högel das Telefon, er soll zum Chefarzt der Anästhesie kommen. Es wird ein Vier-Augen-Gespräch. Der Chefarzt teilt Högel mit, dass man ihm das Vertrauen entzogen habe. Er bietet ihm an, in den Hol- und Bringedienst des Klinikums zu wechseln. Alternativ könne er auch das Haus mit einem guten Zeugnis verlassen, bis Ende des Jahres werde man ihm weiter volles Gehalt zahlen.

Högel sagt 2018 vor Gericht, dass das gute Zeugnis bei dem Gespräch bereits fertig auf dem Tisch gelegen habe. Ob das stimmt, ist unklar; datiert ist das Zeugnis auf den 10. Oktober 2002.

Der Pfleger entscheidet sich für die Variante Gutes Zeugnis/Volles Gehalt. Er darf ab sofort nicht mehr in den OP-Bereich, er fährt nach Hause.

Am 15. Dezember 2002 tritt Högel eine neue Stelle an, er arbeitet nun im Klinikum Delmenhorst auf der Intensivstation. Laut den Ermittlungsergebnissen der Soko „Kardio“ tötet er dort in den folgenden zweieinhalb Jahren mindestens 70 Patienten.

V. Das Schweigen der Oldenburger

Zweieinhalb Jahre später, am 22. Juni 2005, ertappt eine Kollegin Högel auf frischer Tat dabei, wie er dem Patienten Dieter M. unerlaubt eine Überdosis Gilurytmal spritzt. Zu diesem Zeitpunkt hat der Pfleger mutmaßlich 104 Menschen auf dem Gewissen, wie die Ermittlungen Jahre später zeigen werden. Dieter M. stirbt einen Tag später.

Am 1. September 2005 übernimmt Rudolf Mintrop die Aufgaben des Geschäftsführers für das Klinikum Delmenhorst, das sich seit geraumer Zeit in finanzieller Schieflage befindet – parallel zu seinem Job in Oldenburg. Mittlerweile berichtet die Presse über den Fall Högel, die Klinik gerät in die Kritik. „Ungeklärt bleibt weiter auch die Frage, ob es in den Städtischen Kliniken Delmenhorst zu ,Medikamentenmissbrauch‘ gekommen ist. Nach Zeugenaussagen war der Verbleib größerer Mengen von Herzmedikamenten nicht eindeutig zuzuordnen“, schreibt die NWZ am 6. September.

Von den Erfahrungen Mintrops mit Högel 2001/02 in Oldenburg erfährt die Polizei nichts. Auch nicht, als 2006 der Prozess gegen Högel wegen versuchten Mordes an Dieter M. beginnt. „Das Gericht wird die Frage prüfen müssen, ob es auch in anderen Kliniken zu ungeklärten Todesfällen gekommen ist“, heißt es am 29. September 2006 in der NWZ. Immer noch gibt es keinen Hinweis auf die Vorgänge in Oldenburg. Nicht einmal dann, als Högel aus der Untersuchungshaft entlassen wird. Muss man nicht mit dem Wissen aus Oldenburg befürchten, dass Högel sich einen neuen Job sucht und Gefahr im Verzug ist?

An Högels alter Arbeitsstätte in Oldenburg entwickeln sich derweil allerlei Aktivitäten. Frank Lauxtermann, Högels Ex-Kollege, sitzt mittlerweile auf einer Stabsstelle in der Pflegedirektion. Bei einer Montagsbesprechung sagt er: „Und ich habe mit dem Mann zwei Jahre gearbeitet.“

Die Pflegedirektorin antwortet: „Wir wollen doch diesen Namen nicht mehr in den Mund nehmen.“ Das alles sei zum Glück nicht mehr das Problem des Klinikums Oldenburg.

VI. Verschwundene Akten

Lauxtermann trennt sauber zwischen Selbsterlebtem und Weitergesagtem. Viele Dinge, die nach seinem Weggang von Station 211 im April 2001 geschehen sind, berichten ihm ehemalige Kollegen, mit denen er zum Teil eng befreundet ist. Von ihnen hört er, dass ihnen ein „Maulkorb“ verordnet worden sei. Und er hört von einem Auftritt der Pflegedirektorin: „Mit wehender Haube“ sei die Oberin nach Högels Festnahme auf Station 211 erschienen und habe Gesprächsprotokolle und die Strichliste von 2001 mitgenommen.

