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NWZonline.de Nachrichten Panorama Blaulicht

Högel: „Ich war in einem Tunnel unterwegs“

12.12.2018

Oldenburg 17 Jahre alt war der Krankenpflegeschüler Niels Högel, als er im St.-Willehad-Hospital Wilhelmshaven seinen ersten Patienten verlor. Heinrich B. war unglücklich beim Röntgen gestürzt, seine Nieren versagten, auf der Intensivstation stand nun seine Frau und fragte: „Stirbt mein Mann jetzt?“

„Nein“, sagte der Schüler Högel, er war sich sicher: „Ihr Mann schläft nur.“

Dann starb Heinrich B., und Högel sah den Blick von Frau B., „dieses Traurige“.

Lange habe ihn dieser Tod beschäftigt, „das ging mir sehr nah“, so erinnert er sich am Dienstag vor dem Landgericht Oldenburg. „So etwas sollte mir nie wieder geschehen, so eine Fehleinschätzung.“

Knapp 10 Jahre später, Högel arbeitet inzwischen im Klinikum Delmenhorst, holt ihn die Vergangenheit ein. Vor ihm liegt ein Patient, der exakt den gleichen Namen wie sein erster Toter trägt: Heinrich B.

Was tut Högel? Er zieht heimlich das Herzmittel Gilurytmal auf, er spritzt es B. in Überdosis, es ist kurz nach Weihnachten 2003. Wieder stirbt ein Heinrich B., diesmal durch die Hand von Högel.

Es ist der vierte Prozesstag im Fall Högel, fast 70 Mordvorwürfe hat das Gericht inzwischen kleinteilig abgearbeitet, aber jetzt stutzt Richter Sebastian Bührmann. „Das ist doch zynisch“, sagt er, „eine Kälte, die man sich kaum vorstellen kann: Sie wählen einen Patienten gleichen Namens aus, und der stirbt dann auch. Was geht in einem Menschen vor, der einen solchen Gedanken entwickeln kann?“

Er wisse es nicht, antwortet Högel. „Ich sehe nur, da ist so viel falsch gelaufen.“ Zwischen 1994 und 2004 sei er, nun ja: „mutiert“.

Augenfällig ist aber nicht nur die Veränderung zwischen dem Schüler Högel und dem Intensivpfleger Högel. Während er längst Patienten „manipuliert“, wie es im Gerichtsdeutsch heißt („vergiftet“, wie es Richter Bührmann wiederholt übersetzt), geschieht offenbar wieder etwas mit Högel: Er stumpft zunehmend ab. 36 Morde soll er laut Anklageschrift in den Jahren 2000 und 2001 im Klinikum Oldenburg begangen haben, 22 davon hat er an den ersten beiden Verhandlungstagen zugegeben. 47 Tötungen hat ihm das Gericht bislang für das Klinikum Delmenhorst vorgehalten, begangen zwischen 2002 bis 2004 – hier erinnert sich Högel nicht einmal mehr an jede dritte Tat.

Lesen Sie in unserem Spezial alle Artikel zu den Klinikmorden

Högel sagt, mit fortlaufender Dienstzeit sei seine Wahrnehmung immer mehr „verschleiert“ gewesen, er habe sich „in einem Tunnel“ befunden. Er habe sich damals sogar gewünscht, erwischt zu werden. Er sei immer mehr Risiken eingegangen, er habe die Herausforderung gesucht, er habe die tödlichen Medikamente gespritzt, „wenn das Personal ums Bett herumschwirrte“.

Und wie zuvor schon die Ex-Kollegen aus Oldenburg belastet er nun auch die Ex-Kollegen aus Delmenhorst: „Man hat ja gesehen, dass ich etwas injiziere, und unmittelbar danach tritt die Reanimationssituation ein. Da hätte man ja schon den Zusammenhang herstellen können. Oder sogar müssen.“

Noch einmal wirft er den Pflegern vor, dass auch sie längst „ihre Menschlichkeit verloren hatten“. Er beschreibt, wie sich eine Schwester bei einer Reanimation „theatralisch“ aufs Bett geworfen habe: Sie habe dem Patienten das OP-Hemd aufgerissen und gerufen: „Atme, atme, bleib’ bei mir!“ Högel sagt: „Wie in einem schlechten Film.“

Warum?, fragt ihn der Richter. „Um das ins Lächerliche zu ziehen“, antwortet Högel.

Aber sagt Högel, dieser vielfach überführte Lügner, jemals die Wahrheit?

Am Nachmittag geht es um den Tod von Adnan Tüter, zweifacher Familienvater, verstorben am 15. Juni 2004. Tüters Witwe Mariya hatte seine Geschichte in der NWZ erzählt, „ich kann mit dieser Ungewissheit nicht leben“, sagte sie damals. Högel sagt nun, er könne sich an Adnan Tüter erinnern, er lobt „diesen familiären Zusammenhang“, „so manche Familie könnte sich davon eine Scheibe abschneiden“.

Und dann sagt er: „Eine Manipulation meinerseits kann ich ausschließen.“

Tüters Leichnam musste in der Türkei exhumiert und untersucht werden, die deutschen Behörden hatten keinen Einfluss darauf. Högel weiß, dass dieser Fall der wackeligste ist in der gesamten Anklageschrift.

„Ich bin mir durchaus der Tragweite bewusst“, behauptet er, „insbesondere gegenüber Frau Tüter, aber ich kann das ausschließen.“

Im Saal sitzt Frau Tüter, in der Hand ein zerknülltes Papiertaschentuch, sie schüttelt den Kopf. Dann verlässt sie die Halle und kehrt an diesem Tag nicht mehr zurück.


Mehr Texte:   www.nwzonline.de/krankenpfleger-prozess 
Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020

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