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„Ich fühle Scham und teilweise Ekel“

22.11.2018

Oldenburg Wie erinnert sich ein Krankenpfleger an Patienten, mit denen er vor 18 Jahren zu tun hatte? Denkt er an ihre Ängste zurück oder an ihre Schmerzen? Erinnert er sich an ihre Gesichter? Oder sieht er ihre besorgten Angehörigen am Bett stehen, Kinder und Enkel, die Trostkarten mitgebracht haben und Blumen?

Bei Niels Högel, 41 Jahre alt, ehemaliger Krankenpfleger, verurteilter Mörder, funktioniert das anders.

An Franziska H. zum Beispiel, gestorben am 26. Juli 2000 durch eine Überdosis Lidocain im Klinikum Oldenburg, kann sich Högel gut erinnern: Er sieht ihren offenen Brustkorb vor sich, den Vakuumverband, „diesen speziellen Verband“, und natürlich die intraaortale Ballonpumpe, „ich hatte davon schon gehört“.

Högel kann sich auch an Karl S. erinnern, gestorben am 27. Dezember 2000 an einer Überdosis Kalium: Bei S. gab es diese „massive Durchblutungsstörung im Gehirn“, „das hatte ich so vorher auch noch nicht gesehen“.

An Alfred H., gestorben am 17. April 2001 nach einer Überdosis Ajmalin, erinnert sich Högel ebenfalls: H. wurde mit Elektroschocks reanimiert, zuerst über Elektroden am Kopf, dann per Elektrosonde direkt am Herzen, eingeführt über die große Vene. „Das habe ich vorher wohl schon mal gesehen, aber noch nie mitgemacht“, erinnert sich Högel.

15 erste Geständnisse

Es ist der zweite Verhandlungstag im Klinikmordprozess: Högel, angeklagt wegen 100-fachen Mordes, soll sich zu jedem einzelnen Fall äußern; Richter Sebastian Bührmann hatte ihm beim Prozessauftakt aufgetragen, im Gefängnis die Krankenakten der ersten 30 toten Patienten aus der Anklageschrift durchzuarbeiten. „Herr Högel“, sagt Bührmann, „wir werden heute einen sehr intensiven und anstrengenden Tag haben.“

Er richtet den Blick in den Saal: „Wir fangen an mit Frau Else S.“. Die 77-Jährige, gestorben am 7. Februar 2000 an Lidocain, war laut den Ermittlungsergebnissen der Soko „Kardio“ Högels erstes Mordopfer.

In der Weser-Ems-Halle sind die Reihen der Nebenkläger an diesem Morgen deutlich gelichtet, dafür sind die Zuschauerplätze fast vollständig besetzt. Bührmann wendet sich den Angehörigen zu. „Es wird notwendig sein, dass wir auch in Teilen die Krankengeschichte erörtern“, warnt er sie vor. „Wenn Sie Probleme haben, das zu hören, gehen Sie gern raus.“ Der Aufenthaltsraum für die Nebenkläger sei durchgängig besetzt mit Helfern der Organisation Weißer Ring. „Achten Sie auf sich, muten sich nicht zu viel zu“, bittet Bührmann.

Högel belastet Kollegen

26-mal wird er Högel an diesem Tag fragen, ob er sich erinnern könne: an den jeweiligen Patienten, an die Krankheitsgeschichte, an eine Manipulation. „Manipulation“, so heißt hier vor Gericht der mutmaßliche Mord am Krankenbett. 15-mal wird Högel angeben, er erinnere sich, er habe manipuliert. In den meisten anderen Fällen kann oder will er sich nicht erinnern. Aber fast immer sagt er: „Ich kann es nicht ausschließen.“ Einmal sagt er: „Wer soll das sonst getan haben? Ich kann mir keinen anderen vorstellen, der so was tun würde.“

Manchmal fällt ihm sogar ein Motiv ein für eine Tat. Er wollte eine Kollegin beeindrucken, sagt er einmal, „das war dieses Imponiergehabe gegenüber Schwester L.“.

Einen der Morde allerdings, es ist gleich der zweite Vorwurf in der Anklageschrift, streitet Högel rundweg ab. „Das ist einer von wenigen Patienten, wo ich sagen kann, dass ich keine Manipulationen vorgenommen habe“, sagt er. Er deutet stattdessen an, dass eine Kollegin sich verdächtig verhalten habe. Sie habe einen „gewissen Ruf“ gehabt. Zwar habe das niemand ausgesprochen, „aber jeder wusste, was gemeint war“.

Högel hockt da hinter der Anklagebank, die schwarze Adidas-Jacke bis oben zugezogen, so beugt er sich übers Mikrofon und äußert seine Vorwürfe mit ruhiger Stimme, sanft beinah. Sagt er die Wahrheit? Oder ist das alles nur eine weitere Variante der Högel-Inszenierung, die man ihm bereits im Prozess 2014/15 vorgeworfen hatte?

In einem anderen Fall gibt er zu, eine Patientin in einer Notfallsituation gespritzt zu haben – reanimiert habe sie dann aber ein Assistenzarzt „wie im Wahn“, bis ihr die Herzdruckmassage einen Rippenknochen ins Herz gestoßen habe. „Ich kam gar nicht ans Bett ran“, sagt er.