Stimmt das? Und wenn ja: Handelte sie allein – oder im Auftrag der Geschäftsführung?

2006 bitten vier ehemalige Kollegen von Station 211 Lauxtermann, eine anonyme Anzeige gegen Högel abzugeben. „Wir dürfen immer noch nicht reden“, sagen sie. Lauxtermann gibt keine Anzeige ab, heute bereut er das. Erst 2014, als der zweite Högel-Prozess beginnt, gibt er sein Wissen an die Polizei weiter.

Lauxtermanns Ex-Kollegen bestreiten später, diese Aussagen getätigt zu haben. Aber Lauxtermann beteuert, die Wahrheit zu sagen. Als Beleg führt er die Strichliste an: Zu dem Zeitpunkt, als er der Polizei davon berichtet habe, sei deren Existenz noch gar nicht bekannt gewesen. Wie hätte er sich so etwas ausdenken sollen?

Heute, 2018, sagt er: Nach seiner Aussage bei der Polizei seien langjährige Freundschaften zerbrochen. Sogar Prügel hätten ihm ehemalige Kollegen angedroht.

Die Gesprächsprotokolle und die Strichliste bleiben knapp zehn Jahre verschollen. Sie tauchen erst wieder auf im Zuge der Ermittlungen der Soko „Kardio“, die Ende 2014 ihre Arbeit aufnimmt. Dr. Dirk Tenzer, Nachfolger von Rudolf Mintrop in Oldenburg, übergibt die Unterlagen der Polizei.

Dirk Tenzer, Geschäftsführer und Vorstandsmitglied des Klinikums Oldenburg. Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

VII. Delmenhorst

Am 24. Juni 2005, Högel arbeitet seit zweieinhalb Jahren im Klinikum Delmenhorst auf der Intensivstation, treffen sich um 15 Uhr verschiedene Führungskräfte zu einer Krisensitzung. Zwei Tage zuvor war der Krankenpfleger Niels Högel von einer Kollegin dabei ertappt worden, wie er sich am Bett des Patienten Dieter M. zu schaffen machte; M. starb am folgenden Abend. Mittlerweile liegt auch das Ergebnis seiner Blutuntersuchung vor, es gibt keinen Zweifel mehr: Högel hat M. unerlaubt eine Überdosis des Herzmittels Gilurytmal gespritzt. Die Führungskräfte diskutieren: Was sollen sie jetzt tun?

Sie entscheiden sich dafür, erst einmal gar nichts zu tun. Am nächsten Tag würde sich Högel ja ohnehin in den Urlaub verabschieden, so steht es im Dienstplan.

Zur Spätschicht tritt der Pfleger Niels Högel ganz normal seinen Dienst auf der Intensivstation an. Gegen 19 Uhr tut er das, was er in den vergangenen Monaten bereits zigfach getan hat, womöglich hundertfach: Er tötet eine wehrlose Patientin, Renate R.

Es gibt keinen Zweifel: Hätten die Verantwortlichen in Delmenhorst am 24. Juni 2005 anders entschieden, könnte die Patientin noch leben.

Es ist Högels letzter Mord. Nach seinem Urlaub kehrt er nicht zurück in den Dienst, die Polizei ermittelt inzwischen gegen ihn. Die Beamten durchsuchen Högels Spind, sie vernehmen ihn. 2006 steht er erstmals vor Gericht, der Vorwurf: Högel soll versucht haben, den Patienten Dieter M. zu ermorden. Es geht um einen einzigen Fall.

Vor Gericht sagen ehemalige Kollegen aus Delmenhorst aus. „Erst haben wir noch herumgeflachst, dass so viele Patienten gestorben sind, irgendwann kriegte man ein komisches Gefühl“, sagt eine ehemalige Krankenschwester. „Es gab Kollegen, die gesagt haben, mit dem möchte ich nachts nicht mehr arbeiten“, erinnert sich eine andere Kollegin. Eine frühere Ärztin des Klinikums war nach eigenen Aussagen immer gestresst, wenn sie mit Niels Högel arbeiten musste: „Oje, was passiert heute wieder? Wer muss heute reanimiert werden?“ Einige Kolleginnen hätten zu Högel gesagt: „Du betrittst meine Patientenzimmer nicht.“ Auch in Delmenhorst finden sie einen Spitznamen für Niels Högel: „Brutaler Rettungs-Rambo“.