Högel belastet ehemalige Kollegen, er erwähnt ihre „mangelhafte Dokumentation“, er sagt, „dass Pflegekräfte kurzfristig von sich aus Medikamente injiziert haben, das kam vor“. Er sagt so etwas fast beiläufig, gern mit dem Zusatz: „Ich will nichts entschuldigen“. Aber zwischen den Zeilen legen solche Sätze doch immer den Eindruck nahe: Das ganze System ist kaputt, ich selbst bin nur ein Opfer. Högels regelmäßigen Hinweise auf seinen Medikamentenmissbrauch und psychischen Stress vervollständigen ein solches Bild. Ist das sein Ziel in diesem Prozess? Schuldig ja – aber nicht allein?

Als ein Oldenburger Ex-Kollege am Nachmittag diese Vorwürfe Högels auf NWZonline.de liest, sagt er: „Er will möglichst viele mit runterziehen in den Abgrund. Das ist wahrlich krank.“

„Jeder Fall tut mir leid“

Rechtsanwältin Gaby Lübben, die fast 100 Nebenkläger vertritt, fragt Högel, was er heute empfinde, wenn er die Krankenakten lese, wenn er sich an seine Taten erinnere.

„Scham“, sagt Högel, „teilweise Ekel vor mir selbst. Und ein großes Fragezeichen.“ Dann sagt er erstmals: „Jeder einzelne Fall, auch wenn ich es lese, tut mir unendlich leid.“

Bührmann macht weiter seine Arbeit (und entschuldigt sich bei den Angehörigen im Saal für das Wort „Arbeit“): Erika S., gestorben am 2. März 2001, Ajmalin. Wilhelm W., gestorben am 3. März 2001, Lidocain. Ursula J., gestorben am 4. März 2001, Ajmalin. Elfriede D., gestorben am 5. März 2001, Sotalol. „Wenn man das so sieht“, sagt der Richter, „da sterben die Patienten jetzt täglich.“

Lesen Sie auch:

Mordserie im Klinikum Oldenburg: Wer hätte Niels Högel stoppen können?

Gab es Fälle, in denen Högel so etwas wie Trauer verspürte?

Doch, sagt Högel, einen Fall habe es gegeben, so ziemlich am Ende: der Tod von Adnan Tüter, zweifacher Familienvater, verstorben mit 47 Jahren 2004 in Delmenhorst. Tüters Frau hat 2017 ihre Leidensgeschichte in der NWZ erzählt. Högel sagt, in den Fall Tüter sei er „emotional sehr verwickelt“ gewesen.

Warum Herr Tüter?

„Weil ich gesehen habe . . .“, Högel stockt kurz, „weil es für mich ein Vorbild war, wie familiärer Zusammenhalt funktionieren kann.“

Nach 26 Fällen beendet Richter Bührmann den Prozesstag. Högel ist angeklagt wegen 100-fachen Mordes, wegen sechs Taten wurde er bereits in früheren Prozessen verurteilt. Dass die Zahl seiner tatsächlichen Opfer sehr viel höher sein könnte, ist bekannt: Weit mehr als 100 Patienten, die während der Högel-Schichten gestorben sind, wurden feuerbestattet, ihre Leichen konnten nicht mehr auf Medikamentenrückstände untersucht werden. Früh hieß es deshalb, Högel könnte auch 200 Patienten getötet haben.

Hausarbeit für den Mörder

Im Prozess taucht nun eine weitere Größe auf. Högel spritzte seinen Opfern gefährliche Medikamente, um sie reanimieren zu können. Wenn die Reanimation misslang, starben sie. In der Weser-Ems-Halle sagt Högel, dass es eine weitaus höhere Zahl an erfolgreichen Reanimationen gegeben habe. In der Anklageschrift gibt es manchmal lange zeitliche Pausen zwischen den Todesfällen, mitunter monatelang. Högel sagt: „Ich kann mich nicht erinnern, eine Pause gemacht zu haben.“ An wie vielen Patienten mag er sich also vergriffen haben? Vielleicht an 400? An 500? Feststellbar sind solche Taten nicht, justiziabel auch nicht: Als Körperverletzung wären sie längst verjährt.

Högel kann sich nicht einmal an seine erste polizeilich nachgewiesene Tat erinnern. Else S. starb nach einer Überdosis Lidocain. Högel meint aber, er habe mit Kalium angefangen zu töten. War Else S. gar nicht sein erstes Opfer?

Am dritten Prozesstag will das Gericht weitermachen mit Fall 27. Es ist in der Tat eine intensive und anstrengende Suche nach der Wahrheit. Nach der Mittagspause kommt mehr als die Hälfte der Zuhörer nicht wieder zurück in den Gerichtssaal.

Der Richter gibt Högel die Hausaufgabe auf, noch am Abend im Gefängnis weitere Krankenakten durchzuarbeiten, „so weit Sie kommen“.

Warum mordete Niels Högel, ein Krankenpfleger aus Wilhelmshaven?

Högel sagt: „Warum ich letzten Endes so empathielos war, und so eiskalt, ich weiß es einfach nicht.“ Er macht eine kurze Pause. „Zumal ich so ja auch nicht aufgewachsen bin, ohne menschliche Wärme.“

Rückblick auf den ersten Prozesstag:

Högel gesteht Patientenmorde

Högel: „Ich hätte auch im Pius anfangen können“

Großer Ansturm auf Besucherränge bleibt aus

Der Prozess und die Medien

Ein besonderer Richter für die spektakulären Fälle in Oldenburg


Mehr Texte:   www.nwzonline.de/krankenpfleger-prozess 
Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020

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