Zwei Zeugen sagen aus, dass sie die Stationsleitung über Vorfälle informiert hätten. Diese hätte das auch „komisch“ gefunden. Konsequenzen? Folgen? Keine. So wie zuvor in Oldenburg.

Die Staatsanwaltschaft Oldenburg hat gegen sechs ehemalige Högel-Kollegen aus dem Klinikum Delmenhorst Anklage erhoben. Der Vorwurf: Totschlag durch Unterlassung. Gegen vier der Beschuldigten, darunter zwei Ärzte, hat das Landgericht Oldenburg das Hauptverfahren eröffnet, nicht aber gegen zwei Pflegekräfte, dort sah das Gericht keinen hinreichenden Tatverdacht.

Ermittelt wird auch gegen fünf ehemalige Högel-Kollegen aus dem Klinikum Oldenburg, darunter der ehemalige Geschäftsführer und des Hauses und zwei Chefärzte. Auch hier geht es um den Vorwurf „Totschlag durch Unterlassung“.

Zwei der betroffenen Oldenburger Mitarbeiter arbeiten noch im Klinikum, die Pflegedirektorin befindet sich seit Jahren im Ruhestand.

Der damalige Chefarzt der Oldenburger Herzchirurgie arbeitet seit 2014 in gleicher Position in Österreich; er lehrt als Professor an der Universität. Nachdem er in den ersten Högel-Prozessen noch ausführlich ausgesagt hat, lässt er jetzt von seinem Rechtsanwalt ausrichten, dass er derzeit keine Erklärungen zur Sache abgeben werde.

Rudolf Mintrop wechselte 2013 als Geschäftsführer ans Klinikum Dortmund, größtes Krankenhaus in Nordrhein-Westfalen. Er gilt als erfolgreicher Sanierer, der das angeschlagene Haus aus der Krise geführt hat. Für das vergangene Jahr konnte er ein Rekordplus in Höhe von 5,6 Millionen Euro vermelden. Anfragen der NWZ zum Fall Högel lässt Mintrop unbeantwortet.

Die Ermittlungen laufen, Anklagen gibt es noch nicht.

Vor Gericht verantworten sollen sich die Klinikmitarbeiter aus Oldenburg und Delmenhorst ohnehin erst, wenn der Mordprozess gegen Högel abgeschlossen wurde. Hintergrund: Högel, der als Zeuge gegen seine Ex-Kollegen aussagen soll, macht von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Dieses Recht erlischt aber, wenn ein Urteil gegen ihn gesprochen wurde.

Im Klinikum Oldenburg gibt es seit 2016 ein Whistleblowing-System, eine Art anonymen Briefkasten. Aufwendig verschlüsselt und gesichert, für den Hinweisgeber aber einfach, sollen Mitarbeiter, Patienten, Angehörige über das Internet Auffälligkeiten melden können, ohne sich für Kollegen und Vorgesetzte identifizierbar zu machen. Ein Jurist soll dann unabhängig entscheiden können, ob Behörden wie die Polizei eingeschaltet werden müssen. Das Klinikum lässt sich das System jährlich einen mittleren fünfstelligen Betrag kosten.

Wäre vielleicht alles anders gekommen, wenn es ein solches System bereits 2001 oder 2002 gegeben hätte? „Das ist ein System, um Regelverstöße aller Art aufzudecken“, sagt Klinikchef Dirk Tenzer, „und keines, das in erster Linie Mordtaten entdecken soll.“

Die Sonderkommission „Kardio“ ließ auf ihrer letzten Pressekonferenz im August 2017 jedenfalls keinen Zweifel. Etwas umständlich, aber an Deutlichkeit kaum steigerbar, sagte Soko-Chef Arne Schmidt: „Aus polizeilicher Sicht steht fest: Hätten die damals Verantwortlichen des Klinikums Oldenburg Ende des Jahres 2001 die Ermittlungsbehörden eingeschaltet und ihnen mitgeteilt, dass sie eine Häufung von Reanimationen und Todesfällen auf der Station 211 haben, dann wäre die massive Häufung der Anwesenheit von Niels Högel aufgefallen. Die sich daraus notwendigerweise ergebende Begutachtung der Krankenakten wäre die Folge gewesen, und die daraus sich ableitenden Bewertungen hätten Niels Högel als den verantwortlichen Täter entlarvt. Und dann wären die vielen Todesfälle in Delmenhorst nicht zu beklagen gewesen.“

Sehen Sie hier: Wo Högel gewirkt und gemordet hat

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